Über diesen Blog

Samstag, 10. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 2

In einer Dokumentation geht ARTE der Frage nach, wann Protest wirkt. XXXXXX 



Immer mehr Proteste 

Immer mehr Menschen gehen weltweit auf die Straße. Die Menschen werden immer kompetenter und informierter – und sind bereit auf die Straße zu gehen, wenn sie eine Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen können. 

Ebenen des Erfolgs 

Protestforschung versucht den Erfolg von Protest auf drei verschiedenen Ebenen zu ermitteln: 
Aufmerksamkeit für das Thema: Dies kann z.B. durch Ungehorsam geschehen, so haben Frauen im Iran in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch ausgezogen.
Öffentlichkeit: Je mehr Leute mitmachen, desto größer der Druck. 
Entscheider sollen handeln: diese Ebene ist die schwierigste 

Unterschiedliche Erfolge 

Die Dokumentation untersucht den unterschiedlichen Erfolg von Bewegungen. Obwohl die Landwirte mit ihren Straßenblockaden ähnliche Strategien verfolgt haben wie die Umweltbewegung „Letzte Generation“ waren sie deutlich erfolgreicher. Sie waren besser organisiert, ihr Anliegen wurde von der Bevölkerung unterstützt und ihr Wunsch – die Rücknahme der Kürzungen – konnte schnell verwirklicht werden. 

Erfolge brauchen Zeit 

In der Dokumentation werden die Thesen von Erica Chenoweth vorgestellt. Sie verweist darauf, dass ein gewaltfreier Kampf häufig effektiver ist als ein bewaffneter. Es sollten möglichst viele und unterschiedliche Menschen sein, die die Bewegung unterstützen. Sie brauchen Disziplin und Geduld – eine durchschnittlicher erfolgreiche Kampagne braucht drei Jahre. 
Am Beispiel der gescheiterten Revolution von 1848 zeigt die Dokumentation, das dies noch länger dauern kann. Zwar war die Revolution nicht erfolgreich, durch die Verfassung wurden aber Denk-muster aufgebrochen und die Monarchie in Frage gestellt. 

Soziale Medien wichtig, aber nicht immer erfolgreich 

Soziale Medien spielen bei aktuellen Protesten eine wichtige Rolle und haben viele Menschen auf die Straße gebracht zeigt das Beispiel des Arabischen Frühlings, dass diese mittelfristig nicht immer erfolgreich waren. Die Autoren erklären die Unterschiede, dass sich früher Menschen einig waren und die Demonstration am Ende des Protests stand – heute treffen sich Menschen, die oft nicht mehr als gemeinsames Feindbild gemeinsam haben. 

Protest wird gebraucht 

Egal auf welcher Ebene ein Protest erfolgreich ist – Protest wird gebraucht. Denn eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn an strittigen Stellen auch Widerspruch geäußert werden darf. Moderne Gesellschaften sind ständig in Bewegung und Veränderung – Proteste leisten bei der ständigen Aushandlung einen wichtigen Beitrag. 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 1

Der Protestforscher Simon Teune erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, wann Protest wirkt. Das Thema biete ich in meiner Seminarliste

Was sind Proteste?

Er definiert Protest als einen öffentlichen Widerspruch, den ein kollektiver, nicht-staatlicher Akteur organisiert, um eine politische Botschaft zu senden. Das können Gewerkschaften, Studierendenverbände, Prominente oder Wissenschaftler. 
Die Forscher unterscheiden dabei zwischen 
•    Demonstrativ: Kundgebungen oder Protestmärsche 
•    Konfrontativ:; unangemeldete Proteste, Blockaden und Sachbeschädigung 
•    Politische Gewalt: Brand- und Sprengstoffanschläge sowie Angriffe bis hin zum Mord 
Gemeinsam mit Kollegen hat er Medienberichte über Protestereignisse analysiert. 
Das Ergebnis zeigt, dass es immer mehr Proteste gibt. Es ist heute leichter und selbstverständlicher, Proteste zu organisieren. Mehr Menschen können sich vorstellen, an Protesten beteilig zu sein. 

Proteste und soziale Bewegungen hängen zusammen 

Taune betont, dass soziale Proteste nicht identisch mit einer sozialen Bewegung sind, aber zusammenhängen. So haben die Demos gegen rechts mit anfangs zwei Millionen Menschen nachgelassen, haben aber einen Nerv getroffen. Seit Jahren gibt es gewachsenen Netzwerke 

Der Anstieg verläuft nicht linear: 

Einen ersten deutlichen Ausschlag gibt es Ende der Sechziger zur Blüte der Studentenbewegung. Zu Beginn der Achtziger mobilisieren neue soziale Bewegungen, insbesondere gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen und gegen den Ausbau von Atomenergie. In den frühen Neunzigern sehen wir dann einen Anstieg rassistisch motivierter Gewalt sowie die dagegen gerichteten Massendemonstrationen.

Themen haben sich verändert 

Auch die Themen haben sich verändert: Waren es in den 50er Jahren noch Verteilungsfragen sind es heute ganz unterschiedliche Themen: die Umgehungsstraße, Handelspolitik, Ökologie oder Migration. 
Die „Mutter aller nachfolgenden Protestbewegungen“ sind dabei die 68er Generation, denen in den 70er Jahren die Frauen-, die Friedens-, die Antiatombewegung folgten. 
Seit 1990 hat der Anteil an konfrontativer und gewaltförmiger Proteste zugenommen, vor allem durch rechte Gewalt. 

Erfolg schwierig zu bewerten 

Während andere Forscher Zahlen genannt haben, ab wann ein Protest erfolgreich sein kann, vermeidet der Autor dies. Zwar geht es generell darum, viele Menschen zu motivieren, aber es gibt keine Garantie für Erfolg. Bei der Berichterstattung dominieren die Straßenblockaden der „Letzen Generation“ oft gegenüber Protesten mit mehreren Hunderttausend Teilnehmenden. 
In Bezug auf die Ziele ist die Bilanz eher mau: Die Anti-Atom-Bewegung hat Kernkraftwerke nicht verhindert, die Stuttgart-21-Gegner nicht den Bahnhof und das Freihandelsabkommen mit den USA wurde von Donald Trump aufgehalten. Auch die Klimaziele werden trotz vieler Proteste gerissen. Eine Ausnahme sind die Bauernproteste im letzten Winder – hier hat die Regierung sofort reagiert, da die Bauern ein Drohpotenzial und eindrucksvolle Straßenblockaden schafften. Ihre Proteste werden als legitmer angesehen, da sie Lebensmittel produzieren, auf die wir angewiesen sind. 

Protestieren wird langfristig 

Protestieren wirkt eher langfristig. Parteien gingen aus den Bewegungen hervor oder wurden darin gestärkt, so die SPD aus der Arbeiterbewegung, die Grünen aus der Friedens- Frauen- und Anti-Atombewegung und der AfD verhalt Pegida zu neuer Dynamik. 
Teune betont, dass Protest immer eine wichtige demokratische Funktion hat, da Menschen ihre Unzufriedenheit ausdrücken können. Der  Erfolg liegt auch darin, Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken, gehört zu werden, andere zu inspirieren.

Dauerhafte Motivation schwierig 

Viele Bewegungen haben auch  Schwierigkeiten, Menschen dauerhaft zum Demonstrieren zu motivieren. Fridays for Future wurde auch durch die Corona-Pandemie gebremst. Waren sie anfangs stark von jungen Menschen geprägt, hat sich dies verschoben. Heute mischen sich verstärkt Menschen jenseits der Verrentung mit ein – das haut auch mit zeitlichen Ressourcen zu tun. 
Er betont auch, dass die Bewegung ähnlich wie die 68er nicht von der Mehrheit getragen wurden. Sie haben jedoch das Selbstverständnis von Menschen geprägt, die gar nicht mitprotestiert haben. 

Sorge um soziale Bewegung von rechts 

Besorgt äußert sich der Forscher über die Bewegung noch rechts. War es lange Zeit ein Tabu, gemeinsam mir extremen Rechten zu protestieren, hat sich dies mit Pegida verändert. 
Auch bei den Corona-Protesten haben unterschiedliche Milieus protestiert – christliche Fundamentalisten, alte Linke. Die Themen wurden verknüpft - zuerst Corona, dann – nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – Energieversorgung und Frieden.

Wichtige Rolle von sozialen Medien 

Zentral ist dabei die Rolle der sozialen Medien, in denen Organisation und Meinungsbildung stattfindet. Die Debatten sind stärker von Emotionalisierung geleitet, eigene Positionen müssen weniger begründet werden. Man arbeitet nicht auf einen gemeinsamen Konsens, sondern ist eher durch ein Feindbild vereint. In sozialen Medien und Messengerdiensten werden Informationen stärker ausschnitthaft wahrgenommen und direkt von Gleichgesinnten eingeordnet. 

Entspannung ist nicht in Sicht 

Weltweit beobachten Forscher eine stärkere Mobilisierung für demokratiefeindliche Positionen – Akteure wollen nicht mehr Rechte für mehr Menschen, sondern die Einschränkung Durch die zahlreichen Konflikte und die Klimakrise sieht er mehr Migration und eine konfliktgeladene Zukunft: Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Es gibt Hoffnung 

Aber er hat auch Hoffnung, da es immer wieder Leute gibt, die sich für Demokratie und Menschenrechte vor Ort einsetzen. SO haben die Bunten Perlen Waldheim einen  Gegenprotest gegen den montäglichen Spaziergang der extremen Rechten im Ort organisiert. „Die lassen sich nicht einschüchtern. Und das macht mir Hoffnung“..