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Sonntag, 9. August 2026

Weltweiter Geburtenrückgang - gar nicht so schlimm?

In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten. 

Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!

Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT  die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen. 

Weltweit gehen die Geburtsraten zurück 

Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten. 
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt. 

Warum kriegen die Leute weniger Kinder?

Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.

Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum 

Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen. 

Unterschiede zwischen Wunsch und Realität 

Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt. 

Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen

Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei. 

Gesellschaften können sich arrangieren

Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen. 
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.

Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente

Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.

Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?

Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht. 

Unsicherheit in diesen Zeiten 

Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder. 

Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus

Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt. 

Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten 

Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“

Samstag, 30. Mai 2026

Erziehung: Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an

Deutschland steht nicht nur bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung schlecht da, sondern auch bei der Unterstützung von Kindern, wie eine aktuelle Studie von UNICEF zeigt. 

Deutschland wieder weit abgeschlagen

Ralf Paul beklagt in der TAZ, dass Deutschland wieder mal weit abgeschlagen ist. Bei einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef in 37 Industriestaaten landete Deutschland auf Platz 25. Eklatant ist der Einfluss des Einkommens: Kinder aus wohlhabenden Familien schneiden doppelt so gut ab: Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht. Ein Grund dafür ist die frühe Trennung der Kinder: Am besten schneiden darin die Niederlande und Dänemark ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.

Protest aus bürgerlichen Reihen

Seit Hamburg 2010 mit einer Reform am Widerstand des bürgerlichen Lagers scheiterte, doktern die Bildungsministerien an verschiedenen Stellen rum: verbindliche Sprachtest im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr oder mehr Geld für Brennpunktschulen. Der Autor glaubt nicht, dass das ausreicht, da die Benachteiligung schon vorher beginnt: Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die erste Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.

Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an 

Meridith Haaf kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Ergebnisse: Deutschland ist in vielen Dingen ein gutes Land, für Kinder allerdings ein ziemlich mittelmäßiges Land - und es wird darin seit Jahren immer schlechter. Sie verweist auf die die Kinderarmutsquote von 15 %, die nicht nur weniger Wissen und Fähigkeiten erlangen, sondern auch psychisch und körperlich in besonders schlechter Verfassung.

Jugendliche haben keine Priorität

Runtergerockte Schulen, ausgedünnte Sportvereine, minimal ausgestatte Musikschulen – junge Menschen haben keine Priorität. Die Autorin warnt: „Was heute fehlt an Zuwendung und Sozialisation, an Bewegung und Ernährung, an Wissen und Fähigkeiten, das fehlt morgen, wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind“. Wäre die deutsche Gesellschaft eine Familie, würden die reichen Großeltern in einem großen Haus wohnen, das halbwegs funktioniert, aber nie modernisiert wurde – soll sich doch die nächste Genreration darum kümmern. Dabei hat Deutschland jahrzehntelang immerhin in den Aufstieg, also eine sozial- und bildungsgerechte Gesellschaft, investiert.

Stagnations- und Abstiegsgesellschaft 

Inzwischen ist Deutschland eine Stagnations- und Abstiegsgesellschaft, die soziale Ungleichheit verschärft sich. Während die Rüstungsausgaben steigen, wird an der Jugend- und Sozialarbeit drastisch gekürzt. Viele können mit einem normalen Gehalt kaum mehr leben oder angemessen wohnen – das wirkt sich auf die Kinder auf. Die Autorin fordert deshalb wieder Kraft und Geld in die Chancengleichheit zu stecken – angefangen mit der Bildung. Damit würde man nicht nur das Kindeswohl steigern, sondern auch die Performance. 

Dienstag, 7. April 2026

Sicherheit in Städten: Die Aussagen von Friedrich Merz in der Analyse

Philipp Kollenbroich schreibt im SPIEGEL über die Aussagen von Friedrich Merz zur Sicherheit in Städten:  Warum Friedrich Merz einen Punkt hat und früher trotzdem nicht alles besser war
Friedrich Merz hatte „Probleme im Stadtbild“ beklagt. Die vagen Aussagen lassen sich auf drei Behauptungen zusammenfassen. 

  1. Das Sicherheitsgefühl der Menschen in deutschen Städten habe sich verschlechtert.
  2. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer.
  3. Die Einwanderung nach Deutschland sei dafür verantwortlich.

Der SPIEGEL hat diese Thesen analysiert und kam zu vier Erkenntnissen: 

1. Früher war nicht alles besser

1973 wurden Menschen aus Stuttgart in einer umfassenden Untersuchung nach ihrem Sicherheitsgefühl gefragt: Das Ergebnis: Insgesamt 47 Prozent der Menschen fühlten sich nachts unsicher, darunter 72 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer. Anders ausgedrückt: Nur jede vierte Frau fühlte sich in ihrer Wohngegend sicher. Untersuchungen von 1984 und 1997 haben einen ähnlichen Befund. 

2. Zuletzt ist es schlechter geworden

In den letzten Jahren haben die Sorgen zugenommen. In einer Untersuchung von 2023 machten sich 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalität. Wenig verändert hat sich die Wahrnehmung über öffentliche Räume wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen. Eine Erklärung für diesen Befund sind die Unterschiede der Wahrnehmung, so ist die Unsicherheit nachts deutlich größer: Dies bedeutet auch, dass Ängste konkrete Folgen haben können: Menschen vermeiden bestimme Orte oder gehen überhaupt nicht aus dem Haus. Die Menschen in Deutschland fühlen sich aktuell unsicherer als noch Mitte der Zehnerjahre.

3. Unsicherheit ist ungleich verteilt

Die Unsicherheit ist ungleich verteilt: Frauen, sowie unter 35- und über 65-Jährige sind stärker verunsichert. Auch die soziale Lage ist wichtig, nicht jedoch der Migrationshintergrund: Auch geographisch gibt es Unterschiede – fühlen sich in München 20 % unsicher, sind es in Belin fast doppelt so viele. 

4. Migration spielt eine Rolle, aber eine kleine

Zwischen 1970 bis 2014 ist der Ausländeranteil von ca. 5 % im Westen auf rund 15 % in Gesamtdeutschland gestiegen.. In rechten Kreisen ist klar, dass diese Zuwanderung für die steigende gefühlte Unsicherheit verantwortlich ist, allen voran bei der Alternative für Deutschland (AfD). 
Dafür spricht, dass die gestiegene Unsicherheit in dieser Zeit gestiegen ist, dagegen spricht, dass die Migration nicht allein verantwortlich ist. Einerseits geben die Daten diesen simplen Zusammenhang nicht her: Der Ausländeranteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die Unsicherheit nicht. Außerdem gibt es zahlreiche andere Ereignisse wie Anschläge von Islamisten und Rechtsextremisten und die Corona-Pandemie. Außerdem berichten die Medien häufiger darüber. 

Angst und Migration unterschiedlich verteilt 

Selbst in einer Stadt ist die Migration unterschiedlich verteilt. Für Essen ermittelten die Behörden Unterschiede zwischen 3 und 55 Prozent, je nach Stadtteil. Migranten zogen vor allem in ärmere Gegenden – den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat es kaum verändert. Entscheidend ist wie Einwanderung umgesetzt werden: Wenn alte und neue Einwohner weitgehend getrennt voneinander lebten, waren die Auswirkungen negativ. Wurden die Neuankömmlinge hingegen in die Nachbarschaften integriert, gab es sogar positive Effekte.

Samstag, 10. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 2

In einer Dokumentation geht ARTE der Frage nach, wann Protest wirkt. 


Immer mehr Proteste 

Immer mehr Menschen gehen weltweit auf die Straße. Die Menschen werden immer kompetenter und informierter – und sind bereit auf die Straße zu gehen, wenn sie eine Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen können. 

Ebenen des Erfolgs 

Protestforschung versucht den Erfolg von Protest auf drei verschiedenen Ebenen zu ermitteln: 
- Aufmerksamkeit für das Thema: Dies kann z.B. durch Ungehorsam geschehen, so haben Frauen im Iran in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch ausgezogen.
- Öffentlichkeit: Je mehr Leute mitmachen, desto größer der Druck. 
- Entscheider sollen handeln: diese Ebene ist die schwierigste 

Unterschiedliche Erfolge 

Die Dokumentation untersucht den unterschiedlichen Erfolg von Bewegungen. Obwohl die Landwirte mit ihren Straßenblockaden ähnliche Strategien verfolgt haben wie die Umweltbewegung „Letzte Generation“ waren sie deutlich erfolgreicher. Sie waren besser organisiert, ihr Anliegen wurde von der Bevölkerung unterstützt und ihr Wunsch – die Rücknahme der Kürzungen – konnte schnell verwirklicht werden. 

Erfolge brauchen Zeit 

In der Dokumentation werden die Thesen von Erica Chenoweth vorgestellt. Sie verweist darauf, dass ein gewaltfreier Kampf häufig effektiver ist als ein bewaffneter. Es sollten möglichst viele und unterschiedliche Menschen sein, die die Bewegung unterstützen. Sie brauchen Disziplin und Geduld – eine durchschnittliche erfolgreiche Kampagne braucht drei Jahre. 
Am Beispiel der gescheiterten Revolution von 1848 zeigt die Dokumentation, das dies noch länger dauern kann. Zwar war die Revolution nicht erfolgreich, durch die Verfassung wurden aber Denk-muster aufgebrochen und die Monarchie in Frage gestellt. 

Soziale Medien sind wichtig, aber nicht immer erfolgreich 

Soziale Medien spielen bei aktuellen Protesten eine wichtige Rolle und haben viele Menschen auf die Straße gebracht. Das Beispiel des Arabischen Frühlings zeigt, dass diese mittelfristig nicht immer erfolgreich waren. Die Autoren erklären die Unterschiede dadurch, dass sich früher Menschen einig waren und die Demonstration am Ende des Protests stand – heute treffen sich Menschen, die oft nicht mehr als ein gemeinsames Feindbild gemeinsam haben. 

Protest wird gebraucht 

Egal auf welcher Ebene ein Protest erfolgreich ist – Protest wird gebraucht. Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn an strittigen Stellen auch Widerspruch geäußert werden darf. Moderne Gesellschaften sind ständig in Bewegung und Veränderung – Proteste leisten bei der ständigen Aushandlung einen wichtigen Beitrag. 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 1

Der Protestforscher Simon Teune erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, wann Protest wirkt. Das Thema biete ich in meiner Seminarliste

Was sind Proteste?

Er definiert Protest als einen öffentlichen Widerspruch, den ein kollektiver, nicht-staatlicher Akteur organisiert, um eine politische Botschaft zu senden. Das können Gewerkschaften, Studierendenverbände, Prominente oder Wissenschaftler. 
Die Forscher unterscheiden dabei zwischen 
•    Demonstrativ: Kundgebungen oder Protestmärsche 
•    Konfrontativ: unangemeldete Proteste, Blockaden und Sachbeschädigung 
•    Politische Gewalt: Brand- und Sprengstoffanschläge sowie Angriffe bis hin zum Mord 
Gemeinsam mit Kollegen hat er Medienberichte über Protestereignisse analysiert. 
Das Ergebnis zeigt, dass es immer mehr Proteste gibt. Es ist heute leichter und selbstverständlicher, Proteste zu organisieren. Mehr Menschen können sich vorstellen, an Protesten beteilig zu sein. 

Proteste und soziale Bewegungen hängen zusammen 

Taune betont, dass soziale Proteste nicht identisch mit einer sozialen Bewegung sind, aber zusammenhängen. So haben die Demos gegen rechts mit anfangs zwei Millionen Menschen nachgelassen, haben aber einen Nerv getroffen. Seit Jahren gibt es gewachsenen Netzwerke 

Der Anstieg verläuft nicht linear 

Einen ersten deutlichen Ausschlag gibt es Ende der Sechziger zur Blüte der Studentenbewegung. Zu Beginn der Achtziger mobilisieren neue soziale Bewegungen, insbesondere gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen und gegen den Ausbau von Atomenergie. In den frühen Neunzigern sehen wir dann einen Anstieg rassistisch motivierter Gewalt sowie die dagegen gerichteten Massendemonstrationen.

Themen haben sich verändert 

Auch die Themen haben sich verändert: Waren es in den 50er Jahren noch Verteilungsfragen sind es heute ganz unterschiedliche Themen: die Umgehungsstraße, Handelspolitik, Ökologie oder Migration. 
Die „Mutter aller nachfolgenden Protestbewegungen“ sind dabei die 68er Generation, denen in den 70er Jahren die Frauen-, die Friedens-, die Antiatombewegung folgten. Seit 1990 hat der Anteil an konfrontativen und gewaltförmigen Proteste zugenommen, vor allem durch rechte Gewalt. 

Erfolg schwierig zu bewerten 

Während andere Forscher Zahlen genannt haben, ab wann ein Protest erfolgreich sein kann, vermeidet der Autor dies. Zwar geht es generell darum, viele Menschen zu motivieren, aber es gibt keine Garantie für Erfolg. Bei der Berichterstattung dominieren die Straßenblockaden der „Letzen Generation“ oft gegenüber Protesten mit mehreren Hunderttausend Teilnehmenden. 
In Bezug auf die Ziele ist die Bilanz eher mau: Die Anti-Atom-Bewegung hat Kernkraftwerke nicht verhindert, die Stuttgart-21-Gegner nicht den Bahnhof und das Freihandelsabkommen mit den USA wurde von Donald Trump aufgehalten. Auch die Klimaziele werden trotz vieler Proteste gerissen. Eine Ausnahme sind die Bauernproteste im letzten Winder – hier hat die Regierung sofort reagiert, da die Bauern ein Drohpotenzial und eindrucksvolle Straßenblockaden schafften. Ihre Proteste werden als legitmer angesehen, da sie Lebensmittel produzieren, auf die wir angewiesen sind. 

Protestieren wird langfristig 

Protestieren wirkt eher langfristig. Parteien gingen aus den Bewegungen hervor oder wurden darin gestärkt, so die SPD aus der Arbeiterbewegung, die Grünen aus der Friedens- Frauen- und Anti-Atombewegung und der AfD verhalt Pegida zu neuer Dynamik. Teune betont, dass Protest immer eine wichtige demokratische Funktion hat, da Menschen ihre Unzufriedenheit ausdrücken können. Der Erfolg liegt auch darin, Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken, gehört zu werden, andere zu inspirieren.

Dauerhafte Motivation schwierig 

Viele Bewegungen haben Schwierigkeiten, Menschen dauerhaft zum Demonstrieren zu motivieren. Fridays for Future wurde auch durch die Corona-Pandemie gebremst. Waren sie anfangs stark von jungen Menschen geprägt, hat sich dies verschoben. Heute mischen sich verstärkt Menschen jenseits der Verrentung mit ein – das hat auch mit zeitlichen Ressourcen zu tun. Teune betont, dass die Bewegung ähnlich wie die 68er nicht von der Mehrheit getragen wurden. Sie haben jedoch das Selbstverständnis von Menschen geprägt, die gar nicht mitprotestiert haben. 

Sorge um soziale Bewegung von rechts 

Besorgt äußert sich der Forscher über die Bewegung noch rechts. War es lange Zeit ein Tabu, gemeinsam mit extremen Rechten zu protestieren, hat sich dies mit Pegida verändert. Auch bei den Corona-Protesten haben unterschiedliche Milieus protestiert – christliche Fundamentalisten, alte Linke. Die Themen wurden verknüpft - zuerst Corona, dann – nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – Energieversorgung und Frieden.

Wichtige Rolle von sozialen Medien 

Zentral ist dabei die Rolle der sozialen Medien, in denen Organisation und Meinungsbildung stattfindet. Die Debatten sind stärker von Emotionalisierung geleitet, eigene Positionen müssen weniger begründet werden. Man arbeitet nicht auf einen gemeinsamen Konsens, sondern ist eher durch ein Feindbild vereint. In sozialen Medien und Messengerdiensten werden Informationen stärker ausschnitthaft wahrgenommen und direkt von Gleichgesinnten eingeordnet. 

Entspannung ist nicht in Sicht 

Weltweit beobachten Forscher eine stärkere Mobilisierung für demokratiefeindliche Positionen – Akteure wollen nicht mehr Rechte für mehr Menschen, sondern die Einschränkung Durch die zahlreichen Konflikte und die Klimakrise sieht er mehr Migration und eine konfliktgeladene Zukunft: Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Es gibt Hoffnung 

Aber er hat auch Hoffnung, da es immer wieder Leute gibt, die sich für Demokratie und Menschenrechte vor Ort einsetzen. So haben die Bunten Perlen Waldheim einen Gegenprotest gegen den montäglichen Spaziergang der extremen Rechten im Ort organisiert. „Die lassen sich nicht einschüchtern. Und das macht mir Hoffnung“.

Dienstag, 4. November 2025

Zerstörungslust – manche Menschen wünschen Gewalt für soziale Probleme

Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben ein Buch „Zerstörungslust“ mit brisanten Ergebnissen veröffentlicht. Eine kleine Gruppe von Menschen wünscht sich Gewalt und drakonische Strafen als Mittel zur Lösung sozialer Probleme. Über das Buch berichtete der Focus, außerdem gaben die Autoren Interviews im SPIEGEL, der ZEIT  und der Süddeutschen Zeitung

Menschen mit „destruktiven Tendenzen“

Amlinger und Nachtwey führten Interviews mit 2600 Menschen. Bei einer Gruppe von 12,5 % stellten sie „destruktive Tendenzen“ fest. Diese befragten sie weiter. Sie unterscheiden dabei zwischen drei Typen: 

  • Den Erneuerer, der das liberale politische System zerstören will, damit traditionelle Hierarchien an seine Stelle treten. 
  • Den Zerstörer, der gar nicht an eine bessere Zukunft glaubt und die Zerstörung als Selbstzweck sieht. 
  • Den Libertär-Autoritären, der die aktuelle Form der Regulierung ablehnt und sich einen neuen, wirtschaftlich befreiten, aber gesellschaftlich autoritären Staat wünscht.

Nullsummen-Denken als zentrale Rolle 

Das Denken dieser Menschen ist oft durch Nullsummen-Denken geprägt. Verluste der eigenen Gruppe werden als Gewinne anderer interpretiert und umgekehrt. Ein klassisches Beispiel dafür ist, dass Migranten den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Ihnen ist auch der Gedanke des Fortschritts abhanden gekommen  - war früher der bessere Job oder das bessere Auto des Nachbars ein Ansporn, ist es heute das Gefühl, dass ein guter Job weniger verfügbar ist. 

Zerstörungslust häufig in Verbindung mit biografischer Brüche 

Viele der Befragten betrachten ihr Leben als blockiert. Obwohl sie sich Mühegeben, haben sie keinen Erfolg. Viele Menschen haben Scheidung, Kündigung oder der Zwangsversteigerung des geliebten Eigenheim. Sie fühlen sich fremdbestimmt und sind bereit Schwächere zu demütigen und zu quälen. Obwohl Klimakleber oder trans Personen keine Konkurrenz sind, betrachten sie diese als ein Zeichen von sehr schnellen Wandels an Normen. 

Demokratischer Faschismus 

Die befragten Menschen bekennen sich zur Demokratie, sie wollen Wahlen gewinnen – und genießen gleichzeitig Grausamkeit und Gewalt. Sie bekennen sich zur Demokratie – sie wollen aber eine Demokratie für die sogenannten Normalen – andere werden ausgeschlossen. Dadurch sind die beiden Begriffe kein Widerspruch mehr: sie sind antidemokratisch, nationalistisch, migrationsfeindlich, gewaltaffin

Antifaschismus könnte kontraproduktiv sein

Die Interviewten sind voller Zynismus, konventionelle politische Aufklärung und Antifaschismus könnte sogar kontraproduktiv sein und als paternalistisch wahrgenommen. Sie fordern hingegen positive Visionen, denn Demokratie den Horizont einer offenen Zukunft, um handeln, gestalten, Lösungen finden zu können.“

Sonntag, 10. August 2025

Unsere Gesellschaft ist verrohter als viele denken

In einem Beitrag für den SPIEGEL kritisiert der Soziologe Wilhelm Heitmeyer, dass Gewalt und Rücksichtslosigkeit kleineredet werden: Diese Selbsttäuschung muss aufhören, sonst wird sich das Problem noch verschärfen

Unsere Gesellschaft verroht 

Umfragen zeigen, dass viele Menschen eine Verrohung der Gesellschaft spüren, sie beklagen mehr Egoismus und eine gesteigerte Aggressivität. Einige führen die ansteigende Zahl von Straftaten auf eine erhöhte Anzeigenbereitschaft und mehr Polizeiarbeit zurück. Diese Sensibilisierungsthese soll beruhigend wirken: So schlimm ist es gar nicht. Heitmeyer widerspricht dieser These und verweist auf die zahlreichen Befunde im gesellschaftlichen Alltag. 

Durchrohung mi unterschiedlichen Gewaltformen 

Für ihn ist Durchrohungsthese zutreffender. Der Begriff der Durchrohung beschreibt, wie private, öffentliche oder institutionelle Strukturen Menschen dazu stimulieren, Macht zerstörerisch einzusetzen. Die Gewaltformen reichen von Demütigung über Hass zu Gewalt. Diese Gewalt gibt es im privaten und öffentlichen Raum: gegen Polizei und Rettungskräfte, im Straßenverkehr, Schulen, in ökonomischen Räumen gegen Beschäftige, in der Politik und nicht zuletzt in den virtuellen Räumen des Internets. Er stützt sich dabei auf „unbeleuchtete Dunkelzonen“, d.h. Umfragen bei Ärzten, Mitarbeitern öffentlicher Einrichtungen, die über zunehmende Angriffe klagen. 

Zusammenhang von gesellschaftlicher Struktur und individuellem Verhalten 

Die These von der Durchrohung sieht einen Zusammenhang von gesellschaftlichen Strukturen und individuellem Verhalten. Die zentrale gesellschaftliche Struktur ist das Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus muss sich um des eigenen Überlebens willen immer weiter ausbreiten und betrifft zunehmend auch den sozialen Bereich. Dadurch werden Menschen bewertet, wie nützlich, verwertbar und effizient sie sind. Der deregulierte Turbokapitalismus hat zu massiven sozialen Ungleichheiten geführt: 
Die Gesellschaft fällt dadurch zunehmend auseinander, viele Menschen fühlen sich verletzt und vermissen gesellschaftliche Anerkennung. Untersuchen zeigen einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gewalttaten. 

Soziale Individualisierung und kulturelle Singularisierung 

Der Soziologe Ulrich Beck hat die Individualisierungsprozess der Moderne bestimmt. Nicht mehr Herkunft und Klassenzugehörigkeit, sondern das individuelle Handeln ist prägend. Sie sind gezwungen, ihren Lebensplan durchzusetzen. Je individueller die Lebensplanung wird, desto mehr widersprüchliche und unklare Anforderungen werden an den Menschen gestellt. 
Der Soziologe Andreas Reckwitz betont die Logik des Besonderen, das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit. Diese Kriterien ändern sich ständig. Der zentrale Modus dieser kulturellen Singularisierung ist die Demonstration von Überlegenheit in der Alltagskommunikation.

Subjektivierung von Werten und Erosion von Normen

Beide Prozesse haben weitrechende Folgen. Sie betreffen die Subjektivierung von Werten (»Was als Wert gilt, bestimme ich«) und die Erosion von Normen (»Woran ich mich halte, bestimme ich«). Reckwitz verweist zudem auf die Relevanz von Affekten. Diese negativen Emotionen führen zur Verbreitung von Hass und Gewalt. Das inzwischen von autoritären Bewegungen und Parteien propagierte Ideal harter Männlichkeit verschärft die Problematik.
Wir erleben eine Abfolge von Krisen, in denen politische Instrumente nicht mehr funktionieren und viele Menschen dadurch Kontrollverluste erfahren. Das verringert das Gefühl, das eigene Leben selbstwirksam gestalten zu können und der Erwartung nach Einzigartigkeit zu entsprechen.

Debatte über Durchrohung ist notwendig 

Heitmeyer betont, dass die beschriebenen Strukturen, der Verlust von Empathie und die schwindende Bindung von Rechtsnormen zu dieser Verrohung führen. Beunruhigend ist, dass dies im Interesse von Akteuren mit Macht und Einfluss ist, die uns weiterhin etwas vorlügen können. Dazu gehören Wirtschaftsführer, die vom Kapitalismus profitieren, Politiker, die diese ökonomischen Strukturen nicht thematisieren und Meiden, die nicht auf diese Zusammenhänge hinweisen. Er fordert deshalb eine „produktiv radikale Debatte über die gesellschaftliche Produktion der Durchrohung“, ansonsten werden die Probleme weiter zunehmen – und das Bemühen, sie zu verdrängen.

Montag, 4. August 2025

Die junge Generation ist sensibel und klug

In einem Interview im SPIEGEL betont der Jugendforscher Klaus Hurrelmann: „Ich halte die junge Generation nicht für faul, sondern für sensibel und klug“. 

Junge Menschen werden in einer krisengeschüttelten Welt groß 

Studien zeigen, dass sich junge Menschen stark belastet fühlen – nicht erst seit der Coronapandemie. Der Anteil derjenigen, die therapeutische Hilfe benötigen, hat sich auf 20 % erhöht. Zwar mussten auch frühere Generationen mit Herausforderungen umgehen, wie z.B. durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Heute sehen sich jüngere Menschen aber vielen Krisen gegenüber. Durch digitale Kanäle wird jedes Ereignis verstärkt, dramatisiert und multipliziert. Fast ein Drittel der jungen Menschen haben keine Kontrolle über ihren Social-Media-Konsum. 

Sorgen um Krieg in Europa und Inflation 

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ zeigt, dass mittlerweile der Krieg in Europa und die Inflation die größten Sorgen von Jugendlichen sind – nicht mehr der Klimawandel wie bei der letzten Studie vor fünf Jahren. Viele haben Angst, dass ihre Arbeit in zehn Jahren noch sicher ist und sie sich das Leben leisten können. Die steigenden Preise verstärken diesen Effekt. Daran ändert auch der Fachkräftemangel nichts, denn die Jungen werden viel Verantwortung stemmen müssen. 

Klimawandel kein großes Thema mehr 

Für Hurrelmann war die Coronapandemie entscheidend, dass der Klimawandel keine große Rolle mehr spielt, denn die beiden Hebel von Fridays for Future – Schulschwänzen und Demonstrieren – wurden hinfällig. Er bedauert dies, denn er sah die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen. Zahlenmäßig waren mehr Menschen beteiligt als bei der 68er Generation. 

Kinder zu sehr in Watte gepackt 

Die Kinder der 68er haben laut Hurrelmann ihre Kinder zu sehr in Watte gepackt. Studien zeigen, dass die Hälfte der Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder oft überfordert ist und ein Drittel sogar erschöpft und am Rande ihrer Möglichkeiten. Viele Eltern hinken den technischen Möglichkeiten ihrer Kinder hinterher und haben ihren eigenen Medienkonsum nicht im Griff. Folglich hält er auch für Verbote von sozialen Medien für kontraproduktiv. Besser wäre es, die Konzerne zu regulieren.

Generationen müssen im Dialog bleiben 

Er beklagt, dass ältere und jüngere Menschen immer weniger Bezugspunkte haben. Dabei wäre ein Dialog und die Akzeptanz wichtig, damit jeder seine Stärken einbringen kann. In Parteien, Vereinen und Kirchen ist das Durchschnittsalter hoch, junge Menschen diskutieren auf ihren digitalen Plattformen. Eine Wehrpflicht oder ein soziales Pflichtjahr befürwortet er nur, wenn alle in die Pflicht geworden, z.B. durch einen Pflichtdienst für Senioren. 

Die junge Generation verhält sich solidarisch

Hurrelmann betont, dass sich die junge Generation bereits solidarisch verhält. Während der Coronapandemie wurden sie als Letzte geimpft und schulen waren lange geschlossen. Sie tragen das Rentensystem und müssen immense Schuldenberge abbauen: Die Jungen leisten viel – auch wenn die Alten gern auf sie schimpfen.  Er fordert einen flexibleren Renteneintritt. Warum sollen Menschen mit 65 plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen sein? Er selbst hat nun mit 81 Jahren ein Buch über die Jugend geschrieben und versucht den Kontakt zu jüngeren Menschen zu halten. 

Junge Menschen haben ein gutes Gespür 

Hurrelmann bestreitet, dass jungen Menschen nicht mehr leistungsbereit sind. Sie blicken auf die gestressten Eltern, die dem Beruf alles untergeordnet haben, oft auch die eigene Gesundheit. Daher hält es für verständlich, dass sie andere Schwerpunkte setzen. Er lobt die Klimabewegung, die viel bewegt hat und kritisiert den Rechtsruck, auch wenn er die Ursachen herleiten kann. 
An seiner eigenen Generation kritisiert er, dass sie die Lebensleistung der Nachkriegsgeneration nicht ausreichend anerkannt hat, da diese unter katastrophalen Bedingungen ihren Alltag gemeistert haben. 


Donnerstag, 17. Juli 2025

Kulturkampf jetzt auch in Deutschland?!

Katharina Riehl kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die geplatzte Wahl Frauke Brosius-Gersdorfs zur Verfassungsrichterin. Sie argumentiert, dass es auch in Deutschland einen Kulturkampf gibt. Dieses Thema greife ich auch in meiner aktualisierten Themenliste auf. 

Lehrstück für einen modernen Kulturkampf 

Die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin zeigen mehrere Dinge. Der Unions-Fraktionsvorsitzende kann nicht führen, die Koalition wird ihrem Anspruch auf Geschlossenheit nicht gerecht und es ist ein Lehrstück über den modernen Kulturkampf. Wir gegen die, die gegen uns. Gegen die Professorin lief eine offensichtlich geplante Kampagne. Das rechtspopulistische Portal Nius und einschlägige Kanäle stellten sie als ultralinke Ideologin dar. Sie überfluteten Abgeordnete mit E-Mails und kritisierten die liberale Haltung zur Abtreibung und ihr Eintreten für eine Impflicht. 

Eine Schmutzkampagne wie aus dem Handbuch

Die meisten gegen Brosius-Gerstdorf vorgebrachten Vorwürfe sind unsinnig. Sie hat nie für eine Abtreibung bis zur Geburt geworben, vielmehr tritt sie für eine Entkriminalisierung in den ersten drei Monaten. Sie betonte auch immer wieder die schwierige Abwägung zwischen dem Schutz des Embryos und der Mütter. Bisher sorgte das austarierte Konstrukt, dass das Verhältnis zwischen liberalen und konservativen Richtern gleich bleibt -für die Union steht mit dieser Personalie konkret nichts auf dem Spiel.

Die Kampagne des „Plagiatsjägers“

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang ein selbsternannter „Plagiatsjäger“, der von rechten Kräften bezahlt auffallend häufig Frauen von der linken Seite ins Visier nimmt. Aber nicht mal er konnte ein Plagiat erkennen, übernommen wurden diese Vorwürfe in der Bundestagsdebatte dennoch, auch von Abgeordneten der Union. 

Kulturkämpfer brauchen keine Fakten

Oft reicht eine Idee, um eine brutale Debatte zu entflammen. Sie zeigt sich auch an dem Vorgehen gegen trans Personen, die bekämpft werden, als ob ihre schiere Existenz tatsächlich den Alltag der anderen bedrohen könnte. Die Bereitschaft abweichende Meinungen auszuhalten, ist auf beiden Seiten des politischen Spektrums kleiner geworden. Auch die Grünen haben einen Kandidaten der Union abgelehnt, allerdings gab es da keine digitale Hetzkampagne.

Harmonie zu verordnen, das alleine wird nicht reichen

Donald Trump hat in den letzten Monaten den Kulturkrieg durchgeführt – und in Deutschland sah man entsetzt zu. Aber auch in Deutschland droht die Ideologisierung der großen Themen die Parteien der Mitte zu zerreißen. Diese unversöhnliche Stimmung lässt sich nicht durch verordnete Harmonie nachholen.  „Wer ideologische Gräben verkleinern will, muss sie erkennen, muss moderieren, muss überzeugen. Die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf nachzuholen, wäre dafür ein guter Anfang.“

Meine Seminare zu gesellschaftlichen Themen

Zum Thema Gesellschaft biete ich eine Reihe von Themenvorschläge. Dazu zählt ein Seminar über die Frage, ob Deutschland gespalten ist und ein neuer Vorschlag über den Kulturkampf. Unter dem Titel „Über (Anti-)Wokeness, Abtreibung und Gendern – ein Kulturkampf?“ stelle ich die Begriffe vor und diskutiere, ob wir uns bereits in einem Kulturkampf befinden. 

Dienstag, 18. März 2025

Was man für heute aus den Corona-Jahren lernen kann

Katharina Riehl beschreibt in der Süddeutschen Zeitung, was man aus den Corona-Jahren lernen kann: Nicht jeder Impfgegner war ein Querdenker. Und nicht jeder Pazifist ist ein Putin-Freund.

Die Folgen der Pandemie sind bis heute spürbar

Vor fünf Jahren erstickte die Pandemie das öffentliche Leben in Deutschland. Hängen bleiben wird Merkels Satz fünf Tage, nachdem deutschlandweit die Schulen geschlossen wurden: „Die Lage ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“ Die Folgen sind bis heute spürbar, z.B. die Bildung und Psyche von Kindern, die wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen – die heute versuchen, ihre Mitarbeiter wieder regelmäßig ins Büro zu locken.

Die Pandemie hat das Vertrauen in die Politik beschädigt

Die Pandemie hat ideologische Grabenkämpfe in der Gesellschaft verursacht, die bis heute anhalten. Sie hat zum Erstarken der AfD und dem sinkenden Vertrauen in Politik und Medien beigetragen. War im ersten Jahr steig das Vertrauen, in Zeiten von Unsicherheit rücken Bevölkerung und Staat zusammen. Dann sank das Vertrauen: Der Lockdown wurde zum Symbol eines Staates, der die Rechte seiner Bürger einfach außer Kraft setzt.

Aufarbeitung dringend notwendig

Es entstand eine tiefe Spaltung: Ein Teil der Bevölkerung fordert härtere Maßnahmen inklusive einer Impfpflicht, ein anderer Teil lehnte alle Übergriffe mit zunehmender Härte ab. Ein Grund für den Erfolg von Sahra Wagenknecht im Osten ist neben dem Krieg die nicht aufgearbeitete Pandemiepolitik. Hier sieht die Autorin dringenden Nachholbedarf. Dabei muss es auch darum geht, dass die Fehler von damals nicht heute unter anderen Vorzeichen wiederholt werden. Die Regierungsbildung ist aktuell aber im Moment durch die nächste existenzielle Krise geprägt: Donald Trumps Politik und die daraus folgende Forderungen nach mehr Geld für die Aufrüstung.

Damals wie heute darf man nicht alle Zweifler zum Schämen in die Ecke schicken

Als größten Fehler der Pandemiejahre bezeichnet die Autorin, den moralischen Rigorismus, mit dem alle Kritik verteufelt wurde - – auch berechtigte Kritik wie etwa die an den langen Schulschließungen. Es wäre notwendig gewesen, inhaltlich nicht von den Fakten abzuweichen, aber bei der Kommunikation nicht alle Zweifler zum Schämen in die Ecke zu schicken.
Bei der heutigen Debatte treffen die politischen Erzählungen von AfD und Wagenknecht auf fruchtbaren Boden, dass man einfach zu Wladimir Putin etwas netter sein müsse. Diese Gruppe könnte größer werden und überschneidet sich mit den Kritikern der Corona-Maßnahmen. Auch hier dürfen Fakten nicht ignoriert werden, aber: Nicht jeder Impfskeptiker war ein Querdenker und nicht jeder Pazifist ist ein Handlanger des russischen Diktators. Gerade wenn Deutschland aufrüstet, muss es verbal abrüsten.

Freitag, 28. Februar 2025

Die Mitte-Parteien vernachlässigen die Jungen

Karin Janker analysiert in der Süddeutschen Zeitung das Wahlergebnis junger Menschen. Ihr Vorwurf: Die Mitte-Parteien vernachlässigen die Jungen

Politische Vernachlässigung hat ihren Preis

Die Parteien der bürgerlichen Mitte haben ihre Quittung bekommen. Union und SPD dümpeln bei 13 Prozent, die vor vier Jahren führenden FDP und Grüne sind regelrecht abgestürzt. Auf den ersten Blick bleibt die Wirkung begrenzt: 14 Prozent der Wähler waren bei dieser Wahl jünger als 30 Jahre, 40 Prozent älter als 60.

Wer die Jugend übergeht, treibt sie an die Ränder.

27 % für die Linke, 19 % für die AfD – zusammen mit den 6 % BSW-Wählern sind 52 Prozent der jungen Deutschen nach weit außen gedrängt. Das liegt nicht nur an den geschickten Social-Media Strategien. Die Jugend ist politisch interessiert wie kaum eine vor ihnen – sie sind nicht entpolitisiert, sondern politisch emotionalisiert.

Sie sind keine Protestwähler, sie suchen Orientierung

Junge Menschen wollen Veränderungen. Es ist kein neues Phänomen, dass junge Menschen extremer wählen als ältere. Neu ist, dass sich im Wettstreit eine Partei etabliert hat, die die Demokratie angreift und ausgehöhlt. Die Jungen suchen keine Konfrontation mit der Elterngeneration - sie sind keine Protestwähler, sie suchen Orientierung. Bisher haben sie kaum für Aufbegehren gesorgt. Die überalternde Demokratie muss sich aus diesem Dilemma dringend befreien, wenn sie nicht ihre eigene Zukunft verspielen will.

Die Belange von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehören ganz oben auf die Agenda

Es gibt Handlungsbedarf: Jeder vierte junge Erwachsene in Deutschland ist von Armut gefährdet. Sie sind von den Folgen der Corona-Krise, der Migration und dem Klimawandel am stärksten betroffen und machen sich zurecht Sorgen um die Rente. Nur 23 Prozent blicken zuversichtlich in die Zukunft. Ihre Hoffnung schwindet, dass die Parteien der Mitte die Probleme in den Griff bekommt.

Nicht viel versprochen und geliefert

Die Autorin kritisiert den Vorwurf, dass diese Jugend eine problematische Konsumentenhaltung habe und erwartet, was sie bestellt. Bisher wird ihnen von den Parteien der Mitte weder viel versprochen noch etwas geliefert. Die Anliegen junger Menschen müssen ganz oben auf die Agena, denn „weitere vier Jahre der Vernachlässigung könnten desaströs enden.

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Verluste sind das schmutzige Geheimnis des Fortschritts

In einem Interview im SPIEGEL stellt Andreas Reckwitz sein neues Buch „Verlust“ vor.
Reckwitz ist einer der einflussreichsten Soziologen. In seinem Werk „Die Gesellschaft der Singularität“ beschreibt er den Aufstieg einer neuen Mittelklasse, meist urban lebende, kreativ arbeitende, kosmopolitische Akademiker, die die alte Mittelklasse der Handwerker und Facharbeiter mitsamt ihrer Werte und Lebensentwürfe zurückdränge.

Verlust des Fortschrittsnarrativ

Die Zeit nach dem Mauerfall war vom Fortschrittsoptimismus geprägt: der Glaube an die Globalisierung, die Vernetzung, die gesellschaftliche Liberalisierung, die Wissensgesellschaft. Probleme wie den Klimawandel oder Deindustrialisierung gab es schon damals, die Verluste waren aber nicht so im Fokus.

Verlust als Grundproblem der Moderne

Für Reckwitz ist Verlust mit Verschwinden und negativen Emotionen verbunden: Trauer, Wut, Angst. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, welche Verluste zu beklagen sind. Manchen trauern um ihre Privilegien oder wenden sich lautstark gegen Veränderungen. Verlust ist für Reckwitz ein Grundproblem der Moderne, da das Alte permanent durch Neues abgelöst wird. Bisher konnten Verluste relativiert waren, sie waren „das schmutzige Geheimnis des Fortschritts.“

Die Zukunft ist keine Verheißung mehr

Dieser Ausgleich wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Kaum jemand glaubt mehr, dass es den eigenen Kindern in 20 Jahren besser gehen wird. Auch klimawissenschaftliche Szenarien prognostizieren eine Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Bereits 1985 sprach Jürgen Habermas von der „Erschöpfung utopischer Energie“ – rückblickend waren die 90er Jahre eher die Ausnahme in einer „Verlust-Eskalation“.

Westliche Moderne ist an einer Grenze angekommen

Die Fortschrittserwartung war wie eine Decke, die Verlust verhüllt. Wird die Decke weggezogen, kommen Verluste zum Vorschein. An die Grenze ist die Moderne auch bei der Natur gekommen wie der Klimawandel zeigt. Verlierer artikulieren sich heute deutlicher, d.h. viele Kontroversen drehen sich nun um Verluste. Man will nicht ein größeren Stück des Kuchens, sondern die Anerkennung von Verlusten – Opfer fordern Sichtbarkeit.

Individuen hoffen auf persönliche Erfüllung

Kollektive Utopien haben an Glaubwürdigkeit verloren, dafür hoffen einzelne Individuen auf Verbesserung. Während sie für die Gesellschaft pessimistisch sind, sehen viele Menschen ihre Zukunft optimistisch. Es geht nicht mehr darum, zu gewinnen, sondern nicht so drastisch zu verlieren. Eine alternde Gesellschaft wird zwangsläufig verlustaffiner.

Populismus ist Verlustunternehmertum

Für die Politik ist dies eine Herausforderung, denn sie ist vom Fortschrittsversprechen geprägt. Gewinner sind Populisten, die bei Menschen gut ankommen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten. Diese Erfahrungen sollte man ernst nehmen- Das Ende des Patriarchats bedeutet für viele Männer einen – manche würden sagen: überfälligen – Machtverlust. Die Politik sollte diese Verluste anerkennen und offen sprechen, zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur,

Einen Umgang mit Negativereignissen finden

Gesellschaften müssen resilienter werden und mit Negativereignissen umgehen können – sie vermeiden oder sie abzumildern. Beispiele sind ein besserer Umgang mit der nächsten Pandemie und dem Klimawandel. „Eine Gesellschaft, die Verluste nicht von sich abspaltet, wäre selbst eine bessere.“

Errungenschaften der Moderne bewahren

Für Reckwitz geht es darum, die Errungenschaften der Moderne zu bewahren. Er zeichnet verschiedene Szenarien auf: Die Hoffnung durch Fortschritt den Klimawandel technisch in den Griff zu bekommen, sodass die Modernisierungsverlierer und damit die Populisten aussterben. Denkbar wäre aber auch das andere Extrem - der Kollaps der Moderne.
Das dritte Szenario bezeichnet Reckwitz als „erwachsene Moderne“. Er verliert Lebensideale, aber erwirbt Verlustkompetenz. Für Reckwitz war auch die Beschäftigung mit dem Thema überwiegend positiv: Sie lässt die Probleme, unter denen man leidet, nicht verschwinden – aber man kann sie besser handhaben.

Mittwoch, 4. Dezember 2024

Die „nüchterne alte Tante“ Soziologie ist wieder gefragt

Alexander Cammann rezensiert in der ZEIT das neue Buch von Andreas Reckwitz. Dabei geht er auch auf die Bedeutung der Soziologie ein, die so gefragt ist, wie lange nicht.

Soziologen waren lange nicht gefragt

Wenn es um die Erklärung des Mauerfalls von 1989 oder den 11. September ging, waren lange Zeit Historiker oder Philosophen gefragt. Für manche galten die Lifesciences als neue Leitwissenschaft, schließlich hatten die das menschliche Genom sequenziert. Nun ist sie wieder zurück „die nüchterne alte Tante“ Soziologie.

Kommentare zur jeweiligen Gegenwart

Nun sind sie zurück: Jutta Allmendinger und Heinz Bode haben jahrelang die Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Nun sind andere Soziolog*innen in aller Munde: Steffen Mau aus Berlin, Hartmut Rosa aus Jena, Paula-Irene Villa Braslavsky und Armin Nassehi aus München, Oliver Nachtwey aus Basel, Jens Beckert aus Köln, dazu häufig noch Eva Illouz. Sogar Olaf Scholz soll ihnen manchmal zuhören, wenn sie „virtuos eine der vornehmsten Aufgabe der Soziologie übernehmen – die Zeitdiagnostik.

Wegweisendes Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Bereits 2017 hat Andreas Reckwitz ein preisgekröntes Buch vorgelegt: Die Gesellschaft der Singularitäten. Die damaligen Diagnosen passen verblüffend gut,
ob es um Neogemeinschaften geht, die alte Organisationsformen ablösten (man denke an BSW und AfD), ob um die kulturellen Spaltungen der westlichen Gesellschaft, jenseits der alten Klassenkonflikte, die sich bei Wahlen niederschlagen. Ebenso passend ist die Beschreibung, dass anstelle allgemeiner anerkannter Normen und Zugehörigkeit viele „Singularitäten getreten sind.

Überall Modernisierungsverlierer

In seinem neuen Buch beschreibt Reckwitz die Verluste der Moderne: Klimakatastrophe, Artensterben, Modernisierungsverlierer – und der Populismus, der als „Verlustunternehmer“ davon.
Der Fortschrittimperativ westlicher Gesellschaften brachte stetige Verbesserungen. Sie konnten auch frühere Verluste immer wieder ausgleichen.

Progressive werden strukturkonservativ

Reckwitz beschreibt verschiedene Bereiche in der Spannung zwischen Fortschritt und Verlust und beschreibt eine interessante Änderung in der Politik. Progressive werden „strukturell konservativ“: die Linken in der Verteidigung des Sozialstaats, die Linksliberalen bei den vom Rechtspopulismus bedrohten Freiheitsrechten. "Nirgendwo ist die Fortschrittsorientierung noch ungebrochen" – und konservativ ist mal wieder komplizierter als gedacht.

Neues Thema in meinem Seminarangebot

In meinem Seminarangeboten zur Gesellschaft habe ich das Thema „Soziologen sind wieder gefragt“ aufgenommen. Dabei werde ich die Bedeutung und Werke von Andreas Reckwitz und anderer Soziologen vorstellen.

Freitag, 18. Oktober 2024

Optimismus in der Jugend: Uns geht es besser, als ihr denkt!

Rudi Novotny analysiert in der ZEIT die aktuelle Shell-Studie. Die umfassende Studie, bei der 12.25jährige befragt wurden, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht verunsichert, sondern optimistisch. Nicht misstrauisch, sondern voller Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen.

Nicht extremistisch, sondern pragmatisch und tolerant.

Rund ¾ der jungen Menschen sind mit der Demokratie zufrieden, glauben, dass Deutschland ihnen die Chancen bietet, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Es sind Zahlen, die fast unwirklich erscheinen. Steigender jugendlicher Optimismus trotz Corona, trotz Ukrainekrieg, trotz Migrationskrise. Trotz des offensichtlichen Versagens stehen die Jungen zum Staat, trotz TikTok vertrauen 83 Prozent dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Treue Musterbürger, die allen Turbulenzen trotzen

Junge Menschen haben Werte, die an einen Musterbürger erinnern: Ihnen sind gute Beziehungen zu Familie und Freunden wichtig, sie setzen auf Eigenverantwortung. Die Jugend ist so politisiert wir 1991 nicht mehr, viele jungen Männer rutschen nach rechts, Frauen nach Links. Die Angst vor dem Klimawandel bleibt hoch, wurde aber nun vor der Angst vor Krieg überholt.

Nie waren die Jungen weniger

Der Anteil der Jungen in der Bevölkerung sinkt: Ende 2021 hierzulande gerade mal 8,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Zehn Prozent der Bevölkerung. Nie waren die Jungen weniger. Man kann die Jugend gut ignorieren.
Dazu zählen die Etiketten "Kaum belastbar, aber hohe Ansprüche", die sich in untersuchen nicht halten lassen. Die Kritik an der Jugend ist eine Projektion. "Man kritisiert die Jugend, aber meint die Fehlentwicklungen in der Erwachsenenwelt."

"Bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Einige der Ergebnisse zeigen auch Frust: Rund die Hälfte sehen in staatlichen Maßnahmen keine Vorteile und fühlen sich ignoriert. Die Kritik ist scharf, wirkt an manchen Stellen insbesondere gegenüber den handelnden politischen Akteuren unversöhnlich und ist häufig von populistischen Elementen getragen." Studienleiter Albert sagt dazu: "Die Jugendlichen nehmen sehr sensibel wahr, wenn ihre Belange nicht berücksichtigt werden."
Viele Kritikpunkte sind nachvollziehbar: Während Corona wurden die Orte der Jungen als erstes geschlossen, das 1,5 Grad-Ziel ist in weiter Ferne, der Glaube in die Rente ist gering. Noch ist es keine Systemfrage, die Botschaft ist aber klar: „bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Geld, Zeit und Engagement

Damit die Jungen an politischen Entscheidungen beteiligt werden und verstehen, wie Politik funktioniert. Forscher fordern mehr politische Bildung im Lehrplan und Geld für Vereine und Institutionen, in denen sich Jugendliche persönlich entwickeln können. Scharf kritisieren sie, dass die Bundesregierung weniger Geld für die Freiwilligendienste geben will. Stattdessen wird über einen Pflichtdienst geredet – der Vorschlag kam vom heute 68jährigen Bundespräsident.

Weiter Informationen

Interview zur Shell-Studie in der Tagesshau:  "Ein gewisses Grundvertrauen in die Gesellschaft"
Leben in Deutschland: Junge Deutsche blicken positiv in die Zukunft
Shell-Studie: Sehr besorgt, aber pragmatisch und optimistisch |

Freitag, 27. September 2024

Wie Corona die Debattenkultur der Deutschen verändert hat

Die Spaltung der Gesellschaft wird von vielen Seiten beklagt: In der Süddeutschen Zeitung fragt Rainer Stadler, ob dies eine Spätfolge der Corona-Pandemie ist.

Armin Laschet arbeitet an einem Buch über die Streitkultur. Er kritisiert, dass bei vielen Themen nicht diskutiert, sondern sofort die moralische Keule hervorgeholt wird. Er nimmt sogar Sahra Wagenknecht in Schutz, deren Ansicht er zwar nicht teil, deren Recht ihre Meinung kundzutun er aber verteidigt.

Je weiter die Pandemie zurückliegt, umso klarer werden die Spuren

Laschets Befund ist nicht neu. Corona hat Spuren hinterlassen, dass wir immer klarer. In der Vergangenheit zeigte sich bei schweren Krisen, dass die Menschen zusammenrücken. Auch in der Corona-Krise war das Vertrauen in Politik, Polizei und Medien zunächst groß. Doch schnell verpuffte dieser Effekt, die Zustimmung war schnell geringer als vor der Krise. Die Menschen waren von der permanenten Krisenberichterstattung überfordert, der Frust über die Regeln stieg, da die Fallzahlen weiter stiegen.

Vertrauen hat weiter abgenommen

Das Vertrauen hat weiter abgenommen, besonders bei jüngeren Menschen in Ostdeutschland. Studienleiterin Zoch vermutet, dass dies auf die besondere Betroffenheit bei Kita- und Schulschließung zurückzuführen ist. Eine weitere Rolle könnte spielen, dass diese Generation in der Jugend erlebt hat, wie ein übermächtiger Staat ihre Eltern erdrückte. Womöglich hätten einige befürchtet, dass ihnen in der Pandemie ein ähnliches Schicksal drohte.

Psychologen hatten früh vor Schäden bei Kindern gewarnt

Psychologen hatten gewarnt. Laschet war während der Pandemie Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und berichtet über die heftigen Debatten und die Vorwürfe des „Team Vorsicht“. Es ging auch darum, welchen der Virologen man mehr vertraute. Ähnlich kritisch sah er die pauschale Abwertung der Corona-Demos, durch Politik und Medien – als Sammelbecken rechter Schwurbler, da dadurch auch berechtigte Anliegen von Teilnehmern diskreditiert worden.

Konträre Meinungen erlaubt, aber nicht erwünscht

Eine weitere Kritik von Laschet und Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung“ ist die Stigmatisierung von ungeimpften. Zwar sind tatsächlich viele Ungeimpfte in Intensivstationen gelegen, dennoch haben auch sie Grundrechte. Wer dies öffentlich forderte, bekam schnell Probleme. Was der Philosophin in der Talkrunde widerfuhr, war ein Signal an andere, die Corona-Maßnahmen kritisch sahen: Konträre Meinungen sind vielleicht erlaubt, erwünscht sind sie nicht. Diese Erfahrung nachten viele, nach Umfragen haben 2/3 der Menschen Kontakte eingebüßt – nicht zuletzt wegen Meinungsverschiedenheiten zur Corona-Politik.

Wunden werden nicht heilen

Ein Forscherteam ist skeptisch, ob die Wunden heilen. Ungeimpfte neigen noch immer dazu die Gefahren zu unterschätzen. Manchen haben den Wunsch „Politik und Wissenschaft für ihr Handeln in der Pandemie zu bestrafen und die politische Ordnung zu zerschlagen“. Geimpfte überschätzten im Nachhinein die Gefahr durch das Virus. Sie sind damit auch weniger bereit zu einer kritischen Auseinandersetzung darüber, wo die Pandemiepolitik eventuell doch aus dem Ruder lief.

Vergangenheitsbewältigung und Lehren für die Zukunft

Umso wichtiger wäre eine unabhängige Aufarbeitung der Corona-Politik. Es geht um Vergangenheitsbewältigung, aber auch um Lehren für die Zukunft. Man habe zu sehr auf kurzfriste Effekte gesetzt, wichtig sei auch langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt“ zu berücksichtigen.
Auch das Vertrauen in die mediale Öffentlichkeit ging verloren, Die Philosophin Flaßpöhler hofft auf ein neues Bewusstsein, „wie wir heute Debatten führen“. Menschen würden ausgeschlossen, Meinungen schon im Voraus mit dem Etikett „unvernünftig“ versehen und aussortiert. „Das ist einer Demokratie nicht gemäß, so funktioniert der offene Diskurs nicht.“

Freitag, 20. September 2024

Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

Der SPIEGEL fragt angesichts von Messerattacken, Beleidigungen und Cybermobbing: Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

„Verrohung“- gab es auch früher

Der Artikel beginnt mit der Beschreibung von wütenden Bürger, die sich über „Gammler“ aufregen – im Jahr 1967. Eine Verrohung kann man der Gesellschaft nicht vorwerfen – sie war seit etlichen Jahren bereits so.
Zwischen 1991 und 1993 wurden in Deutschland an diversen Orten Flüchtlingsunterkünfte attackiert. Menschen verbrannten. Und 1996 fragte der SPIEGEL, ob die Gesellschaft verroht.
Ein Blick in die 1930er zeigt noch mehr Gewalt – und führte in die Grausamkeit des 2. Weltkriegs.

»99,8 Prozent aller Menschen sind wertschätzend, respektvoll und verhalten sich anständig«,

Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt, dass die Welt viel positiver ist als es in den Medien rüberkommt und die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen sich wertschätzend verhält.
Unser Gehirn sorgt mit einem alarmistischen Grundzustand für den Eindruck, dass das Negative überwiegt. Über die Vergangenheit liegt ein farbiger Filter – auch das ein Selbstschutz, damit das Gewesene nicht zu einem Mühlstein um den Hals wird.

Problematischer Begriff Verrohrung

Auch Konstanze Marx-Wischnowski hält den Begriff Verrohung für problematisch. Ihr Forschungsgebiet – Gewalt in der digitalen kommunikation – zeigt jedoch üble Auswüchse in sozialen Medien. Dennoch betont sie: Beleidigungen, Schmähreden und übelste Verunglimpfungen hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Neu ist die „Vergemeinschaftung der Gewalt“ – der Wunsch sich gegenseitig mit enthemmtem Verhalten zu überbieten.

Awareness und Sensibilität haben zugenommen

Angestiegen ist auch die Awereness, das Bewusstsein dafür, dass eine Situation nicht okay ist, oder sogar aus dem Ruder läuft und Eingreifen erfordert. Sie führt auch dazu, dass viele Verrohung erst erkannt werden. Auch deshalb gibt es eine gefühlt höhere Verrohung: heute gilt vieles als Verrohung, was früher als normal empfunden worden wäre. Neben denen die Krawall schlagen, gibt es auch Menschen die engagiert dagegenreden. Auch die Sensibilität hat zugenommen, stellt die Forscherin fest. So warnt sie ihre Studenten vor den Vorlesungen über die Inhalte.

Samstag, 24. August 2024

Was heißt hier Fortschritt?

In der ZEIT beschäftigt sich der bekannte Soziologe Andreas Reckwitz mit der Frage, was Fortschritt bedeutet.

Fortschritt beliebter und unklarer Begriff

Die Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberale wollte eine Fortschrittskoalition sein und hatte hoch gesteckte Ziele: ökologisch-wirtschaftliche Modernisierung, gesellschaftspolitische Öffnung, sozialpolitische Neujustierung. Nach Streit und Krisen stellt sich aber nicht nur für die Regierung die Frage: Was kann Fortschritt als Ziel der Politik im 21. Jahrhundert bedeuten?

Westliche Demokratien und Fortschritt miteinander verwoben

Es wird regelmäßig gestritten, um welchen Fortschritt es gehen soll – mehr Freiheit oder mehr Gleichheit, mehr Wohlstand oder mehr Technologie, mehr Staat oder mehr Markt –die Hoffnung auf Fortschritt ist für westliche Demokratien entscheidend. Den Höhepunkt des Fortschrittsoptimismus gab es nach dem 2. Weltkrieg: Wirtschaftswachstum, sozialer Aufstieg breiter Schichten, technologische Innovationen und Aufbau des Sozialstaates. Nach dem Mauerfall folgten mit Globalisierung und Digitalisierung ein weiterer Schub.

Nüchternes Verständnis von Fortschritt notwendig

Die aktuellen Krisen haben die Hoffnung auf das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Wenn die positiven Zukunftserwartungen schrumpfen, die Politik jedoch weiterhin Fortschrittsgewissheit predigt, wird das politische Vertrauen weiter schwinden. Allerdings sollte die Fortschrittsorientierung nicht aufgegeben werden, sondern durch ein revidierten, nüchternes Fortschrittsverständnis ersetzt werden.

Vier Aspekte für sind dabei wichtig:

Hoffnung auf automatische Entwicklung zum Besseren aufgeben

Die Hoffnung auf eine automatische Entwicklung zum Besseren sollte aufgegeben werden. Die realistische Einschätzung kann zur einer umsichtigeren und wachsameren Haltung gegenüber Risiken führen. Fortschritt ist möglich, aber er bleibt prekär.

Resilienz steigern

Liberale Demokratien sind verletzlich. Deshalb ist es wichtig die Resilienz zu steigern. Dies bedeutet Institutionen, Lebensformen und ihre Qualitäten so zu sichern, dass sie gegen negative Ereignisse abgepuffert werden. Ein Beispiel wäre eine aktive Klimapolitik als ein Projekt ökologischer Resilienz verstehen

Mit Verlusten umgehen lernen

Eine Gesellschaft muss lernen mit Verlusten umzugehen. Verluste können einzelne soziale Gruppen als auch die ganze Gesellschaft betreffen: Der Klimawandel bedeutet einen Wohlstandsverlust für alle. Ein kluger gesellschaftlicher Umgang mit Verlusten müsste verhindern, dass diese in endlose Auseinandersetzungen zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Opfern und Tätern münden.
Der Populismus beutet die Verlusterfahrungen aus – die etablierte Politik sollte diese Erfahrungen offen verhandeln: - dies wäre ein besonderer Fortschritt: eine Gesellschaft, die an Reife gewinnt und erwachsen wird, indem sie manchen Verlusten offen ins Gesicht sieht und (trotzdem) mit ihnen weiterlebt.

Fortschritt auch in der Vergangenheit suchen

Man sollte in die Vergangenheit blicken: vieles von dem Erreichten ist bewahrenswert und zugleich in Gefahr: Eine funktionierende liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, eine vom Mittelstand geprägte erfolgreiche Wirtschaft.

Fortschrittlich sein heißt Fortschrittserbe zu schützen

Die Schlussfolgerung lautet für Reckwitz deshalb, dass auch die Progressiven die Vergangenheit bewahren müssen, wie man es aus der Vergangenheit von den Konservativen kannte. Dabei geht es nicht um ein vormodernes Erbe, sondern um den Erhalt von Fortschritten der Vergangenheit: Fortschrittlich sein heißt heute also auch, das zerbrechliche Fortschrittserbe zu schützen und weiterzuentwickeln.

Dienstag, 13. August 2024

Debattenkultur – nicht nur über Gewinner und Verlierer reden

Andreas Reckwitz schreibt im SPIEGEL über die Debattenkultur in Deutschland: Warum der Fokus auf Gewinner und Verlierer eine Gefahr ist

Das „Wir“ als prekäre Größe

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seinem Buch „Wir“ kritisiert, dass der politisch-kulturelle Grundkonsens in Gefahr ist. Reckwitz betont, dass dies „Wir“ schon immer eine prekäre Größe war, da wir keine homogenen Gesellschaften mehr haben. Sie sind durch einen grundsätzlichen Pluralismus geprägt, in dem durch Institutionen zivilisiert werden.

Spätmoderne Gesellschaft wird zur Kampfzone

In der Gegenwart wird die Gesellschaft zur Kampfzone. Im politischen Raum sehen sich westliche Gesellschaften einer rechtspopulistischen Welle ausgesetzt, die auch im digitalen Raum zunehmen zu aggressiven Auseinandersetzungen führt. Die tieferliegende Entwicklung hinter dieser Entwicklung sind „endlose Konflikte zwischen Gewinnern und Verlierern sowie zwischen Tätern und Opfern“- Ständig stellt sich die Frage, wer zu welcher Gruppe gehört.

Ende der industriellen Gesellschaft

Eine gesellschaftliche Ursache ist das Ende der industriellen Gesellschaft mit dem Wandel der Erwerbsstruktur zur postindustriellen Gesellschaft. Viele industrielle Arbeitsplätze sind verschwunden, etwa drei Viertel der Erwerbstätigen arbeiten mittlerweile im Dienstleistungsbereich. Dieser ist sehr unterschiedlich und reicht von einfachen Dienstleistungen zur Wissensökonomie gut qualifizierter Hochschulabsolventen. Dies bewirkt auch eine sozialräumliche Asymmetrie zwischen florierenden Metropolregionen und urbanen Regionen, die von der Deindustrialisierung betroffen sind.

Aufwärts- und Abwärtsdynamiken und permanentes Sichvergleichen

Die postindustrielle Gesellschaft enthält gleichzeitig verlaufende Aufwärts- und Abwärtsdynamiken. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Ökonomisierung des Sozialen. Die Logik des Wettbewerbs und der Konkurrenz führte unter anderem zu immer größeren Unterschieden bei der Bildung und auf dem Wohnungsmarkt. Die ungleiche Verteilung von Erbschaften trägt zusätzlich zur spätmodernen Gewinner-Verlierer-Dynamik bei.
Ein wichtiger Aspekt ist hier die relative Deprivation: Menschen können sich auch als Verlierer wahrnehmen, wenn sie nur im Vergleich zu anderen zurückfalle: Man scheint selbst auf der Stelle zu treten, während andere – Hochschulabsolventen, erfolgreiche Frauen, Migranten – in der sozialen Hierarchie an einem scheinbar vorbeiziehen. Dieses ständige Sichvergleichen wird durch die Allgegenwart digitaler Medien geschürt. Bilder von Urlaubsorten, Restaurantbesuchen und opulenten Häusern schürt den Groll jener, die sich als zu kurz gekommen wahrnehmen.

Gewinner-Verlierer-Konstellationen in vielen Bereichen

Die Gewinner-Verlierer-Konstellation bekommt besondere Brisanz in Märkten, in denen sich der Ertrag auf wenige konzentriert. Beispiele sind hier wenige Professuren bei vielen Nachwuchswissenschaftler, Immobilienmärkte oder die Aufmerksamkeit: Man lebt in einer Gesellschaft permanenter Wettkämpfe, und wer dabei erfolgreich ist, hängt nicht unbedingt von der eigenen Leistung ab.
Die Frage „Wer gewinnt, wer verliert?“ stellt sich auch zwischen Generationen (Muss die Generation Z den Boomern eine Rente zahlen) und im Geschlechterverhältnis: Sind nun die Jungen die Verlierer oder weiterhin die Frauen aufgrund der Doppelbelastung von Beruf und Familie.

Aus Gewinnern-Verlierer werden Täter-Opfer

Aus dieser Gewinner-Verlierer-Konstellation entsteht ein neues Deutungsmuster zwischen Tätern und Opfern – einem Konflikt „wir gegen die“. Im 20. Jahrhundert gab es viele Opfer durch Kriege oder Verbrechen. Diese Opfer mussten sich die Sichtbarkeit erkämpfen: Opfer des Holocaust, von sexuellen Übergriffen. Bewegungen wie #MeToo haben zu einer Ermächtigung von Opfern geführt: Opfer ist hier keine negative Kategorie mehr, sondern Personen, die ihre Rechte einfordert – gegenüber der Öffentlichkeit und den Tätern. Diese Unterscheidung schafft im Wettbewerb um Aufmerksamkeit eindeutige Verhältnisse.

Opfermythos im Rechtspopulismus

Eva Illouz beschreibt diesen Opfermythos als Element des Rechtspopulismus. Erschien man vorher als ein Verlierer im Modernisierungsprozess, kann man sich nun als ungerechtfertigtes Opfer interpretieren. Die anderen „liberalen Kosmopoliten“ sind schuld an einem unfairen Spiel. De Täter-Opfer-Zuschreibung findet auch in analogen und digitalen Meiden statt. Auch Prominente werden oft als vermeintliche Opfer oder Täter an den Pranger gestellt.

Deutungskonflikt um den Opferstatus

Bei politischen Themen zeigt sich der Deutungskonflikt beim Israel-Palästina nach dem 7. Oktober. Ist Israel Täter, da sie für die Vertreibung verantwortlich sind oder – seit Jahrhunderten – historisches Opfer? Die Zuordnungen sind hochgradig umstritten, typisch aber ist, dass die Täter-Opfer-Unterscheidung eindeutige Verhältnisse suggeriert und differenziertere Betrachtungsweisen hemmt.

Täter-Opfer-Denken als verführerischer Dualismus

Das Denken in Täter-Opfer schafft vermeintlich klare Verhältnisse. Das gesellschaftliche Wir gerät dadurch aber weiter in Bedrängnis, wenn es nun um Täter und Opfer geht. Diesen Prozess gilt es zu entzerren. Reckwitz ist skeptisch. Falls dies nicht gelingt, ist das Risiko groß, dass sich die gesellschaftliche Kampfzone weiter ausdehnt.

Freitag, 19. Juli 2024

Bildung schützt vor Dummheit nicht

In einem Beitrag im Focus rechnet der Neurowissenschaftler Henning Beck mit der Elite ab. Sie sind gefährlicher als Stammtische.

Die größten Starrköpfe findet man unter Akademikern

Ob an Berliner Unis oder in Kulturkämpfen in den USA (für Gendergerechtigkeit, für die Freiheit Palästinas oder Klimagerechtigkeit), die in den USA ausgetragen werden: Intolerante Protestformen richten massiv Schaden an. Die Zahl der Diskreditierungen und des Ausgrenzens nimmt massiv zu. Das Problem ist nicht der politische Inhalt des Protestes, sondern die Art wie er ausgetragen wird.

Herausforderungen der Debattenkultur

Eigentlich würde man von wissenschaftlich gebildeten Menschen einen zivilisierteren Umgang erwarten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die politisch intolerantesten Menschen finden Sie unter gut gebildeten Stadtbewohnern. Studien zeigen, dass Menschen mit zunehmendem Bildungsgrad politisch intoleranter und radikaler.

Bildung schützt nicht vor Radikalität

Bei vielen kontroversen Themen gibt es Gutgebildete. Sie sind schwer zu überzeugen und besonders radikal. Ein Grund: Je länger und besser Menschen mit wissenschaftlichen Fakten und argumentativen Techniken geschult werden, desto intensiver werden sich diese Menschen ihr eigenes Weltbild aufbauen.

Politische Voreingenommenheit

So führt Bildung zu Dogmatismus. Auch vermeintlich neutral Faktencheck helfen hier meistens nicht. Mit sauberen Fakten und analytischen Begründungen wird man nur wenige überzeugen. Gerade dann, wenn man ebenfalls mit Fakten und analytischen Begründungen geschult wurde.

Enttäuschung der Bildungshoffnungen

Der Autor bezeichnet es als Ironie, dass wir gehofft haben, Menschen durch Bildung offener und toleranter zu machen. Wir müssen nun feststellen: Wichtiger als eine selbstkritische Reflexion der eigenen Meinung ist der Schutz der eigenen Identität. Es wäre eine Tragödie, wenn wir wieder ein Zeitalter der wechselseitigen Intoleranz betreten.

Bescheidenheit vs. Selbstbewusstsein

Bildung muss mehr sein als ein Vermitteln von Informationen. Wissenschaft muss nach Widersprüchen suchen und Fakten in den Mittelpunkt stellen. Gute Wissenschaftler werden mit zunehmendem Wissen bescheidener, andere immer selbstbewusster. In unser Debattenkultur zählt immer mehr die plakative und robuste Schlagzeile.

Die Suche nach Bestätigung

Bei vielen Talkshows weiß man, wie sie endet - Schauen wir solche Sendungen nicht deswegen, weil man sich in seinen Ansichten bestärken will? Und liest man diesen Artikel nicht auch deswegen, weil man hofft, in seiner Position bestätigt zu werden?
Der Autor sieht darin eine Gefahr und fordert die Fähigkeit der Denkoffenheit und der Suche nach Widersprüchen im eigenen Denken zu schulen. Genau das war in der Wissenschaft immer der beste Weg. So wie mir mein Chemielehrer sagte: „Egal was du denkst, forschst oder tust – die Natur hat immer recht. Nicht du.“

Hat der Autor recht?

Der Autor gesteht ein, dass er falsch liegen könnte: „Wenn mir jemand ein besseres Argument vorlegen kann, werde ich versuchen, meine Meinung zu ändern. Ob mir das gelingt, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist schließlich außerordentlich schwer.

Donnerstag, 11. Juli 2024

Ost-West-Unterschiede: Eine Phantomgrenze durchzieht das Land

Der Soziologe Steffen Mau beschreibt im SPIEGEL eine Phantomgrenze, die Ost und West immer noch teilt.

Gute Entwicklung in vielen Bereichen

Bei vielen statistischen Kennzahlen hat sich der Osten recht gut entwickelt: Die Arbeitslosigkeit ist niedriger geworden, die Renten sind angeglichen. Private und öffentliche Investitionen könnten dafür sorgen, dass sich auch die Produktivitätslücke schließt.
Dennoch sehen einige eine neue Entfremdung, die auf hartnäckige Unterschiede zurückzuführen ist.

Eine Phantomgrenze durch zieht das Land

Der Autor listet eine ganze Reihe von Bereichen auf, in denen es große Unterschiede gibt: Kirchenbindung, Vereinsdichte, Vertrauen in Institutionen und Parteien oder den Anteil an jungen Menschen bzw. Menschen mit Migrationsbiographie.
Große Unterschiede gibt es auch im Bereich der Wirtschaft: der Westen liegt vorn bei der Exportorientierung, dem Hauptsitz großer Firmen, Produktivität und der Kaufkraft, dem Immobilieneigentum und Erbschaftssteueraufkommen. Dass der Osten bei der durchschnittlichen Größe der landwirtschaftlichen Betriebe vorne liegt, macht dies nicht wett.

Den Westen nicht zur Norm machen

Der Autor warnt davor, den Westen überall zur Norm zu machen. Dieser Ansatz begreift den Osten vor allem als Abweichung, nicht in seinen Eigenheiten.
Während bei Vermögen und Einkommen ein Aufschließen des Ostens wünschenswert wäre, ist es bei Mieten, Schulqualität nicht. Auch die Frauenerwerbsquote, Kita-Abdeckung sollte nicht auf Westniveau sinken. Zurecht verweist er auf Unterschiede im Westen: Wir erwarten von Bayern oder dem Saarland ja auch keine Angleichung an den Rest der Republik.

Der Osten wurde zur Anpassungsgesellschaft, ohne die Blaupause West je zu erreichen

Die Dynamiken von Aufholen, Nachahmen und Angleichen flachen nach 35 Jahren merklich ab merklich ab. Wir sind in die Posttransformationsphase übergegangen, die uns klarer als bisher vor Augen führt: Der Osten wird sich dem Westen nicht weiter anverwandeln, zu stark wirken die Prägungen der DDR, die Weichenstellungen der Wiedervereinigung und die Lasten der Transformationsjahre.
Im Osten bleiben eigene Strukturen eigene Strukturen erhalten, eigene Mentalitäten, eigene politische Bewusstseinsformen; einige formten sich im Einigungsgeschehen auch neu.

Deutschland ist ungleich vereint – und wird das auch bleiben

Dramatische Eliteschwäche: Der Anteil der Ostdeutschen in Spitzenjobs in Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Meiden ist sehr niedrig. Westdeutschland ist recht mittelschichtig, Ostdeutschland hingegen eine einfache Arbeitnehmergesellschaft
Demographisch: Während die Zahl der Menschen in Westdeutschland wächst, schrumpfte die Zahl im Osten (ohne Berlin) von 15 Millionen 1990 auf 12.6 Millionen – weniger als in Bayern. »Schrumpfgesellschaften nehmen oft traditionsbewahrende und defensive Haltungen ein.«
Ostbewusstsein: Lange galt die ostdeutsche Identität als Problemfall, vertreten im Trümmerfeld der Linken. Heute werden Unterschiede herausgearbeitet, auch die Nachwendegeneration sehen Ostdeutsche Unterschiede, die durch Westdeutsche kaum noch wahrgenommen werden.

Gravierende Unterschiede der politischen Kultur

Ostdeutschland bleibt als sozialer und kultureller Erfahrungsraum durch reale Unterschiede, aber auch durch Familiennarrative und mediale Diskurse präsent. Dieser kommt als Opfererzählung, Osttrotz oder Oststolz daherkommen. Dazu passen die aktuellen Bemühungen, das Merkmal »ostdeutsch« in die Register der Identitätspolitik einzutragen und daraus die Forderung nach Gleichstellung und Anerkennung abzuleiten.
Unterschiede sieht der Autor auch in der politischen Kultur, die er auf die kürzere Demokratiegeschichte aber auch das Zurückdrängen basisdemokratischer Experimente in der Wendezeit.

Neuer Kipppunkt Landtagswahlen?    

Die drei bevorstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland könnte ein neuer Kipppunkt sein. Die AfD versucht sich das ostdeutsche Gefühl zu instrumentalisieren. Das Bündnis Sahra Wagenknecht setzt sich sogar für eine spezielle Förderung von Ostdeutschen ein. FDP, Grünen und SPD drohen Verluste, sodass Regierungsbildungen schwierig werden könnten. Die Parteistrukturen in Ost und West könnten sich noch weiter verschieben.

Ost und West mehr als zwei Himmelsrichtungen

Die deutsche Einheit sieht der Autor nicht in Gefahr „Ostdeutschland ist kein Katalonien 2.0. Aber Ost und West sind in Deutschland mehr als zwei Himmelsrichtungen – und werden das auf absehbare Zeit auch bleiben.