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Dienstag, 28. Juli 2026

Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet

In der Süddeutschen Zeitung  stellt Yannik Yeşilgöz die Ergebnisse verschiedener Studien über die Generation Z vor: Sie sind zuversichtlicher als erwartet.

Viele Zuschreibungen 

Seit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, wurden ihr viele Befindlichkeiten zu geschrieben. Erst war sie zu grün, dann zu rechts, dann von den sozialen Medien verwirrt. Wenig überraschend kommt die Trendstudie der Universität Konstanz zum Ergebnis, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. Es gibt auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen – aber nicht mehr als bei älteren Generationen. 

Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als Staatsform

Ein ähnliches Bild zeigt die Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Jungen Menschen sind etwas optimistischer über die Zukunft und weniger unzufrieden mit der Demokratie als ältere Jahrgänge. Die Unzufriedenheit gilt auch eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Geringere Zufriedenheit bedeutet noch keine Krise, zudem sind die Erwartungen heute höher. 

Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr

Pessimistisch sind jungen Leuten Bezug auf gesellschaftliche Themen. Bei dem sozialen Zusammenhalt, politischen Verhältnissen und wirtschaftlicher Entwicklung glauben die Jungen nicht an Besserung. Dennoch ist laut Shell-Jugendstudie die Zuversicht unter jungen Menschen gestiegen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Dank junger Menschen sind die Mitgliederzahlen von Parteien und Gewerkschaften gestiegen. 
Junge Menschen erwarten Unterstützung bei drängenden Themen: bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Unterstützung und psychische Gesundheit. Kürzungen in diesem Bereich sehen sie verständlicherweise kritisch. 

Grundlegende Konflikte zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort 

In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Studie wird deutlich, dass die großen gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht zwischen Jung und Alt liegen: Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.
Viele jungen Menschen bleiben optimistisch: Die großen Weltproleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Probleme können sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung lenken lassen. 

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Die Jungen dürfen den Glauben an die Zukunft nicht verlieren

In der Süddeutschen Zeitung fordert Sara Maria Behbehani, dass sich der Staat mehr um junge Menschen kümmern soll.  

Probleme spürbar 

Für junge Menschen sind viele Probleme spürbar: der Klimawandel, Angst um die Rente, hohe Mieten und Immobilienpreise, die Gefahr durch eine in Teilen rechtsextreme Partei die nächsten Wahlen gewinnt: Dieser Gesellschaft muss daran gelegen sein, dass die Jugend nicht den Glauben an ihr Land und an die Zukunft verliert. 

Die Politik vergisst die jüngeren Menschen 

Die Politik geht diese Probleme nicht an – und fordert dafür immer neue Dinge: die Wehrpflicht oder mehr Einsatz auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig werden sie als angeblich faule Generation gebrandmarkt und für ihre Wahlentscheidungen kritisiert. 

Der Staat muss auch den Jungen dienen 

Die Jungen wissen, dass sie den Lebensstandard der Eltern nicht erreichen wird – und fühlt sich sowohl von der Ampel- als auch der großen Koalition nicht berücksichtigt. Für die Autorin stellt sich die Frage: Warum sollen sie sich zum Wehrdienst melden, wenn darin immer auch die Erwartung enthalten ist, im Zweifel für dieses Land zu sterben? 
Es darf nicht bloß erwartet werden, dass die jungen Menschen dieser Demokratie dienen – diese Demokratie muss auch den jungen Menschen dienen. Eine Zukunft, in der sich Menschen, die hart arbeiten ein Haus leisten können, eine Rente, auf die man sich verlassen kann, und eine Zukunft, die nicht durch den Klimawandel verloren ist 

Demokratie stirbt, wenn niemand mehr hinschaut 

Die Autorin sieht in der Gleichgültigkeit der jungen Menschen eine große Gefahr: die Demokratie stirbt, wenn niemand mehr  hinschaut. Dieses Land braucht seine jungen Menschen – als demokratische Wähler, als Kräfte auf dem Arbeitsmarkt, als Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten – und als Eltern. Als Menschen, die Deutschland und Europa hochhalten in einer Zukunft, die beide zu Verlierern zu machen droht.

Meine Angebote  

In einem neuen Seminar in der Rubrik Gesellschaft geht es um Generationengerechtigkeit, Angebote für junge Menschen finden Sie  hier.

Montag, 4. August 2025

Die junge Generation ist sensibel und klug

In einem Interview im SPIEGEL betont der Jugendforscher Klaus Hurrelmann: „Ich halte die junge Generation nicht für faul, sondern für sensibel und klug“. 

Junge Menschen werden in einer krisengeschüttelten Welt groß 

Studien zeigen, dass sich junge Menschen stark belastet fühlen – nicht erst seit der Coronapandemie. Der Anteil derjenigen, die therapeutische Hilfe benötigen, hat sich auf 20 % erhöht. Zwar mussten auch frühere Generationen mit Herausforderungen umgehen, wie z.B. durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Heute sehen sich jüngere Menschen aber vielen Krisen gegenüber. 
Durch digitale Kanäle wird jedes Ereignis verstärkt, dramatisiert und multipliziert. Fast ein Drittel der jungen Menschen haben keine Kontrolle über ihren Social-Media-Konsum. 

Sorgen um Krieg in Europa und Inflation 

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ zeigt, dass mittlerweile der Krieg in Europa und die Inflation die größten Sorgen von Jugendlichen sind – nicht mehr der Klimawandel wie bei der letzten Studie vor fünf Jahren. Viele haben Angst, dass ihre Arbeit in zehn Jahren noch sicher ist und sie sich das Leben leisten können. Die steigenden Preise verstärken diesen Effekt. Daran ändert auch der Fachkräftemangel nichts, denn die Jungen werden viel Verantwortung stemmen müssen. 

Klimawandel kein großes Thema mehr 

Für Hurrelmann war die Coronapandemie entscheidend, dass der Klimawandel keine große Rolle mehr spielt, denn die beiden Hebel von Fridays for Future – Schulschwänzen und Demonstrieren – wurden hinfällig. Er bedauert dies, denn er sah die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen. Zahlenmäßig waren mehr Menschen beteiligt als bei der 68er Generation. 

Kinder zu sehr in Watte gepackt 

Die Kinder der 68er haben laut Hurrelmann ihre Kinder zu sehr in Watte gepackt. Studien zeigen, dass die Hälfte der Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder oft überfordert ist und ein Drittel sogar erschöpft und am Rande ihrer Möglichkeiten. Viele Eltern hinken den technischen Möglichkeiten ihrer Kinder hinterher und haben ihren eigenen Medienkonsum nicht im Griff. Folglich hält er auch für Verbote von sozialen Medien für kontraproduktiv. Besser wäre es, die Konzerne zu regulieren.

Generationen müssen im Dialog bleiben 

Er beklagt, dass ältere und jüngere Menschen immer weniger Bezugspunkte haben. Dabei wäre ein Dialog und die Akzeptanz wichtig, damit jeder seine Stärken einbringen kann. In Parteien, Vereinen und Kirchen ist das Durchschnittsalter hoch, junge Menschen diskutieren auf ihren digitalen Plattformen. Eine Wehrpflicht oder ein soziales Pflichtjahr befürwortet er nur, wenn alle in die Pflicht geworden, z.B. durch einen Pflichtdienst für Senioren. 

Die junge Generation verhält sich solidarisch

Hurrelmann betont, dass sich die junge Generation bereits solidarisch verhält. Während der Coronapandemie wurden sie als Letzte geimpft und schulen waren lange geschlossen. Sie tragen das Rentensystem und müssen immense Schuldenberge abbauen: Die Jungen leisten viel – auch wenn die Alten gern auf sie schimpfen.  Er fordert einen flexibleren Renteneintritt. Warum sollen Menschen mit 65 plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen sein? Er selbst hat nun mit 81 Jahren ein Buch über die Jugend geschrieben und versucht den Kontakt zu jüngeren Menschen zu halten. 

Junge Menschen haben ein gutes Gespür 

Hurrelmann bestreitet, dass jungen Menschen nicht mehr leistungsbereit sind. Sie blicken auf die gestressten Eltern, die dem Beruf alles untergeordnet haben, oft auch die eigene Gesundheit. Daher hält es für verständlich, dass sie andere Schwerpunkte setzen. Er lobt die Klimabewegung, die viel bewegt hat und kritisiert den Rechtsruck, auch wenn er die Ursachen herleiten kann. 
An seiner eigenen Generation kritisiert er, dass sie die Lebensleistung der Nachkriegsgeneration nicht ausreichend anerkannt hat, da diese unter katastrophalen Bedingungen ihren Alltag gemeistert haben. 


Mittwoch, 24. April 2024

Stimmungstief und Rechtsruck bei junger Generation

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Jugendstudie 2024. Junge Menschen sind demnach so pessimistisch wie nie zuvor

Bröckelnder Zukunftsoptimismus

Die Ergebnisse der der Studie "Jugend in Deutschland 2024" sieht bei der jungen Generation einen "bröckelnden Zukunftsoptimismus" Grund dafür sei die Sorge um die Sicherung des Wohlstands und die damit verbundene hohe politische Unzufriedenheit. Die größten Sorgen sind demnach die Inflation, der Krieg, der Sorge um den Wohnraum, die Spaltung der Gesellschaft, Altersarmut und Zuwanderung. Nachgelassen hat die Sorge um den Klimawandel.

AfD bei jungen Menschen stärkste Partei

Die Sorgen um die Migration zeigt sich auch in den Wahlabsichten. 22 % plädieren für die AfD, gefolgt von der CDU. Grüne und FDP, die bisher bei den Jungen besonders gut ankamen, landen nur noch bei 18 bzw. 8 %. Auch die SPD verliert und landet bei 12 %-

Psychische Belastung trotz Abflauen von Corona sogar noch gestiegen

Anders als erwartet steigt die psychische Belastung bei Jugendlichen trotz Abflauen von Corona sogar noch. Die Verfasser sind besorgt: "Unsere Studie dokumentiert eine tief sitzende mentale Verunsicherung mit Verlust des Vertrauens in die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen, die Aussicht auf ein gutes Leben schwindet."

Mittwoch, 8. November 2023

Die Rettung der Welt hat längst begonnen

Ullrich Fichtner schreibt immer wieder tolle Essays im SPIEGEL. In einem aktuellen Beitrag geht es um Klimakrise, erneuerbare Energien und Artenvielfalt. Seine These „Die Rettung der Welt hat längst begonnen“.
Fichtner wendet sich gegen die verdrießliche, bisweilen hysterische Grundstimmung. Die Zukunft ist offen, mit Disruptionen ist jederzeit zu rechnen. Er will nichts verharmlosen und kritisiert „das bewusstlose Verfeuern und Verbrauchen fossiler Brenn- und Rohstoffe in unvorstellbarem Ausmaß". Der Mensch ist der große Störfaktor in einer eigentlich heilen Welt.

Blick auf das Gelingende

Es braucht bessere, ruhigere Debatten und einen Blickwechsel, ein grundsätzlich verändertes »Framing«. Die Blindheit für alles Gelingende führt zu einem Zerrbild der Welt, das mit der Wirklichkeit nicht viel gemein hat. Politische Projekte und deren Umsetzungen regelmäßig mit »zu wenig, zu spät« abzutun ist völlig apolitisch – und ein schleichendes Gift, an dem die Demokratie an und für sich krank wird. In Forschung und Wissenschaft, in Wirtschaft und Gesellschaft, in der Politik, in der Staatenwelt herrscht vielerorts Aufbruchstimmung

Das epochale Klimaabkommen von Paris

Der Autor bezeichnet das Klimaabkommen von Paris als das größte politische Experiment aller Zeiten. Sie startete einen Umbau, der bereits Erfolge zeigt.
Ein Land wie Kenia bezieht seine Energie schon heute zu 90 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Auch andere Länder versuchen eine Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Überall auf der Welt ist das Thema angekommen, Universitäten richten Lehrstühle ein, Konzerne und die Finanzindustrie steuern um.

Aufbruchstimmung in vielen Bereichen

Der Umbruch verbindet sich mit unerhörten neuen Möglichkeiten einer neuen industriellen Revolution. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ermöglichen die Lösungen, die mit bisherigen Mitteln unlösbar waren. Auch in Naturwissenschaft und Medizin gibt es Durchbrüche in vielen Bereichen: Energie­-gewinnung und Städtebau, Verkehr und Infrastruktur, Industrieproduktion, Landwirtschaft, Arbeit, Alltag und auch die Kunst – alles ist in Bewegung.

Stürmische, harte und überraschende Tage

Ein heute geborenes Kind wird jedenfalls am Silvesterabend 2099 auf den Beginn des 21. Jahrhunderts so blicken, wie die Kinder des 20. ins 19. Jahrhundert zurückgeschaut haben: fasziniert davon, wie stürmisch und grundlegend sich die Welt geändert hat, wie schnell die Lebenswelten und -weisen der Vorfahren fremd geworden sind.
Die Zukunft ist offen: Es kommen härtere Tage, gewiss, aber es werden auch gänzlich überraschende anbrechen. Die Menschen als „Choreografen der Natur“ haben die Möglichkeit zur Gestaltung: „Wird alles ganz furchtbar? Oder auch wunderbar? Wir werden es erleben.“

Montag, 25. Oktober 2021

Durch Corona - Rückzung ins Private?

Manuel Schmidgall analysiert in einem Artikel in der ZEIT die viel diskutierte „neue Normalität“ nach 20 Monaten Corona-Pandemie.  Er beschreibt die Ergebnisse, die das Rheingold-Institut im Auftrag der Identity Foundation erhoben hat. 

Optimismus beim eigenen Leben

Einerseits sind die Menschen mit ihrer privaten Situation überaus zufrieden: 67 Prozent sagen, Deutschland biete nach wie vor gute Voraussetzungen für die eigene Lebensgestaltung. 64 Prozent sind der Meinung, dass sich ihr eigenes Leben in den nächsten Jahren positiv oder sehr positiv entwickeln wird.

Angst um den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Doch diesem privaten Optimismus steht ein Pessimismus entgegen, wenn es um die Allgemeinheit, den Staat und die Gesellschaft geht. Der Umfrage zufolge macht einem großen Teil macht die gesellschaftliche Spaltung Angst. Die befragten beklagen, dass die Menschen nur noch auf sich schauen und Aggressivität und Respektlosigkeit zunehmen.

Hoffnungsschimmer neues Selbstbewusstsein

Die Studie gibt aber auch Grund zum Optimismus. Viele Menschen haben während der Pandemie auch ein neues Selbstbewusstsein dadurch erworben, dass sie ihren schwierigen Alltag mit neuen Strategien, einem intakten sozialen Netzwerk und Gemeinsinn bewältigten.

Sonntag, 7. März 2021

Zukunftsszenarien für die Zeit nach Corona

Das Zukunftsinstitut wurde 1998 gegründet und hat die Trend- und Zukunftsforschung in Deutsch-land von Anfang an maßgeblich geprägt. Heute gilt das Institut als einer der einflussreichsten Think Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist die zentrale Informations- und Inspirationsquelle für alle Entscheider und Weiterdenker.

Vier Zukunftsszenarien für die Post-Corona-Gesellschaft

Das Zukunftsinstitut hat 4 Szenarien entwickelt, die beschreiben, wie unsere Zukunft nach der Pandemie mittelfristig aussehen könnte. Über das Institut finden Sie weitere Informationen und können sich auch die Studie herunterladen. 
Die Szenarien sind anhand von zwei Achsen aufgeteilt.

  • Gelingen die Beziehungen innerhalb der Gesellschaft?
  • Ist die Welt lokal oder global verbunden.


Zu jedem dieser Videos gibt es ein Youtube-Video. Als unerschütterlicher Optimist habe ich das optimistische Video eingebettet, die anderen Videos erreichen Sie über die jeweiligen Links.

Szenario: Anpassung – die resiliente Gesellschaft

Die Welt lernt und geht gestärkt aus der Krise hervor. Wir passen uns besser den Gegebenheiten an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer, mancherorts zeigt sich bereits Stagnation. Unternehmen in solchen Umfeldern brauchen neue Geschäftsmodelle und müssen unabhängiger vom Wachstum werden. Damit stellt sich automatisch die Sinnfrage nach dem Zweck des Wirtschaftens: Immer mehr Profit? Oder vielleicht doch bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen für Kunden und andere Stakeholder? Eines ist klar: Das gemeinsame Überstehen der Krise verhilft zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander.



Szenario  Neo-Tribes – die Rückkehr ins Private

Nach der Corona-Krise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Es wird mehr Wert denn je auf regionale Erzeugnisse gelegt. Die Kartoffel vom Bauern nebenan ist die neue Avocado, an Poke Bowls im Szene-Lokal denkt niemand mehr. Die Rückbesinnung auf Familie und Haus und Hof hat Einzug gehalten. Kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung zu „den Anderen“. Nachhaltigkeit und Wir-Kultur sind wichtige Werte, die jedoch nur lokal gedacht werden, nicht global. Hier finden Sie das Video.

Szenario -  Die totale Isolation

Am Anfang war der Shutdown – und der Shutdown ist zur Normalität geworden. Es ist normal, beim Betreten der Metro den Chip im Handgelenk zu scannen oder sich vor dem ersten Date gegenseitig die Gesundheitsdaten zu schicken. Bei der Ausreise brauchen wir eine Genehmigung. Für Länder außerhalb der EU muss sogar ein langwieriges Visumverfahren durchlaufen werden. Handelsabkommen einzelner Staaten untereinander gewährleisten die Grundversorgung, aber auch nicht mehr. Wir leben gerne in der totalen Isolation. Hier finden Sie das Video.

Szenario - System-Crash

Das Virus hat die Welt ins Taumeln gebracht, und sie kommt nicht mehr heraus. Die Fokussierung auf nationale Interessen hat das Vertrauen in die globale Zusammenarbeit massiv erschüttert. Jede Nation ist sich selbst die Nächste. Die Sorge vor einer erneuten Pandemie macht jede noch so kleine lokale Verbreitung eines Virus zum Auslöser drastischer Maßnahmen, von Grenzschließungen bis zum Kampf um Klopapier und medizinische Geräte. An die internationale Zusammenarbeit glaubt kaum noch jemand. So wankt die Welt nervös in die Zukunft. Hier finden Sie das Video.

Dienstag, 5. Januar 2021

Eine Jahresbilanz - Gibt es eine Wende zum Besseren?

Mit dem letzten Beitrag dieses Jahres möchte ich etwas Optimismus verbreiten. Dabei verweise ich auf zwei Artikel von Henrik Müller, der mit seinen Beiträgen im SPIEGEL Hoffnung macht.

Eine Jahresbilanz – Wie das Virus die Welt veränderte

In seiner Jahresbilanz beschreibt Henrik Müller 2020 als das Jahr der Trendwenden. Die Coronakrise hat viel Wandel angestoßen – auch zum Besseren. Die Krise hat gezeigt, welchen konkreten kollektiven Gefahren die Menschheit ausgesetzt ist – für jeden direkt und persönlich spürbar. Müller nennt aber auch drei Punkte, die Hoffnung machen: 

Die Krise hat den Wert der Wissenschaft kraftvoll vor Augen geführt: 

Technologischer Fortschritt ist möglich und nützlich, so wurde in Rekordtempo ein Impfstoff entwickelt. 

Corona dämmt den Populismus ein

Donald Trump hätte ohne die Pandemie wohl sein Amt nicht verloren. Auch in anderen Ländern hat die Pandemie das Versagen eines Populismus, dem Fakten egal sind und schlechte Ergebnisse produziert.

Der Staat als Akteur der letzten Zuflucht ist zurück im Spiel

Der Staat ist wieder gefragt:  Staatliche Systeme retten Erkrankte, sichern Masken und Medikamente, unterstützen Arbeitslose, verhindern einen Totalabsturz der Wirtschaft, stellen Regeln für den zwischenmenschlichen Umgang in Phasen erhöhter Ansteckungsgefahr auf, bis hin zur Einschränkung von Grundrechten.
Die EU ist nicht zerfallen, sondern hat im Gegenteil am Ende des Jahres mit einem 750-Milliarden-Euro-Wiederaufbau-Fonds Handlungsfähigkeit bewiesen. Müllers Schlussfolgerung: "Warum sollten die Jahre ab 2021 nicht viel besser werden als 2020?"

Die Goldenen Zwanziger Jahre

In einem weiteren Beitrag sieht Henrik Müller in den kommenden Jahren sogar ein Jahrzehnt des Fortschritts.

Er verweist auf die Prognosen für die Nach-Corona-Zeit und nennt drei Faktoren für einen Auf-schwung:

  • Weniger Unsicherheit: Konsumenten und Unternehmen werden mehr Geld ausgeben
  • Mehr Freiraum: Die Hauptbetroffenen in Gastronomie, Kunst und Kultur, Tourismus werden vom Ende der Beschränkungen profitieren
  • Mehr staatliche Stützung: Viele Staaten haben mit viel Geld ihre Volkswirtschaften vor dem Kollaps gerettet – auch Joe Biden hat massive Ausgaben angekündigt, um sozial- und umweltpolitische Ziele zu erreichen

Fehler der 1920er vermeiden

Müller zieht Parallelen zu den 1920er Jahren als es in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg bergauf ging. Diese Euphorie endete 1929 in einem gigantischen Crash und den 1930er Jahren mit bekanntem Ergebnis. Müller fragt zurecht: "Werden wir die Fehler von damals wiederholen? Wir können nie davor sicher sein."

Freitag, 15. Mai 2020

Eine Prüfung für die Menschlichkeit

Nachdem ich bereits die Rede der Bundeskanzlerin gelobt habe, möchte ich dies nun auch beim Bundespräsidenten tun. Ähnlich wie Merkel verzichtet Steinmeier auf unpassenden Vergleiche mit einem Krieg, sondern benennt das Problem sehr klar. "Die Pandemie ist kein Krieg - sie ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit."

Zu europäischer Solidarität verpflichtet

Gut gefallen hat mir auch der Abschnitt zu Europa. Es ist schlicht und ergreifend notwendig: Deutschland kann nur stark und gesund aus der Situation hervorgehen, wenn es auch den Nachbarn gut geht. Auch weltweit wünscht sich Steinmeier eine bessere Zusammenarbeit bei der Forschung nach Impfstoff und „eine globale Allianz, zu der auch die ärmsten Länder Zugang haben“.

Es kann eine bessere Gesellschaft werden – wenn wir es wollen

Wie viele andere Beobachter/innen vor ihm, betont der Bundespräsident, dass die Krise das Schlechteste und das Beste aus den Menschen hervorlocke. Er warnt davor, dass sich aus der Krise eine Ellenbogengesellschaft entwickeln könnte und lobt „die explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft“ der letzten Tage. Ob das so bleibt, liegt laut Steinmeier an uns. „Über diese Frage hat das Virus keine Macht, darüber entscheiden alleine wir“.

Die Rede des Bundespräsidenten

Den Wortlaut der Rede finden Sie auf der Homepage des Bundespräsidenten und hier im Video: 


Donnerstag, 2. April 2020

Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.

Es ist ernst - Angela Merkels Fernsehansprache Ich habe mich oft über sie geärgert, aber mein Respekt ist im Laufe des Jahres immer mehr gestiegen und ich bin froh, dass sie gerade unsere Kanzlerin ist: Angela Merkel hat mit ihrer Fernsehansprache ein klares Signal gesetzt.
Ich teile die Ansicht vieler Kommentator*innen, die die Rede gelobt haben – klare Aussagen, ohne viel Pathos, Anerkennung für Pfleger*innen und Kassierer*innen. Natürlich gab es auch Kritik, Stefan Braun kritisierte in der Süddeutschen zu viel Pathos, viele hätten sich härtere Maßnahmen erhofft. Aber der Appell war eindeutig: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“.

Wohltuender Unterschied zu anderen Staats- und Regierungschefs

Sie grenzt sich damit auch angenehm von anderen Staats- und Regierungschefs ab. Ich meine nicht nur Donald Trump, dessen unsägliches Verhalten in der Krise noch unangebrachter ist als sonst. Auch ernstzunehmende Staatschefs machen es meiner Sicht nicht besser:
Emmanuel Macron hat in seiner Rede sechsmal den Satz „Wir sind im Krieg“ gebraucht, um anschließend die Teilnahme an der Kommunalwahl zu loben. „Die harte Hand zittert“ analysierte die ZEIT zurecht.

Noch nie da gewesene Einschränkungen

Hier sehen Sie das Video. Im Wortlaut können Sie im Text von NWZ online nachlesen:




Viele Zitate wurden diskutiert und hervorgehoben. Spannend fand ich die Passage, in der es um die Demokratie und ihre eigene Vergangenheit als DDR-Bürgerin geht.

Ich weiß, wie hart die Schließungen, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben, in unser Leben und auch unser demokratisches Selbstverständnis eingreifen. Es sind Einschränkungen, wie es sie in der Bundesrepublik noch nie gab.

Lassen Sie mich versichern: Für jemandem wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen. Sie sollten in einer Demokratie nie leichtfertig und nur temporär beschlossen werden - aber sie sind im Moment unverzichtbar, um Leben zu retten.

Das ist ein zentraler Punkt: Einschränkungen sind im Moment gerechtfertigt, müssen aber permanent begründet und überprüft werden.

Geteiltes Wissen und Mitwirkung

Die Kanzlerin sagt weiter:

Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung. Dies ist eine historische Aufgabe und sie ist nur gemeinsam zu bewältigen.

Geteiltes Wissen und Mitwirkung! Die Politik lässt sich von Wissenschaftler*innen beraten, das Wissen ist transparent und jede einzelne Maßnahme muss gut begründet und entschieden wird. Dass dies auch schnell gehen kann, hat die Politik in den letzten Tagen bewiesen.
Wir sind aber alle gefordert, dass wir diese Krise möglichst schnell überwinden.

Beschränkung von Freiheit nur in Ausnahmefällen

Demokratie und die Einhaltung von Freiheiten (oder die wohlbegründeten) Ausnahmen sind Themen, die mich sehr umtreiben. In einem weiteren Blog werde ich diskutieren, ob die Demokratie den aktuellen Herausforderungen gerecht werden kann (Spoiler: ich bin davon überzeugt).