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Dienstag, 25. August 2026

Kulturkampf im Volksbad

Schon die Idee eines „Volksbads“ vor der Berliner Volksbühne sorgte für Furore, die Reservierung für einen Verein, der mit schwarzen Jugendlichen arbeitet, sorgte dann für einen Kulturkampf. Während Peter Lauterbach die Reaktionen von rechter Seite kritisiert, argumentiert Jens Balzer, dass der Intendant Lilienthal die Folgen bewusst einkalkuliert hat. 

"Volksbad" vor der Berliner Volksbühne: Kulturkampf im Wasser

Peter Laudenbach kritisiert in der Süddeutschen Zeitung  den Kulturkampf im Wasser, der sich durch das Volksbad vor der Berliner Volksmühle ergeben haben. 

Ein Bad sorgt für Abkühlung – und Aufmerksamkeit 

Es gehört nicht unbedingt zu den Kernaufgaben eines Theaters zählt, hatte das Volkstheater mit einem kleinen Swimmingpool vor den Türen für Aufsehen gesorgt. Eine Onlineanmeldung genügt, um der Hitze der Stadt für einige Minuten zu entkommen. Wie andere Bäder ihre Becken zeitweise nur für Vereinsschwimmer öffnen; so, wie es überall Badezeiten gibt, die zum Beispiel Frauen oder Rentnern vorbehalten sind – so wollte die Volksbühne den Verein „Each One Teach One“ für einen Nachmittag in ihr Volksbad einladen, und nur ihn. Der Berliner Verein arbeitet mit schwarzen Kindern und Jugendlichen.

Zielobjekt des rechten Kulturkampfs 

Durch diese Einladung wurde die Volksbühne zum Hassobjekt. Das rechte Portal Nius, die Bildzeitung und die AfD überboten sich mit Vorwürfen, von Rassismus gegen die weiße Mehrheitsgesellschaft war die Rede. Henryk M. Broder fühlte sich von der Bade- und Einlass-Ordnung der Volksbühne im Sparten-Kanal Welt TV gar an die Nürnberger Rassengesetze erinnert, also an das juristische Vorspiel des Völkermords an den europäischen Juden. Kleiner ging es wohl nicht. 

Die Volksbühne ist überfordert 

Der Autor argumentiert, dass die Volksbühne und ihr Intendant Matthias Lilienthal überfordert waren und nicht mit der Aufregung rechnen konnten. Die Absage folgte Triumphgeheul von Akteuren wie Ulf Poschart, die Reaktion des Volksbades war mit einem „Fickt euch“-Plakat ebenso heftig. Der Intendant Lilienthal befürchtet, dass er „auf dem Feindbild-Radar“ der Rechten bleibt. 

Berliner Volksbad: Was für ein genialer Move!

In der ZEIT beschreibt Jens Balzer Lilienthal als den großen Gewinner. Die Volksbühne war fast erledigt, jetzt ist es durch das Volksbad zurück in den Medien. 

Genialer Move – ein Tag für die Schwarze Community 

Anders als Leutenbach glaubt Balzer nicht, dass Lilienthal überrascht war, er bezeichnet es als nächsten genialen Move. Er musste wissen, dass auf den Shitstorm der Gegen-Shitstorm folgt und letztlich die Ansicht bestätigt wird, dass alle Weißen irgendwie rassistisch sind.

Gruppen-Sonderbehandlungen beibehalten 

Der sicher nicht ernst gemeinte Rat des Autors lautet die Gruppensonderbehandlung beizubehalten – z.B. für Ostdeutsche - Christoph Schlingensief jedenfalls wäre entzückt.

Kulturkampf als Thema in meinen Seminaren 

In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein Seminar mit dem Titel "Über (Anti-)Wokeness, Abtreibung und Gendern – ein Kulturkampf?"

Sonntag, 9. August 2026

Weltweiter Geburtenrückgang - gar nicht so schlimm?

In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten. 

Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!

Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT  die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen. 

Weltweit gehen die Geburtsraten zurück 

Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten. 
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt. 

Warum kriegen die Leute weniger Kinder?

Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.

Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum 

Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen. 

Unterschiede zwischen Wunsch und Realität 

Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt. 

Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen

Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei. 

Gesellschaften können sich arrangieren

Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen. 
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.

Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente

Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.

Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?

Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht. 

Unsicherheit in diesen Zeiten 

Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder. 

Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus

Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt. 

Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten 

Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“

Dienstag, 28. Juli 2026

Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet

In der Süddeutschen Zeitung stellt Yannik Yeşilgöz die Ergebnisse verschiedener Studien über die Generation Z vor: Sie sind zuversichtlicher als erwartet.

Viele Zuschreibungen 

Seit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, wurden ihr viele Befindlichkeiten zu geschrieben. Erst war sie zu grün, dann zu rechts, dann von den sozialen Medien verwirrt. Wenig überraschend kommt die Trendstudie der Universität Konstanz zum Ergebnis, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. Es gibt auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen – aber nicht mehr als bei älteren Generationen. 

Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als Staatsform

Ein ähnliches Bild zeigt die Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Junge Menschen sind etwas optimistischer über die Zukunft und weniger unzufrieden mit der Demokratie als ältere Jahrgänge. Die Unzufriedenheit gilt auch eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Geringere Zufriedenheit bedeutet noch keine Krise, zudem sind die Erwartungen heute höher. 

Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr

Pessimistisch sind jungen Leuten in Bezug auf gesellschaftliche Themen. Bei den Themen sozialer Zusammenhalt, politische Verhältnisse und wirtschaftliche Entwicklung glauben die Jungen nicht an Besserung. Dennoch ist laut Shell-Jugendstudie die Zuversicht unter jungen Menschen gestiegen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Dank junger Menschen sind die Mitgliederzahlen von Parteien und Gewerkschaften gestiegen. 
Junge Menschen erwarten Unterstützung bei drängenden Themen: bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Unterstützung und psychische Gesundheit. Kürzungen in diesem Bereich sehen sie verständlicherweise kritisch. 

Grundlegende Konflikte zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort 

In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Studie wird deutlich, dass die großen gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht zwischen Jung und Alt liegen: Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.
Viele jungen Menschen bleiben optimistisch: Die großen Weltproleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Probleme können sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung lenken lassen. 

Donnerstag, 18. Juni 2026

Sollten Fußballer politisch sein?

Boris Hermann betont in der Süddeutschen Zeitung, dass Fußballer politisch sein können. Die Fußball-WM ist politisch – und schlechter als der FIFA-Präsident können es die Spieler nicht machen. 

Unterschiede zwischen 1994 und 2026

Der Autor zeigt die Unterschiede der Weltmeisterschaft 2026 zu 1994 auf, als zum letzten Mal eine WM in den USA stattfand. War damals die Fluchtfahrt von O.J. Simpson der größte Aufreger, führt heute die USA Krieg gegen einen Teilnehmer und man begreift Menschen aus anderen Kulturkreisen vor allem als Sicherheitsrisiken. Für die deutsche Mannschaft endete die WM damals mit Berti Vogts als Trainer im Viertelfinale. 

Zwischen Ignoranz und übertriebener Mündigkeit 

Als Spieler stand Berti Vogts bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien für demonstrative moralische Ignoranz, als er betonte, keine politischen Gefangenen gesehen zu haben. Bei der WM 2022 zeigten die Spieler mit der Mund-zu-Geste ihren Protest gegen die Zustände in Katar. Viele sehen darin ein Grund für das frühe Ausscheiden, der Autor betont, dass es wohl eher die spielerische Leistung war. 

Ethikreglement der Fifa stellt sich gegen alle Formen der Diskriminierung 

Niemand verlangt, dass es die Spieler besser hinkriegen als Politiker, aber sie können es auch nicht schlechter machen als Fifa-Boss Gianni Infantino, „der den Weltfußball mit seinen Kniefällen vor dem Weißen Haus bis ans Ende aller Tage blamiert hat.Die Ethikregeln der Fifa fordern Solidarität, Integrität, Transparenz, für Verantwortung und Demokratie. Es ist deshalb möglich, sich für diese Werte einzusetzen und trotzdem noch gut Fußball zu spielen. 

Wenigstens nicht das Gegenteil machen 

Der Autor kritisiert, dass Christiano Ronaldo und Lionel Messi, die – ohne Zwang – Donald Trump einen freundschaftlichen Besuch im Weißen Haus bgestattet hattet. Wie es geht, zeigt die amerikanische Nationalmannschaft, die im Spiel gegen Deutschland Trikots mit regenbogenfarbenen Rückennummern trugen. Sie zeigten Solidarität mit der LGBTQ-Community in einem Land, in dem der Präsident per Dekret verfügt hat, dass es zwei Geschlechter gibt. Und nichts dazwischen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten

Detlef Esslinger wirft in der Süddeutschen Zeitung einen Blick auf die Geschichte der deutschen Mannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften: "Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten."

Gemeinsame intensive Emotionen 

Der Tiel des Artikels „Das Leben in 90 Minuten“ bezieht sich auf den Berliner Sportsoziologen Gunter Gebauer, der in seinem Buch beschreibt, dass Fußball ein gemeinsames Thema von Menschen ist, die sonst nie miteinander ins Gespräch kämen – unabhängig von sozialen Schichten: „Gemeinsame intensive Emotionen im Fußball führen zur Entstehung einer imaginären Gemeinschaft, die ,ihre‘ Mannschaft als Ausdruck des eigenen Landes begreift.“

Spieler als Repräsentanten ihrer Nation 

Dadurch werden Spieler zu Repräsentanten der Nation. Der Autor nennt dabei auch einige negative Beispiele, so die Arroganz deutscher Spieler 1982 vor dem Spiel gegen Algerien und der folgenden Schande von GIjon, als man sich mit Österreich auf ein Ergebnis einigte, das dazu führte, dass Algerien ausschied. Im Gedächtnis bleibt auch das brutale Foul von Toni Schuhmacher im Halbfinale gegen Frankreich. Weiteren Hochmut lieferten vor dem Krieg die vereinte Mannschaften von Deutschland und Österreich 1938 und Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg, als er Deutschland als auf viele Jahre unbesiegbar darstellte. 

Sehnsucht nach Anerkennung 

Auch nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 gab es Misstöne. Der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens machte mit seiner NS-Rhetorik beim Empfan vieles kaputt, was die Mannschaft um Fritz Walter und Helmut Rahn eben erst geschaffen hatte. Unter die Ägide von Bauwens fällt auch das Verbot des Frauen-Fußballs 1955. 

Gescheiterte Versuche, als cool zu gelten 

Ausgerechnet die Umgang mit der Finalniederlage in England 1966 brachte der deutschen Mannschaft viel Sympathien ein. „Wir haben phantastisch verloren“ war ein Zitat aus dieser Zeit. In den 70er Jahren wollte die Mannschaft als cool wahrgenommen werden. Die Sieger von 1974 waren bereits Vertreter einer neuen Generation. Nur vier Jahre später scheiterte die Mannschaft nicht nur sportlich, sondern auch durch fragwürdige Aussagen des Kapitäns Berti Vogts, dass er keinen einzigen politischen Gefangenen in Argentiniern gesehen hat. Noch schlimmer die Aktivitäten des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger, der das Junta-System verteidigte und den Nazi Hans-Ulrich Rudel einen Besuch abstattete. 

Das Sommermächen 2006

Das Sommermärchen stand für einen „unpolitischen Patriotismus“. Das Land präsentierte sich als Gastgeber mit vier Wochen Sonne, Parte und Schwarz-Rot-Gold auf den Rängen. 2014 gewann die Nationalmannschaft nicht nur den Titel, sondern auch Sympathien, als sie beim Triumph gegen Brasilien jegliche Demütigungen unterließen. Trotzdem hat es– anders als „Das Wunder von Bern“, der „Triumpf von Belo Horinzonte“ nie in den Sprachgebrauch geschafft. 

Parallelen zwischen heute und den frühen 2000ern 

Nach den Pleiten in Russland (2018) und Katar (2022) stellt sich die Frage, wo Deutschland steht. 2022 war gekennzeichnet durch die Debatte um Regenbogenarmbinden und das Hand-vor-den-Mund-Halten. Maß oder Mitte gibt es nicht: entweder die Ignoranz von 1978 oder der Überschuss von 2022. Der Autor verweist auf die Parallelität von Politik und Sport: Deutschland ist ein Land voller Baustellen, so unfertig wie diese Nationalmannschaft. Bundeskanzler Merz und Bundestrainer Nagelsmann bestätigt man die selben Kommunikationsprobleme. Harald Schmitt sagte über die beiden: „Leistung Weltklasse, Kommunikation verbesserungswürdig.“
Diese Parallelität gab es schon einmal. Zu Beginn der 2000er waren vier Millionen Menschen arbeitslos und die Nationalmannschaft scheiterte bei den Europameisterschaften kläglich. Franz Beckenbauer erschuf daraus das Wort „Rumpelfußball.“ In dieser Lage setze Bundekanzler Schröder Reformen durch – und der neue Bundestrainer Jürgen Klinsammn wechselte Personal und Trainingsmethoden - das Sommermärchen konnte beginnen.

Sport und Politik in meinen Seminaren 

Das Thema Sport und Politik habe ich auch in meinen neues Programm aufgenommen – das Thema bleibt natürlich auch nach der Fußball-WM noch aktuell. 

Samstag, 30. Mai 2026

Erziehung: Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an

Deutschland steht nicht nur bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung schlecht da, sondern auch bei der Unterstützung von Kindern, wie eine aktuelle Studie von UNICEF zeigt. 

Deutschland wieder weit abgeschlagen

Ralf Paul beklagt in der TAZ, dass Deutschland wieder mal weit abgeschlagen ist. Bei einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef in 37 Industriestaaten landete Deutschland auf Platz 25. Eklatant ist der Einfluss des Einkommens: Kinder aus wohlhabenden Familien schneiden doppelt so gut ab: Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht. Ein Grund dafür ist die frühe Trennung der Kinder: Am besten schneiden darin die Niederlande und Dänemark ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.

Protest aus bürgerlichen Reihen

Seit Hamburg 2010 mit einer Reform am Widerstand des bürgerlichen Lagers scheiterte, doktern die Bildungsministerien an verschiedenen Stellen rum: verbindliche Sprachtest im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr oder mehr Geld für Brennpunktschulen. Der Autor glaubt nicht, dass das ausreicht, da die Benachteiligung schon vorher beginnt: Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die erste Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.

Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an 

Meridith Haaf kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Ergebnisse: Deutschland ist in vielen Dingen ein gutes Land, für Kinder allerdings ein ziemlich mittelmäßiges Land - und es wird darin seit Jahren immer schlechter. Sie verweist auf die die Kinderarmutsquote von 15 %, die nicht nur weniger Wissen und Fähigkeiten erlangen, sondern auch psychisch und körperlich in besonders schlechter Verfassung.

Jugendliche haben keine Priorität

Runtergerockte Schulen, ausgedünnte Sportvereine, minimal ausgestatte Musikschulen – junge Menschen haben keine Priorität. Die Autorin warnt: „Was heute fehlt an Zuwendung und Sozialisation, an Bewegung und Ernährung, an Wissen und Fähigkeiten, das fehlt morgen, wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind“. Wäre die deutsche Gesellschaft eine Familie, würden die reichen Großeltern in einem großen Haus wohnen, das halbwegs funktioniert, aber nie modernisiert wurde – soll sich doch die nächste Genreration darum kümmern. Dabei hat Deutschland jahrzehntelang immerhin in den Aufstieg, also eine sozial- und bildungsgerechte Gesellschaft, investiert.

Stagnations- und Abstiegsgesellschaft 

Inzwischen ist Deutschland eine Stagnations- und Abstiegsgesellschaft, die soziale Ungleichheit verschärft sich. Während die Rüstungsausgaben steigen, wird an der Jugend- und Sozialarbeit drastisch gekürzt. Viele können mit einem normalen Gehalt kaum mehr leben oder angemessen wohnen – das wirkt sich auf die Kinder auf. Die Autorin fordert deshalb wieder Kraft und Geld in die Chancengleichheit zu stecken – angefangen mit der Bildung. Damit würde man nicht nur das Kindeswohl steigern, sondern auch die Performance. 

Montag, 11. Mai 2026

Willkommen im Abseits

Heike Buchter schreibt in der ZEIT über die Fußball-WM in Nordamerika. Es sollte Amerikas große Party werden, stattdessen schrecken horrende Ticketpreise und verschärfte Grenzkontrollen die Welt ab.

Der Andrang ist überschaubar 

Hoteliers und Stadien hatten sich deutlich mehr versprochen. Mit Ausnahme der Topspiele sind bei vielen der 104 Spielen noch Karten erhältlich. Auch das Hotelgewerbe klagt und hat sich deutlich mehr erwartet. Die FIFA hatte viel versprochen: 30 Mrd. Dollar an zusätzlicher Wirtschaftsleistung, viele neue Jobs, drei Millionen Gäste aus dem Ausland. 

Trump-Regierung schreckt ab

Bereits in Katar gab es Probleme wegen Menschenrechtsverletzungen. Die Politik von Trump schreckt ebenfalls ab. US-Grenzbeamte untersuchen Mobiltelefone von Einreisenden – auch von Touristen, die kein Visum aber eine elektronische Einreisegenehmigung brauchen. Es gibt Pläne, dass sogar Einträge auf Plattformen in den letzten Jahren durchleuchtet werden könnten. Aus einigen Ländern wie Haiti und Iran dürfen die Menschen erst gar nicht einreisen oder müssen eine hohe Kaution zahlen. 

Ärgernis variable Ticketpreise 

Ein weiteres Ärgernis sind die Ticketpreise. Bei hoher Nachfrage können die Preise enorm steigen – bis zu 11.000 Dollar im Finale. Selbst Fans, die zuvor Tickets reserviert haben, können von diesen enormen Preissteigerungen betroffen sein. Für viele Spiele gibt es jedoch nicht genügend Interessenten - ökonomisch wird es zwei WMs geben - die eher enttäuschenden Ausscheidungsrunden im Juni und die den hohen Erwartungen gerecht werdenden Spiele im Juli.«

Die WM der oberen zehn Prozent 

Die hohen Ticketpreise, die verschärften Einreiseregeln, die intransparente Vergabe – all das führe dazu, dass auf den Tribünen ein bestimmtes Publikum sitze -  "wohlhabend, gut vernetzt, mit dem richtigen Pass. Die WM 2026 wird die WM der oberen zehn Prozent.“


Dienstag, 7. April 2026

Sicherheit in Städten: Die Aussagen von Friedrich Merz in der Analyse

Philipp Kollenbroich schreibt im SPIEGEL über die Aussagen von Friedrich Merz zur Sicherheit in Städten:  Warum Friedrich Merz einen Punkt hat und früher trotzdem nicht alles besser war
Friedrich Merz hatte „Probleme im Stadtbild“ beklagt. Die vagen Aussagen lassen sich auf drei Behauptungen zusammenfassen. 

  1. Das Sicherheitsgefühl der Menschen in deutschen Städten habe sich verschlechtert.
  2. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer.
  3. Die Einwanderung nach Deutschland sei dafür verantwortlich.

Der SPIEGEL hat diese Thesen analysiert und kam zu vier Erkenntnissen: 

1. Früher war nicht alles besser

1973 wurden Menschen aus Stuttgart in einer umfassenden Untersuchung nach ihrem Sicherheitsgefühl gefragt: Das Ergebnis: Insgesamt 47 Prozent der Menschen fühlten sich nachts unsicher, darunter 72 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer. Anders ausgedrückt: Nur jede vierte Frau fühlte sich in ihrer Wohngegend sicher. Untersuchungen von 1984 und 1997 haben einen ähnlichen Befund. 

2. Zuletzt ist es schlechter geworden

In den letzten Jahren haben die Sorgen zugenommen. In einer Untersuchung von 2023 machten sich 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalität. Wenig verändert hat sich die Wahrnehmung über öffentliche Räume wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen. Eine Erklärung für diesen Befund sind die Unterschiede der Wahrnehmung, so ist die Unsicherheit nachts deutlich größer: Dies bedeutet auch, dass Ängste konkrete Folgen haben können: Menschen vermeiden bestimme Orte oder gehen überhaupt nicht aus dem Haus. Die Menschen in Deutschland fühlen sich aktuell unsicherer als noch Mitte der Zehnerjahre.

3. Unsicherheit ist ungleich verteilt

Die Unsicherheit ist ungleich verteilt: Frauen, sowie unter 35- und über 65-Jährige sind stärker verunsichert. Auch die soziale Lage ist wichtig, nicht jedoch der Migrationshintergrund: Auch geographisch gibt es Unterschiede – fühlen sich in München 20 % unsicher, sind es in Belin fast doppelt so viele. 

4. Migration spielt eine Rolle, aber eine kleine

Zwischen 1970 bis 2014 ist der Ausländeranteil von ca. 5 % im Westen auf rund 15 % in Gesamtdeutschland gestiegen.. In rechten Kreisen ist klar, dass diese Zuwanderung für die steigende gefühlte Unsicherheit verantwortlich ist, allen voran bei der Alternative für Deutschland (AfD). 
Dafür spricht, dass die gestiegene Unsicherheit in dieser Zeit gestiegen ist, dagegen spricht, dass die Migration nicht allein verantwortlich ist. Einerseits geben die Daten diesen simplen Zusammenhang nicht her: Der Ausländeranteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die Unsicherheit nicht. Außerdem gibt es zahlreiche andere Ereignisse wie Anschläge von Islamisten und Rechtsextremisten und die Corona-Pandemie. Außerdem berichten die Medien häufiger darüber. 

Angst und Migration unterschiedlich verteilt 

Selbst in einer Stadt ist die Migration unterschiedlich verteilt. Für Essen ermittelten die Behörden Unterschiede zwischen 3 und 55 Prozent, je nach Stadtteil. Migranten zogen vor allem in ärmere Gegenden – den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat es kaum verändert. Entscheidend ist wie Einwanderung umgesetzt werden: Wenn alte und neue Einwohner weitgehend getrennt voneinander lebten, waren die Auswirkungen negativ. Wurden die Neuankömmlinge hingegen in die Nachbarschaften integriert, gab es sogar positive Effekte.

Mittwoch, 18. März 2026

Jürgen Habermas: Niemand verstand die Bundesrepublik wie er

Seine Texte waren nicht immer einfach zu verstehen, Jürgen Habermas war aber ohne Frage einer der wichtigsten Denker der Bundesrepublik. Bis zuletzt haben seine Beiträge Diskussionen ausgelöst, wie z.B. zum Ukraine Krieg und Europa. Auch die Bundesrepublik verstand Habermas wie niemand anders, wie Tobias Rapp in seiner Würdigung im SPIEGEL deutlich macht. 

Eine Welt in Auflösung

Es war einsam geworden um ihn. Seine Tochter und seine Frau starben in den letzten Jahren, aber auch die Reaktionen auf seine Artikel haben ihn befremdet. Sein Tod steht auch für das Ende einer Epoche: Nämlich die der alten Bundesrepublik Deutschland, deren Gepflogenheiten und Selbstverständnis die Wiedervereinigung gut überlebten und die dann doch bis weit ins neue Jahrtausend hereinreichten.

Habermas als der Erklärer der Bundesrepublik 

Habermas hat die Geschichte der Bundesrepublik wie kaum ein anderer erklären können. Er war bereits Professor, als die 68er Proteste begannen, schreib aber die Texte, die zur Zeit passten. Begriffe wie „herrschaftsfiere Diskurs“ oder Verfassungspatriotismus schafften es in den Diskurs. Die Frankfurter Schule, geprägt unter seinem Lehrer Adorno, wäre nicht so einflussreich gewesen. Während das Denken von Adorno und Horkheimer durch die Katastrophen ihres Lebens beeinflusst war, wuchs Habermas in der wohlhabenderen und liberaleren Bundesrepublik auf. Er war ein Denker des Gelingens. 

Die befreiende Kraft des Wortes

Er selbst nannte als Motiv die befreiende Kraft des Wortes – auch wenn seine Texte schwer zu verstehen waren. Er fragte nach den Bedingungen des emanzipierten Lebens: Wie kann das Individuum sich entfalten? Was heißt das überhaupt? Wie muss eine Gesellschaft gestaltet sein, um das zu ermöglichen? Welche Rolle spielt die Sprache dabei? Er war Modernist und glaubte an die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Fortschritts. Dieses Projekt der Moderne wollte er verteidigen: durch herrschaftsfreie Kommunikation und eine lebendige demokratische Öffentlichkeit. 

Die Erfahrung einer ganzen Generation

Habermas wurde mit einer Gaumenspalte geboren, die mehrere Operationen nach sich zog. Ebenso prägend war die Erfahrung der um 1929 geborenen: Jung genug, um nicht mehr selbst im Krieg gekämpft und schlimme Erfahrungen gemacht zu haben – und alt genug, um zu verstehen, dass sich ihnen nun die Welt öffnete.

Ein kluger und mächtiger Netzwerker

Seine Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« war ein überraschender Erfolg. Er wurde ein kluger und mächtiger Netzwerker, zunächst in Starnberg, später in Frankfurt, also sein Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ entstanden ist. Er wollte an eine Tradition anknüpfen, die die Nazis zerstört haben. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn die Mördern waren noch überall. Verbunden fühlte sich Habermas den USA, er integrierte den amerikanischen Pragmatismus ins deutsche Geistesleben.

Der zwanglose Zwang des besseren Arguments 

Für Adorno gab es kein richtiges Leben im falschen. Die gesellschaftliche Totalität ist die Katastrophe, der Kapitalismus, der Terror der verwalteten Welt. Aus diesem Zusammenhang gibt es kein einfaches Entkommen. Für Habermas ist diese Aussage zunächst ein Satz und die Sprache selbst Anlass zur Hoffnung: Immer wenn wir meinen, was wir sagen erhaben wir für das Gesagte einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Im Idealfall kann der „Zwanglose Zwang des besseren Arguments“ zur Geltung kommen – wenn die Geltungsansprüche aller berücksichtigt sind. 
Diese „ideale Sprachsituation“ bildete den Kern seiner Philosophie und seines Konzepts der deliberativen Demokratie: Nicht die Mehrheitsentscheidung sei in der Demokratie zentral, sondern dass der Weg dorthin durch einen offenen und rationalen Diskurs geprägt sei. Daher auch die Bedeutung der Öffentlichkeit in Habermas Denken, nur Bürgerinnen und Bürger, die ausgewogen informiert seien, könnten diesen Prozess tragen. Die Medien, die Zivilgesellschaft.

Begleiter aller Debatten in Deutschland 

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Entwicklungen der letzten Jahre mit Wutbürgern und MAGA-Bewegung für Habermas schmerzlich. Der Fokus auf Verständigung und Kompromiss war ein Abbild für die Bundesrepublik – nach Jahrhunderten des Obrigkeitsstaats und des Gehorsams. Er hat alle zentralen Debatten begleitet. Am Anfang ist er sehr kritisch: Er ist gegen die Wiederbewaffnung und den Aufbau der Bundeswehr, gegen den Kanzler Adenauer und seine restaurative Politik. Die Reform des Bildungssystems war ihm ein wichtiges Anliegen. Als Vordenker der Studentenbewegung für den Terror der RAF verantwortlich gemacht wurden, wehrte sich Habermas. Er verteidigte die liberale Ausrichtung, argumentierte gegen Berufsverbote: Mutig – aber schon deutlich staatstragender.

Wie stehen wir zur Vergangenheit?

Beim Historikerstreit 1986 widersprach er dem konservativen Historiker Ernst Nolte, der die Verbrechen der Nazis nur als Imitation von Stalins Verbrechen sah. Habermas nahm dies zum Anlass die Auseinandersetzung über die Identität des Landes zu suchen: Wie stehen wir zur Vergangenheit? Was für ein Verbrechen war der Holocaust? Kann dieses Verbrechen jemals vergehen? Was heißt das für die Identität der Bundesrepublik Deutschland? Das liberale Laer gewann diesen Konflikt, der direkt zur Debatte über das Verhältnis zu Israel und der Staatsräson führt. 

Debatte um Europa 

Intensiv beteiligte er sich um die Debatte über Europa: Er hatte die Hoffnung, dass Europa und die USA die Menschenrechtsordnung weltweit durchsetzen könnten. Er glaubte aber nie an das Ende der Geschichte und sah das Ende des Westens als gemeinsamer politischer Raum mit Stahlkraft für den Rest der Welt. Seine Hoffnung auf Verrechtlichung ist hinfällig: Der Westen ist kaputt, Amerika bis auf Weiteres als Leuchtturm der Hoffnung verloren, Europa schwach.

Was bleibt? Bleibt was?

Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, wie man die Geschichte der Bundesrepublik beurteilt. Wenn man sagt, die Gegebenheiten waren günstig und die richtigen Personen auf den richtigen Posten – dann bleibt nicht viel vom Werk von Habermas. Man kann die deutsche Geschichte aber auch als Lehrstück für die Welt sehen. Wie ein Land, das eines der größten Menschheitsverbrechen begangen hat, aus dem Schatten dieser Tat treten kann. Wie man aus der Vergangenheit lernen und streiten kann. Bei Habermas war nie etwas perfekt – alles sind immer kleine Schritte, Mühen auf einer großen Ebene.

Gesellschaften, die an den Fortschritt glauben

Aktuell erscheint der Pessimismus zu überwiegen, aber das muss nicht so bleiben. Gesellschaften, die wachsen wollen, die an den Fortschritt glauben und daran, dass darüber gestritten werden kann, wie dieser aussieht. Möglicherweise werden sie wieder zu den Büchern von Jürgen Habermas greifen.


Sonntag, 8. Februar 2026

Es ist fair, wenn alle verzichten müssen

In einem Interview für die Tagesschau fordert die Transformationsforscherin Maja Göpel, dass das Bewusstsein für globale Zusammenhänge wachsen muss – und jeder etwas beitragen muss. 

Klimapolitik hat es schwer 

Göpel nennt Gründe, warum es Klimawandel in der öffentlich Wahrnehmung so schwer hat. 
Einerseits können wir Ursache und Wirkung so wenig direkt nachvollziehen. Die Wirkung ist orts- und zeitversetzt, daher denken wir, dass es so schlimm nicht ist. Andererseits sieht sie eine ganz bewusste Agenda, bei der Desinformationen verstreut werden, um fossile Interessen aggressiv zu vertreten. 

Die Kosten des Nichthandelns werden höher

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die globalen Versicherer betonen, dass die Kosten des Nichthandelns immer höher werden. Göpel wundert sich, wie starkt das Gas zurückkommen soll, da dies das Erpressungspotential weiter erhöhen wird. Sie fordert deshalb, die Energiewende weiter entschieden voranzutreiben. 

"Menschen müssen vom Ziel überzeugt sein"

Göpel hält es für einen Fehler, alles über den Preis zu steuern, wenn sich am Ende einige Teil der Gesellschaft nicht mehr alles leisten können. Ordnungspolitische Maßnahmen sollten nicht als Verbote drangsaliert werden, sondern als fairer Weg, wenn alle verzichten. Menschen akzeptieren Klimapolitik, wenn sie den Eindruck haben, dass sie das Ziel verstanden haben und überzeugt sind.

"Das Versprechen des 20. Jahrhunderts nicht vom Tisch nehmen"

Damit das Thema Klima wieder wichtiger wird, wäre es wichtig zu zeigen, dass Investitionen zu Vorteilen führen und die Vorteile deutlich zu machen. Notwendig ist das Gefühl, dass es sich lohnt, mitzumachen. Es muss eine gesamtgesellschaftliche Aktivitäten sein nach dem Motto:: "Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen." Göpel findet es verstörend, dass das Versprechen des 20. Jahrhundert nicht mehr gelten soll: "Dass alle Menschen auf diesem Planeten einen sicheren Ort zum Leben haben. An diesem Versprechen müssen wir festhalten, auch wenn sich die Stärksten dafür nicht mehr interessieren." 

Samstag, 10. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 2

In einer Dokumentation geht ARTE der Frage nach, wann Protest wirkt. 


Immer mehr Proteste 

Immer mehr Menschen gehen weltweit auf die Straße. Die Menschen werden immer kompetenter und informierter – und sind bereit auf die Straße zu gehen, wenn sie eine Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen können. 

Ebenen des Erfolgs 

Protestforschung versucht den Erfolg von Protest auf drei verschiedenen Ebenen zu ermitteln: 
- Aufmerksamkeit für das Thema: Dies kann z.B. durch Ungehorsam geschehen, so haben Frauen im Iran in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch ausgezogen.
- Öffentlichkeit: Je mehr Leute mitmachen, desto größer der Druck. 
- Entscheider sollen handeln: diese Ebene ist die schwierigste 

Unterschiedliche Erfolge 

Die Dokumentation untersucht den unterschiedlichen Erfolg von Bewegungen. Obwohl die Landwirte mit ihren Straßenblockaden ähnliche Strategien verfolgt haben wie die Umweltbewegung „Letzte Generation“ waren sie deutlich erfolgreicher. Sie waren besser organisiert, ihr Anliegen wurde von der Bevölkerung unterstützt und ihr Wunsch – die Rücknahme der Kürzungen – konnte schnell verwirklicht werden. 

Erfolge brauchen Zeit 

In der Dokumentation werden die Thesen von Erica Chenoweth vorgestellt. Sie verweist darauf, dass ein gewaltfreier Kampf häufig effektiver ist als ein bewaffneter. Es sollten möglichst viele und unterschiedliche Menschen sein, die die Bewegung unterstützen. Sie brauchen Disziplin und Geduld – eine durchschnittliche erfolgreiche Kampagne braucht drei Jahre. 
Am Beispiel der gescheiterten Revolution von 1848 zeigt die Dokumentation, das dies noch länger dauern kann. Zwar war die Revolution nicht erfolgreich, durch die Verfassung wurden aber Denk-muster aufgebrochen und die Monarchie in Frage gestellt. 

Soziale Medien sind wichtig, aber nicht immer erfolgreich 

Soziale Medien spielen bei aktuellen Protesten eine wichtige Rolle und haben viele Menschen auf die Straße gebracht. Das Beispiel des Arabischen Frühlings zeigt, dass diese mittelfristig nicht immer erfolgreich waren. Die Autoren erklären die Unterschiede dadurch, dass sich früher Menschen einig waren und die Demonstration am Ende des Protests stand – heute treffen sich Menschen, die oft nicht mehr als ein gemeinsames Feindbild gemeinsam haben. 

Protest wird gebraucht 

Egal auf welcher Ebene ein Protest erfolgreich ist – Protest wird gebraucht. Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn an strittigen Stellen auch Widerspruch geäußert werden darf. Moderne Gesellschaften sind ständig in Bewegung und Veränderung – Proteste leisten bei der ständigen Aushandlung einen wichtigen Beitrag. 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 1

Der Protestforscher Simon Teune erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, wann Protest wirkt. Das Thema biete ich in meiner Seminarliste

Was sind Proteste?

Er definiert Protest als einen öffentlichen Widerspruch, den ein kollektiver, nicht-staatlicher Akteur organisiert, um eine politische Botschaft zu senden. Das können Gewerkschaften, Studierendenverbände, Prominente oder Wissenschaftler. 
Die Forscher unterscheiden dabei zwischen 
•    Demonstrativ: Kundgebungen oder Protestmärsche 
•    Konfrontativ: unangemeldete Proteste, Blockaden und Sachbeschädigung 
•    Politische Gewalt: Brand- und Sprengstoffanschläge sowie Angriffe bis hin zum Mord 
Gemeinsam mit Kollegen hat er Medienberichte über Protestereignisse analysiert. 
Das Ergebnis zeigt, dass es immer mehr Proteste gibt. Es ist heute leichter und selbstverständlicher, Proteste zu organisieren. Mehr Menschen können sich vorstellen, an Protesten beteilig zu sein. 

Proteste und soziale Bewegungen hängen zusammen 

Taune betont, dass soziale Proteste nicht identisch mit einer sozialen Bewegung sind, aber zusammenhängen. So haben die Demos gegen rechts mit anfangs zwei Millionen Menschen nachgelassen, haben aber einen Nerv getroffen. Seit Jahren gibt es gewachsenen Netzwerke 

Der Anstieg verläuft nicht linear 

Einen ersten deutlichen Ausschlag gibt es Ende der Sechziger zur Blüte der Studentenbewegung. Zu Beginn der Achtziger mobilisieren neue soziale Bewegungen, insbesondere gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen und gegen den Ausbau von Atomenergie. In den frühen Neunzigern sehen wir dann einen Anstieg rassistisch motivierter Gewalt sowie die dagegen gerichteten Massendemonstrationen.

Themen haben sich verändert 

Auch die Themen haben sich verändert: Waren es in den 50er Jahren noch Verteilungsfragen sind es heute ganz unterschiedliche Themen: die Umgehungsstraße, Handelspolitik, Ökologie oder Migration. 
Die „Mutter aller nachfolgenden Protestbewegungen“ sind dabei die 68er Generation, denen in den 70er Jahren die Frauen-, die Friedens-, die Antiatombewegung folgten. Seit 1990 hat der Anteil an konfrontativen und gewaltförmigen Proteste zugenommen, vor allem durch rechte Gewalt. 

Erfolg schwierig zu bewerten 

Während andere Forscher Zahlen genannt haben, ab wann ein Protest erfolgreich sein kann, vermeidet der Autor dies. Zwar geht es generell darum, viele Menschen zu motivieren, aber es gibt keine Garantie für Erfolg. Bei der Berichterstattung dominieren die Straßenblockaden der „Letzen Generation“ oft gegenüber Protesten mit mehreren Hunderttausend Teilnehmenden. 
In Bezug auf die Ziele ist die Bilanz eher mau: Die Anti-Atom-Bewegung hat Kernkraftwerke nicht verhindert, die Stuttgart-21-Gegner nicht den Bahnhof und das Freihandelsabkommen mit den USA wurde von Donald Trump aufgehalten. Auch die Klimaziele werden trotz vieler Proteste gerissen. Eine Ausnahme sind die Bauernproteste im letzten Winder – hier hat die Regierung sofort reagiert, da die Bauern ein Drohpotenzial und eindrucksvolle Straßenblockaden schafften. Ihre Proteste werden als legitmer angesehen, da sie Lebensmittel produzieren, auf die wir angewiesen sind. 

Protestieren wird langfristig 

Protestieren wirkt eher langfristig. Parteien gingen aus den Bewegungen hervor oder wurden darin gestärkt, so die SPD aus der Arbeiterbewegung, die Grünen aus der Friedens- Frauen- und Anti-Atombewegung und der AfD verhalt Pegida zu neuer Dynamik. Teune betont, dass Protest immer eine wichtige demokratische Funktion hat, da Menschen ihre Unzufriedenheit ausdrücken können. Der Erfolg liegt auch darin, Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken, gehört zu werden, andere zu inspirieren.

Dauerhafte Motivation schwierig 

Viele Bewegungen haben Schwierigkeiten, Menschen dauerhaft zum Demonstrieren zu motivieren. Fridays for Future wurde auch durch die Corona-Pandemie gebremst. Waren sie anfangs stark von jungen Menschen geprägt, hat sich dies verschoben. Heute mischen sich verstärkt Menschen jenseits der Verrentung mit ein – das hat auch mit zeitlichen Ressourcen zu tun. Teune betont, dass die Bewegung ähnlich wie die 68er nicht von der Mehrheit getragen wurden. Sie haben jedoch das Selbstverständnis von Menschen geprägt, die gar nicht mitprotestiert haben. 

Sorge um soziale Bewegung von rechts 

Besorgt äußert sich der Forscher über die Bewegung noch rechts. War es lange Zeit ein Tabu, gemeinsam mit extremen Rechten zu protestieren, hat sich dies mit Pegida verändert. Auch bei den Corona-Protesten haben unterschiedliche Milieus protestiert – christliche Fundamentalisten, alte Linke. Die Themen wurden verknüpft - zuerst Corona, dann – nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – Energieversorgung und Frieden.

Wichtige Rolle von sozialen Medien 

Zentral ist dabei die Rolle der sozialen Medien, in denen Organisation und Meinungsbildung stattfindet. Die Debatten sind stärker von Emotionalisierung geleitet, eigene Positionen müssen weniger begründet werden. Man arbeitet nicht auf einen gemeinsamen Konsens, sondern ist eher durch ein Feindbild vereint. In sozialen Medien und Messengerdiensten werden Informationen stärker ausschnitthaft wahrgenommen und direkt von Gleichgesinnten eingeordnet. 

Entspannung ist nicht in Sicht 

Weltweit beobachten Forscher eine stärkere Mobilisierung für demokratiefeindliche Positionen – Akteure wollen nicht mehr Rechte für mehr Menschen, sondern die Einschränkung Durch die zahlreichen Konflikte und die Klimakrise sieht er mehr Migration und eine konfliktgeladene Zukunft: Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Es gibt Hoffnung 

Aber er hat auch Hoffnung, da es immer wieder Leute gibt, die sich für Demokratie und Menschenrechte vor Ort einsetzen. So haben die Bunten Perlen Waldheim einen Gegenprotest gegen den montäglichen Spaziergang der extremen Rechten im Ort organisiert. „Die lassen sich nicht einschüchtern. Und das macht mir Hoffnung“.