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Samstag, 26. September 2026

PISA-Studie 3: Die Impfung gegen Dummheit

Anant Agarwala und Martin Spiewak analysieren in der ZEIT die schlechten Pisa-Werte. Sie verweisen auf den Effekt von Smartphones, die dazu geführt haben, dass nach jahrzehntelangen Anstiegen die Leistungen weltweit sinken. 

Die Bildungskrise ist auf Welttournee 

In Deutschland sind die Leistungen der Schüler auf ein historisches Tief gesunken. Ein Drittel unserer Neuntklässler liest auf Grundschulniveau. Die Gründe sind stets griffbereit: hohe Zuwanderungszahlen, Nachwehen der Pandemie, Lehrermangel und natürlich die Politik durch Spardiktate oder das ungerechte Schulsystem. Dabei ist die Bildungskrise auf Welttournee. Seit 2012 konnten sich nur drei Staaten verbessern. 

Jahrzehntelang wurde die Menschheit klüger

Die Autoren erklären den Flynn-Effekt, demzufolge die Intelligenzwerte durch Lesen, Aufmerksamkeit und Denken gestiegen sind. Neben Faktoren wie gesünderer Ernährung und besser Medizin wirkte die „Superkraft des Lesens“ Experimente zeigte, dass Lesen mehrere Hirnfunktionen steigern und wie ein permanenter Intelligenzbooster wirkte. 

Etwas ändert sich Ende der Nullerjahre

Noch vor der Pandemie verschlechterten sich die Zahlen – die Autoren führen dies auf die Erfindung von Smartphones und sozialen Medien zurück. Der weltweite Absturz betrifft auch Kinder aus wohlhabenden Familien, kann also nicht nur mit Armutszuwanderung und Sprachproblemen erklärt werden. 
Zu den Ursachen gehören: Die permanente Ablenkung durch die Geräte, ein an schnelle Reize gewöhntes Belohnungssystem, dessen Hunger Texte nicht befriedigen können – und schlicht Zeit. Vier Stunden hängen Jugendliche täglich am Bildschirm. Diese Stunden fehlen für andere Aktivitäten. Texte, die länger als WhatsApp-Nachrichten sind, werden weltweilt weniger gelesen. 

Mit KI zur Supperdummheit? 

Die Verbreitung der Künstlichen Intelligenz führte zum Szenario einer Supperdummheit, da auch der „anstrengendere Zwilling“ bedroht ist: das Schreiben. Brauchten andere Kulturrevolutionen jahrzehntelang, breitet sich KI rasant aus: Rund 90 Prozent der deutschen Schüler nutzen Chatbots mittlerweile für ihren Schulstoff, zeigen Umfragen. Die Folgen sind noch nicht absehbar, die Gefahren sind aber offensichtlich: „KI an, Hirn aus“. Eine wütende Forscherin wird zitiert, die ständig von den Kosten für KI-Datenzentren liest, aber nichts von den Kosten für den menschlichen Verstand. 

In Zukunft nur noch Einheitsbrei?

Eine weitere Sorge gilt der Kreativität. Es droht ein Einheitsbrei, weil weniger Gedanken und Ideen entwickelt werden. Selbst erfahrene Wissenschaftler erkannten nicht, dass Essays zwar eloquent, aber weder originell noch innovativ waren. Es droht ein gedanklicher Einheitsbrei. „Alle, die mittels KI das gleiche Ziel verfolgen, gelangen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem ähnlichen Ergebnis, wie es zu erreichen ist“.

Der Traum vom neuen Lernen

Dennoch warnen die Autoren vor der Gleichung: „Mehr Smartphones + KI = weniger Lesen = weltweite Ignoranz?“ Führe Entwicklungen wie Radio. Fernsehen oder Videospiele führten auch zur Angst, dass die menschlichen Intelligenz Schaden nimmt. Dennoch sind die Gefahren real. Ein spaltete sich die Bevölkerung in eine Elite, die Lesen konnten, und dem großen analphabetischen Rest. Diese Gefahr besteht wieder. Der Flynn-Effekt zeigte, dass unsere Urgroßeltern nicht dümmer waren, sie hatten nur bestimmte Fähigkeiten nicht trainiert. Wir dürfen das lästige Lesen, Schreiben und Denken nicht delegieren, sonst könnten auch unsere Gehirne Wege suchen, sich zu entwickeln. 

Montag, 21. September 2026

PISA-Studie 2: Von Kindern aus benachteiligten Verhältnissen wird weniger erwartet

In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung analysiert der renommierte Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani die Ergebnisse der Pisa-Studie. 

Der Abschwung war zu erwarten

El-Mafaalani ist über den Abschwung nicht überrascht, andere Untersuchungen haben diesen Trend bereits bestätigt. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung sogar noch beschleunigt. Die Leistung hat auch in Hamburg nachgelassen – bisher eine Ausnahme bei den Bundesländern – und Kindern von Akademikern. Sein bitteres Fazit: „Im Prinzip gibt es überhaupt nichts, was nicht nach unten deutet.“

Soziale Medien und Pessimismus 

Der Soziologe nennt zwei Faktoren außerhalb des Bildungssystems, die diesen Abwärtstrend erklären können: 
Der Pisa-Knick, der sich bis heute fortsetzt, begann Anfang der 2010er Jahre – genau die Zeit, in der Smartphones und soziale Medien populär wurden. Er betont, dass dies Verbreitung auch bei Eltern negative Folgen hat. 
Ein weiterer Grund ist der Pessimismus: Die Ergebnisse werden schlechter, weil alle glauben, dass es schlechter wird. Besonders für Kinder aus schwierigen Verhältnissen ist das problematisch: von ihnen wird weniger erwartet und sie haben den Eindruck, dass die Erwachsenen nicht an sie glauben. 

Superdiversität in der Gesellschaft und an den Schulen  

Seit der ersten Pisa-Studien hat sich die Migration vervielfacht. Andere Länder zeigen, dass man dennoch gute Ergebnisse erzielen kann. Das deutsche Schulsystem hat sich zwar verbessert, passt aber nicht zu den heutigen Anforderungen. 
Die Gesellschaft ist heterogener geworden. Neben Migration prägen unterschiedliche Familienformen das Bild. Superdiversität beschreibt die Herausforderungen für Behörden, soziale Dienstleistungen für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen anzubieten. Auch Schulen müssen sich mit dieser „Superdiversität“ auseinandersetzen. 

Nachholarbeit als Aufgabe der Schule 

El-Mafaalani vergleicht die Situation eines Kindes nach längerer Krankheit. In vielen Ländern ist es Aufgabe der Schulen, dass das Kind wieder folgen kann. In Deutschland ist diese Nachholarbeit traditionell Aufgaben der Eltern. Andere Systeme verzichten auch auf Selektionsprozesse wie Sitzenbleiben oder Schulwechsel: Dies könnte eine Erklärung sein, warum diese Länder besser mit Heterogenität klarkommen. 
El-Mafaalani fordert ein Sondervermögen für Bildung und mehr Freiraum für Schulen: sie sollen eigenes Geld bekommen, um gezielt fördern zu können. Dies wirke besser, als wenn Kinder den Stempel „sonderpädagogischer Förderbedarf“ benötigen, um Unterstützung zu bekommen. 

Kein Grund für Überheblichkeit 

Deutschland sollte mehr nach anderen Ländern schauen, für die bisherige Überheblichkeit gibt es keinen Grund. In China und Japan wird Mathe mit dem Ziel unterrichtet, dass das Niveau hoch ist und zugleich alle mitkommen. Anders als oft unterstellt – andere Länder haben davon gelernt. 
Dies gilt besonders für die Selektion – die meisten Länder, die in der Pisa-Studie besser abschneiden, sind inklusiv. Er kritisiert das „Schulkorsett“, das Schulen verbietet von Regeln abzuweichen. Beispielsweise könnten die Grundschuljahre anders organisiert werden, wenn sich die Stärksten langweilen, während die Schwächsten sitzen bleiben. Er plädiert nicht für einen permanenten Regelbruch: Besser wäre es, wir würden daraus ein flächendeckendes Prinzip machen.

Freitag, 11. September 2026

PISA-Studie 1: Die Bildung bruacht endlich Priorität

Die Pisa-Studie fiel in Deutschland – und vielen anderen Ländern – so schlecht aus wie nie zuvor. Einige der Kommentare und Verbesserungsvorschläge stelle ich in den nächsten Beiträgen vor. . 

Pisa-Studie: Die Bildung braucht endlich Priorität

Vinzent-Vitus Leitgeb fordert in der Süddeutschen Zeitung einen stärkeren Fokus auf Bildung. . 

Bedenkliche Schwächen 

Die Pisa-Studie zeigte in allen Bereichen schlechte Ergebnisse. Ein Viertel der getesteten 15-Jährigen in Deutschland hatte Schwierigkeiten, Multiple-Choice-Fragen dazu zu beantworten. Gar ein Drittel der Schüler im Land kann laut der neuen Pisa-Studie nicht ausreichend lesen oder rechnen. Diese Jugendlichen werden im späteren Berufsleben erhebliche Probleme haben, denn nicht nur die Wirtschaft braucht gut gebildeten Nachwuchs, auch unsere Gesellschaft benötigt aufgeklärte junge Menschen, die die Demokratie mit Leben füllen.

Stetiger Abwärtstrend

Der Vergleich zu bisherigen Studien zeigt einen klaren Trend: Die Leistungen nehmen konstant ab. Für die Ergebnisse 2022 gab es gute Ausreden: Die Corona-Pandemie und der Zuzug von mehr als 200.000 ukrainischen Kindern. Inflation und Kriege belasteten die Haushalte, KI veränderte die Lernprozesse. Es gab erfolgreiche Programme, die waren aber häufig zeitig befristet und nicht ausreichend. 

Bildung braucht höchste Priorität 

Es gibt Fortschritte, so diskutieren Bund und Ländern über eine gemeinsame Steuerung und nationale Bildungsziele. Es kommt auf die überparteiliche Zusammenarbeit an, die Bildungskrise muss als Priorität anerkannt werden. Die Zeit für Ausreden ist vorbei.

Dienstag, 25. August 2026

Kulturkampf im Volksbad

Schon die Idee eines „Volksbads“ vor der Berliner Volksbühne sorgte für Furore, die Reservierung für einen Verein, der mit schwarzen Jugendlichen arbeitet, sorgte dann für einen Kulturkampf. Während Peter Lauterbach die Reaktionen von rechter Seite kritisiert, argumentiert Jens Balzer, dass der Intendant Lilienthal die Folgen bewusst einkalkuliert hat. 

"Volksbad" vor der Berliner Volksbühne: Kulturkampf im Wasser

Peter Laudenbach kritisiert in der Süddeutschen Zeitung  den Kulturkampf im Wasser, der sich durch das Volksbad vor der Berliner Volksmühle ergeben haben. 

Ein Bad sorgt für Abkühlung – und Aufmerksamkeit 

Es gehört nicht unbedingt zu den Kernaufgaben eines Theaters zählt, hatte das Volkstheater mit einem kleinen Swimmingpool vor den Türen für Aufsehen gesorgt. Eine Onlineanmeldung genügt, um der Hitze der Stadt für einige Minuten zu entkommen. Wie andere Bäder ihre Becken zeitweise nur für Vereinsschwimmer öffnen; so, wie es überall Badezeiten gibt, die zum Beispiel Frauen oder Rentnern vorbehalten sind – so wollte die Volksbühne den Verein „Each One Teach One“ für einen Nachmittag in ihr Volksbad einladen, und nur ihn. Der Berliner Verein arbeitet mit schwarzen Kindern und Jugendlichen.

Zielobjekt des rechten Kulturkampfs 

Durch diese Einladung wurde die Volksbühne zum Hassobjekt. Das rechte Portal Nius, die Bildzeitung und die AfD überboten sich mit Vorwürfen, von Rassismus gegen die weiße Mehrheitsgesellschaft war die Rede. Henryk M. Broder fühlte sich von der Bade- und Einlass-Ordnung der Volksbühne im Sparten-Kanal Welt TV gar an die Nürnberger Rassengesetze erinnert, also an das juristische Vorspiel des Völkermords an den europäischen Juden. Kleiner ging es wohl nicht. 

Die Volksbühne ist überfordert 

Der Autor argumentiert, dass die Volksbühne und ihr Intendant Matthias Lilienthal überfordert waren und nicht mit der Aufregung rechnen konnten. Die Absage folgte Triumphgeheul von Akteuren wie Ulf Poschart, die Reaktion des Volksbades war mit einem „Fickt euch“-Plakat ebenso heftig. Der Intendant Lilienthal befürchtet, dass er „auf dem Feindbild-Radar“ der Rechten bleibt. 

Berliner Volksbad: Was für ein genialer Move!

In der ZEIT beschreibt Jens Balzer Lilienthal als den großen Gewinner. Die Volksbühne war fast erledigt, jetzt ist es durch das Volksbad zurück in den Medien. 

Genialer Move – ein Tag für die Schwarze Community 

Anders als Leutenbach glaubt Balzer nicht, dass Lilienthal überrascht war, er bezeichnet es als nächsten genialen Move. Er musste wissen, dass auf den Shitstorm der Gegen-Shitstorm folgt und letztlich die Ansicht bestätigt wird, dass alle Weißen irgendwie rassistisch sind.

Gruppen-Sonderbehandlungen beibehalten 

Der sicher nicht ernst gemeinte Rat des Autors lautet die Gruppensonderbehandlung beizubehalten – z.B. für Ostdeutsche - Christoph Schlingensief jedenfalls wäre entzückt.

Kulturkampf als Thema in meinen Seminaren 

In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein Seminar mit dem Titel "Über (Anti-)Wokeness, Abtreibung und Gendern – ein Kulturkampf?"

Sonntag, 9. August 2026

Weltweiter Geburtenrückgang - gar nicht so schlimm?

In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten. 

Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!

Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT  die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen. 

Weltweit gehen die Geburtsraten zurück 

Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten. 
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt. 

Warum kriegen die Leute weniger Kinder?

Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.

Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum 

Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen. 

Unterschiede zwischen Wunsch und Realität 

Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt. 

Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen

Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei. 

Gesellschaften können sich arrangieren

Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen. 
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.

Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente

Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.

Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?

Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht. 

Unsicherheit in diesen Zeiten 

Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder. 

Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus

Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt. 

Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten 

Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“

Dienstag, 28. Juli 2026

Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet

In der Süddeutschen Zeitung stellt Yannik Yeşilgöz die Ergebnisse verschiedener Studien über die Generation Z vor: Sie sind zuversichtlicher als erwartet.

Viele Zuschreibungen 

Seit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, wurden ihr viele Befindlichkeiten zu geschrieben. Erst war sie zu grün, dann zu rechts, dann von den sozialen Medien verwirrt. Wenig überraschend kommt die Trendstudie der Universität Konstanz zum Ergebnis, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. Es gibt auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen – aber nicht mehr als bei älteren Generationen. 

Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als Staatsform

Ein ähnliches Bild zeigt die Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Junge Menschen sind etwas optimistischer über die Zukunft und weniger unzufrieden mit der Demokratie als ältere Jahrgänge. Die Unzufriedenheit gilt auch eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Geringere Zufriedenheit bedeutet noch keine Krise, zudem sind die Erwartungen heute höher. 

Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr

Pessimistisch sind jungen Leuten in Bezug auf gesellschaftliche Themen. Bei den Themen sozialer Zusammenhalt, politische Verhältnisse und wirtschaftliche Entwicklung glauben die Jungen nicht an Besserung. Dennoch ist laut Shell-Jugendstudie die Zuversicht unter jungen Menschen gestiegen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Dank junger Menschen sind die Mitgliederzahlen von Parteien und Gewerkschaften gestiegen. 
Junge Menschen erwarten Unterstützung bei drängenden Themen: bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Unterstützung und psychische Gesundheit. Kürzungen in diesem Bereich sehen sie verständlicherweise kritisch. 

Grundlegende Konflikte zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort 

In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Studie wird deutlich, dass die großen gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht zwischen Jung und Alt liegen: Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.
Viele jungen Menschen bleiben optimistisch: Die großen Weltproleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Probleme können sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung lenken lassen. 

Donnerstag, 18. Juni 2026

Sollten Fußballer politisch sein?

Boris Hermann betont in der Süddeutschen Zeitung, dass Fußballer politisch sein können. Die Fußball-WM ist politisch – und schlechter als der FIFA-Präsident können es die Spieler nicht machen. 

Unterschiede zwischen 1994 und 2026

Der Autor zeigt die Unterschiede der Weltmeisterschaft 2026 zu 1994 auf, als zum letzten Mal eine WM in den USA stattfand. War damals die Fluchtfahrt von O.J. Simpson der größte Aufreger, führt heute die USA Krieg gegen einen Teilnehmer und man begreift Menschen aus anderen Kulturkreisen vor allem als Sicherheitsrisiken. Für die deutsche Mannschaft endete die WM damals mit Berti Vogts als Trainer im Viertelfinale. 

Zwischen Ignoranz und übertriebener Mündigkeit 

Als Spieler stand Berti Vogts bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien für demonstrative moralische Ignoranz, als er betonte, keine politischen Gefangenen gesehen zu haben. Bei der WM 2022 zeigten die Spieler mit der Mund-zu-Geste ihren Protest gegen die Zustände in Katar. Viele sehen darin ein Grund für das frühe Ausscheiden, der Autor betont, dass es wohl eher die spielerische Leistung war. 

Ethikreglement der Fifa stellt sich gegen alle Formen der Diskriminierung 

Niemand verlangt, dass es die Spieler besser hinkriegen als Politiker, aber sie können es auch nicht schlechter machen als Fifa-Boss Gianni Infantino, „der den Weltfußball mit seinen Kniefällen vor dem Weißen Haus bis ans Ende aller Tage blamiert hat.Die Ethikregeln der Fifa fordern Solidarität, Integrität, Transparenz, für Verantwortung und Demokratie. Es ist deshalb möglich, sich für diese Werte einzusetzen und trotzdem noch gut Fußball zu spielen. 

Wenigstens nicht das Gegenteil machen 

Der Autor kritisiert, dass Christiano Ronaldo und Lionel Messi, die – ohne Zwang – Donald Trump einen freundschaftlichen Besuch im Weißen Haus bgestattet hattet. Wie es geht, zeigt die amerikanische Nationalmannschaft, die im Spiel gegen Deutschland Trikots mit regenbogenfarbenen Rückennummern trugen. Sie zeigten Solidarität mit der LGBTQ-Community in einem Land, in dem der Präsident per Dekret verfügt hat, dass es zwei Geschlechter gibt. Und nichts dazwischen.