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Sonntag, 9. August 2026

Weltweiter Geburtenrückgang - gar nicht so schlimm?

In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten. 

Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!

Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT  die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen. 

Weltweit gehen die Geburtsraten zurück 

Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten. 
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt. 

Warum kriegen die Leute weniger Kinder?

Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.

Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum 

Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen. 

Unterschiede zwischen Wunsch und Realität 

Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt. 

Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen

Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei. 

Gesellschaften können sich arrangieren

Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen. 
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.

Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente

Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.

Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?

Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht. 

Unsicherheit in diesen Zeiten 

Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder. 

Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus

Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt. 

Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten 

Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“

Dienstag, 28. Juli 2026

Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet

In der Süddeutschen Zeitung stellt Yannik Yeşilgöz die Ergebnisse verschiedener Studien über die Generation Z vor: Sie sind zuversichtlicher als erwartet.

Viele Zuschreibungen 

Seit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, wurden ihr viele Befindlichkeiten zu geschrieben. Erst war sie zu grün, dann zu rechts, dann von den sozialen Medien verwirrt. Wenig überraschend kommt die Trendstudie der Universität Konstanz zum Ergebnis, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. Es gibt auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen – aber nicht mehr als bei älteren Generationen. 

Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als Staatsform

Ein ähnliches Bild zeigt die Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Junge Menschen sind etwas optimistischer über die Zukunft und weniger unzufrieden mit der Demokratie als ältere Jahrgänge. Die Unzufriedenheit gilt auch eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Geringere Zufriedenheit bedeutet noch keine Krise, zudem sind die Erwartungen heute höher. 

Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr

Pessimistisch sind jungen Leuten in Bezug auf gesellschaftliche Themen. Bei den Themen sozialer Zusammenhalt, politische Verhältnisse und wirtschaftliche Entwicklung glauben die Jungen nicht an Besserung. Dennoch ist laut Shell-Jugendstudie die Zuversicht unter jungen Menschen gestiegen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Dank junger Menschen sind die Mitgliederzahlen von Parteien und Gewerkschaften gestiegen. 
Junge Menschen erwarten Unterstützung bei drängenden Themen: bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Unterstützung und psychische Gesundheit. Kürzungen in diesem Bereich sehen sie verständlicherweise kritisch. 

Grundlegende Konflikte zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort 

In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Studie wird deutlich, dass die großen gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht zwischen Jung und Alt liegen: Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.
Viele jungen Menschen bleiben optimistisch: Die großen Weltproleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Probleme können sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung lenken lassen. 

Donnerstag, 18. Juni 2026

Sollten Fußballer politisch sein?

Boris Hermann betont in der Süddeutschen Zeitung, dass Fußballer politisch sein können. Die Fußball-WM ist politisch – und schlechter als der FIFA-Präsident können es die Spieler nicht machen. 

Unterschiede zwischen 1994 und 2026

Der Autor zeigt die Unterschiede der Weltmeisterschaft 2026 zu 1994 auf, als zum letzten Mal eine WM in den USA stattfand. War damals die Fluchtfahrt von O.J. Simpson der größte Aufreger, führt heute die USA Krieg gegen einen Teilnehmer und man begreift Menschen aus anderen Kulturkreisen vor allem als Sicherheitsrisiken. Für die deutsche Mannschaft endete die WM damals mit Berti Vogts als Trainer im Viertelfinale. 

Zwischen Ignoranz und übertriebener Mündigkeit 

Als Spieler stand Berti Vogts bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien für demonstrative moralische Ignoranz, als er betonte, keine politischen Gefangenen gesehen zu haben. Bei der WM 2022 zeigten die Spieler mit der Mund-zu-Geste ihren Protest gegen die Zustände in Katar. Viele sehen darin ein Grund für das frühe Ausscheiden, der Autor betont, dass es wohl eher die spielerische Leistung war. 

Ethikreglement der Fifa stellt sich gegen alle Formen der Diskriminierung 

Niemand verlangt, dass es die Spieler besser hinkriegen als Politiker, aber sie können es auch nicht schlechter machen als Fifa-Boss Gianni Infantino, „der den Weltfußball mit seinen Kniefällen vor dem Weißen Haus bis ans Ende aller Tage blamiert hat.Die Ethikregeln der Fifa fordern Solidarität, Integrität, Transparenz, für Verantwortung und Demokratie. Es ist deshalb möglich, sich für diese Werte einzusetzen und trotzdem noch gut Fußball zu spielen. 

Wenigstens nicht das Gegenteil machen 

Der Autor kritisiert, dass Christiano Ronaldo und Lionel Messi, die – ohne Zwang – Donald Trump einen freundschaftlichen Besuch im Weißen Haus bgestattet hattet. Wie es geht, zeigt die amerikanische Nationalmannschaft, die im Spiel gegen Deutschland Trikots mit regenbogenfarbenen Rückennummern trugen. Sie zeigten Solidarität mit der LGBTQ-Community in einem Land, in dem der Präsident per Dekret verfügt hat, dass es zwei Geschlechter gibt. Und nichts dazwischen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten

Detlef Esslinger wirft in der Süddeutschen Zeitung einen Blick auf die Geschichte der deutschen Mannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften: "Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten."

Gemeinsame intensive Emotionen 

Der Tiel des Artikels „Das Leben in 90 Minuten“ bezieht sich auf den Berliner Sportsoziologen Gunter Gebauer, der in seinem Buch beschreibt, dass Fußball ein gemeinsames Thema von Menschen ist, die sonst nie miteinander ins Gespräch kämen – unabhängig von sozialen Schichten: „Gemeinsame intensive Emotionen im Fußball führen zur Entstehung einer imaginären Gemeinschaft, die ,ihre‘ Mannschaft als Ausdruck des eigenen Landes begreift.“

Spieler als Repräsentanten ihrer Nation 

Dadurch werden Spieler zu Repräsentanten der Nation. Der Autor nennt dabei auch einige negative Beispiele, so die Arroganz deutscher Spieler 1982 vor dem Spiel gegen Algerien und der folgenden Schande von GIjon, als man sich mit Österreich auf ein Ergebnis einigte, das dazu führte, dass Algerien ausschied. Im Gedächtnis bleibt auch das brutale Foul von Toni Schuhmacher im Halbfinale gegen Frankreich. Weiteren Hochmut lieferten vor dem Krieg die vereinte Mannschaften von Deutschland und Österreich 1938 und Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg, als er Deutschland als auf viele Jahre unbesiegbar darstellte. 

Sehnsucht nach Anerkennung 

Auch nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 gab es Misstöne. Der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens machte mit seiner NS-Rhetorik beim Empfan vieles kaputt, was die Mannschaft um Fritz Walter und Helmut Rahn eben erst geschaffen hatte. Unter die Ägide von Bauwens fällt auch das Verbot des Frauen-Fußballs 1955. 

Gescheiterte Versuche, als cool zu gelten 

Ausgerechnet die Umgang mit der Finalniederlage in England 1966 brachte der deutschen Mannschaft viel Sympathien ein. „Wir haben phantastisch verloren“ war ein Zitat aus dieser Zeit. In den 70er Jahren wollte die Mannschaft als cool wahrgenommen werden. Die Sieger von 1974 waren bereits Vertreter einer neuen Generation. Nur vier Jahre später scheiterte die Mannschaft nicht nur sportlich, sondern auch durch fragwürdige Aussagen des Kapitäns Berti Vogts, dass er keinen einzigen politischen Gefangenen in Argentiniern gesehen hat. Noch schlimmer die Aktivitäten des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger, der das Junta-System verteidigte und den Nazi Hans-Ulrich Rudel einen Besuch abstattete. 

Das Sommermächen 2006

Das Sommermärchen stand für einen „unpolitischen Patriotismus“. Das Land präsentierte sich als Gastgeber mit vier Wochen Sonne, Parte und Schwarz-Rot-Gold auf den Rängen. 2014 gewann die Nationalmannschaft nicht nur den Titel, sondern auch Sympathien, als sie beim Triumph gegen Brasilien jegliche Demütigungen unterließen. Trotzdem hat es– anders als „Das Wunder von Bern“, der „Triumpf von Belo Horinzonte“ nie in den Sprachgebrauch geschafft. 

Parallelen zwischen heute und den frühen 2000ern 

Nach den Pleiten in Russland (2018) und Katar (2022) stellt sich die Frage, wo Deutschland steht. 2022 war gekennzeichnet durch die Debatte um Regenbogenarmbinden und das Hand-vor-den-Mund-Halten. Maß oder Mitte gibt es nicht: entweder die Ignoranz von 1978 oder der Überschuss von 2022. Der Autor verweist auf die Parallelität von Politik und Sport: Deutschland ist ein Land voller Baustellen, so unfertig wie diese Nationalmannschaft. Bundeskanzler Merz und Bundestrainer Nagelsmann bestätigt man die selben Kommunikationsprobleme. Harald Schmitt sagte über die beiden: „Leistung Weltklasse, Kommunikation verbesserungswürdig.“
Diese Parallelität gab es schon einmal. Zu Beginn der 2000er waren vier Millionen Menschen arbeitslos und die Nationalmannschaft scheiterte bei den Europameisterschaften kläglich. Franz Beckenbauer erschuf daraus das Wort „Rumpelfußball.“ In dieser Lage setze Bundekanzler Schröder Reformen durch – und der neue Bundestrainer Jürgen Klinsammn wechselte Personal und Trainingsmethoden - das Sommermärchen konnte beginnen.

Sport und Politik in meinen Seminaren 

Das Thema Sport und Politik habe ich auch in meinen neues Programm aufgenommen – das Thema bleibt natürlich auch nach der Fußball-WM noch aktuell. 

Samstag, 30. Mai 2026

Erziehung: Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an

Deutschland steht nicht nur bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung schlecht da, sondern auch bei der Unterstützung von Kindern, wie eine aktuelle Studie von UNICEF zeigt. 

Deutschland wieder weit abgeschlagen

Ralf Paul beklagt in der TAZ, dass Deutschland wieder mal weit abgeschlagen ist. Bei einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef in 37 Industriestaaten landete Deutschland auf Platz 25. Eklatant ist der Einfluss des Einkommens: Kinder aus wohlhabenden Familien schneiden doppelt so gut ab: Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht. Ein Grund dafür ist die frühe Trennung der Kinder: Am besten schneiden darin die Niederlande und Dänemark ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.

Protest aus bürgerlichen Reihen

Seit Hamburg 2010 mit einer Reform am Widerstand des bürgerlichen Lagers scheiterte, doktern die Bildungsministerien an verschiedenen Stellen rum: verbindliche Sprachtest im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr oder mehr Geld für Brennpunktschulen. Der Autor glaubt nicht, dass das ausreicht, da die Benachteiligung schon vorher beginnt: Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die erste Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.

Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an 

Meridith Haaf kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Ergebnisse: Deutschland ist in vielen Dingen ein gutes Land, für Kinder allerdings ein ziemlich mittelmäßiges Land - und es wird darin seit Jahren immer schlechter. Sie verweist auf die die Kinderarmutsquote von 15 %, die nicht nur weniger Wissen und Fähigkeiten erlangen, sondern auch psychisch und körperlich in besonders schlechter Verfassung.

Jugendliche haben keine Priorität

Runtergerockte Schulen, ausgedünnte Sportvereine, minimal ausgestatte Musikschulen – junge Menschen haben keine Priorität. Die Autorin warnt: „Was heute fehlt an Zuwendung und Sozialisation, an Bewegung und Ernährung, an Wissen und Fähigkeiten, das fehlt morgen, wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind“. Wäre die deutsche Gesellschaft eine Familie, würden die reichen Großeltern in einem großen Haus wohnen, das halbwegs funktioniert, aber nie modernisiert wurde – soll sich doch die nächste Genreration darum kümmern. Dabei hat Deutschland jahrzehntelang immerhin in den Aufstieg, also eine sozial- und bildungsgerechte Gesellschaft, investiert.

Stagnations- und Abstiegsgesellschaft 

Inzwischen ist Deutschland eine Stagnations- und Abstiegsgesellschaft, die soziale Ungleichheit verschärft sich. Während die Rüstungsausgaben steigen, wird an der Jugend- und Sozialarbeit drastisch gekürzt. Viele können mit einem normalen Gehalt kaum mehr leben oder angemessen wohnen – das wirkt sich auf die Kinder auf. Die Autorin fordert deshalb wieder Kraft und Geld in die Chancengleichheit zu stecken – angefangen mit der Bildung. Damit würde man nicht nur das Kindeswohl steigern, sondern auch die Performance. 

Montag, 11. Mai 2026

Willkommen im Abseits

Heike Buchter schreibt in der ZEIT über die Fußball-WM in Nordamerika. Es sollte Amerikas große Party werden, stattdessen schrecken horrende Ticketpreise und verschärfte Grenzkontrollen die Welt ab.

Der Andrang ist überschaubar 

Hoteliers und Stadien hatten sich deutlich mehr versprochen. Mit Ausnahme der Topspiele sind bei vielen der 104 Spielen noch Karten erhältlich. Auch das Hotelgewerbe klagt und hat sich deutlich mehr erwartet. Die FIFA hatte viel versprochen: 30 Mrd. Dollar an zusätzlicher Wirtschaftsleistung, viele neue Jobs, drei Millionen Gäste aus dem Ausland. 

Trump-Regierung schreckt ab

Bereits in Katar gab es Probleme wegen Menschenrechtsverletzungen. Die Politik von Trump schreckt ebenfalls ab. US-Grenzbeamte untersuchen Mobiltelefone von Einreisenden – auch von Touristen, die kein Visum aber eine elektronische Einreisegenehmigung brauchen. Es gibt Pläne, dass sogar Einträge auf Plattformen in den letzten Jahren durchleuchtet werden könnten. Aus einigen Ländern wie Haiti und Iran dürfen die Menschen erst gar nicht einreisen oder müssen eine hohe Kaution zahlen. 

Ärgernis variable Ticketpreise 

Ein weiteres Ärgernis sind die Ticketpreise. Bei hoher Nachfrage können die Preise enorm steigen – bis zu 11.000 Dollar im Finale. Selbst Fans, die zuvor Tickets reserviert haben, können von diesen enormen Preissteigerungen betroffen sein. Für viele Spiele gibt es jedoch nicht genügend Interessenten - ökonomisch wird es zwei WMs geben - die eher enttäuschenden Ausscheidungsrunden im Juni und die den hohen Erwartungen gerecht werdenden Spiele im Juli.«

Die WM der oberen zehn Prozent 

Die hohen Ticketpreise, die verschärften Einreiseregeln, die intransparente Vergabe – all das führe dazu, dass auf den Tribünen ein bestimmtes Publikum sitze -  "wohlhabend, gut vernetzt, mit dem richtigen Pass. Die WM 2026 wird die WM der oberen zehn Prozent.“


Dienstag, 7. April 2026

Sicherheit in Städten: Die Aussagen von Friedrich Merz in der Analyse

Philipp Kollenbroich schreibt im SPIEGEL über die Aussagen von Friedrich Merz zur Sicherheit in Städten:  Warum Friedrich Merz einen Punkt hat und früher trotzdem nicht alles besser war
Friedrich Merz hatte „Probleme im Stadtbild“ beklagt. Die vagen Aussagen lassen sich auf drei Behauptungen zusammenfassen. 

  1. Das Sicherheitsgefühl der Menschen in deutschen Städten habe sich verschlechtert.
  2. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer.
  3. Die Einwanderung nach Deutschland sei dafür verantwortlich.

Der SPIEGEL hat diese Thesen analysiert und kam zu vier Erkenntnissen: 

1. Früher war nicht alles besser

1973 wurden Menschen aus Stuttgart in einer umfassenden Untersuchung nach ihrem Sicherheitsgefühl gefragt: Das Ergebnis: Insgesamt 47 Prozent der Menschen fühlten sich nachts unsicher, darunter 72 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer. Anders ausgedrückt: Nur jede vierte Frau fühlte sich in ihrer Wohngegend sicher. Untersuchungen von 1984 und 1997 haben einen ähnlichen Befund. 

2. Zuletzt ist es schlechter geworden

In den letzten Jahren haben die Sorgen zugenommen. In einer Untersuchung von 2023 machten sich 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalität. Wenig verändert hat sich die Wahrnehmung über öffentliche Räume wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen. Eine Erklärung für diesen Befund sind die Unterschiede der Wahrnehmung, so ist die Unsicherheit nachts deutlich größer: Dies bedeutet auch, dass Ängste konkrete Folgen haben können: Menschen vermeiden bestimme Orte oder gehen überhaupt nicht aus dem Haus. Die Menschen in Deutschland fühlen sich aktuell unsicherer als noch Mitte der Zehnerjahre.

3. Unsicherheit ist ungleich verteilt

Die Unsicherheit ist ungleich verteilt: Frauen, sowie unter 35- und über 65-Jährige sind stärker verunsichert. Auch die soziale Lage ist wichtig, nicht jedoch der Migrationshintergrund: Auch geographisch gibt es Unterschiede – fühlen sich in München 20 % unsicher, sind es in Belin fast doppelt so viele. 

4. Migration spielt eine Rolle, aber eine kleine

Zwischen 1970 bis 2014 ist der Ausländeranteil von ca. 5 % im Westen auf rund 15 % in Gesamtdeutschland gestiegen.. In rechten Kreisen ist klar, dass diese Zuwanderung für die steigende gefühlte Unsicherheit verantwortlich ist, allen voran bei der Alternative für Deutschland (AfD). 
Dafür spricht, dass die gestiegene Unsicherheit in dieser Zeit gestiegen ist, dagegen spricht, dass die Migration nicht allein verantwortlich ist. Einerseits geben die Daten diesen simplen Zusammenhang nicht her: Der Ausländeranteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die Unsicherheit nicht. Außerdem gibt es zahlreiche andere Ereignisse wie Anschläge von Islamisten und Rechtsextremisten und die Corona-Pandemie. Außerdem berichten die Medien häufiger darüber. 

Angst und Migration unterschiedlich verteilt 

Selbst in einer Stadt ist die Migration unterschiedlich verteilt. Für Essen ermittelten die Behörden Unterschiede zwischen 3 und 55 Prozent, je nach Stadtteil. Migranten zogen vor allem in ärmere Gegenden – den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat es kaum verändert. Entscheidend ist wie Einwanderung umgesetzt werden: Wenn alte und neue Einwohner weitgehend getrennt voneinander lebten, waren die Auswirkungen negativ. Wurden die Neuankömmlinge hingegen in die Nachbarschaften integriert, gab es sogar positive Effekte.