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Sonntag, 10. August 2025

Unsere Gesellschaft ist verrohter als viele denken

In einem Beitrag für den SPIEGEL kritisiert der Soziologe Wilhelm Heitmeyer, dass Gewalt und Rücksichtslosigkeit kleineredet werden: Diese Selbsttäuschung muss aufhören, sonst wird sich das Problem noch verschärfen

Unsere Gesellschaft verroht 

Umfragen zeigen, dass viele Menschen eine Verrohung der Gesellschaft spüren, sie beklagen mehr Egoismus und eine gesteigerte Aggressivität. Einige führen die ansteigende Zahl von Straftaten auf eine erhöhte Anzeigenbereitschaft und mehr Polizeiarbeit zurück. Diese Sensibilisierungsthese soll beruhigend wirken: So schlimm ist es gar nicht. Heitmeyer widerspricht dieser These und verweist auf die zahlreichen Befunde im gesellschaftlichen Alltag. 

Durchrohung mi unterschiedlichen Gewaltformen 

Für ihn ist Durchrohungsthese zutreffender. Der Begriff der Durchrohung beschreibt, wie private, öffentliche oder institutionelle Strukturen Menschen dazu stimulieren, Macht zerstörerisch einzusetzen. Die Gewaltformen reichen von Demütigung über Hass zu Gewalt. Diese Gewalt gibt es im privaten und öffentlichen Raum: gegen Polizei und Rettungskräfte, im Straßenverkehr, Schulen, in ökonomischen Räumen gegen Beschäftige, in der Politik und nicht zuletzt in den virtuellen Räumen des Internets. Er stützt sich dabei auf „unbeleuchtete Dunkelzonen“, d.h. Umfragen bei Ärzten, Mitarbeitern öffentlicher Einrichtungen, die über zunehmende Angriffe klagen. 

Zusammenhang von gesellschaftlicher Struktur und individuellem Verhalten 

Die These von der Durchrohung sieht einen Zusammenhang von gesellschaftlichen Strukturen und individuellem Verhalten. Die zentrale gesellschaftliche Struktur ist das Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus muss sich um des eigenen Überlebens willen immer weiter ausbreiten und betrifft zunehmend auch den sozialen Bereich. Dadurch werden Menschen bewertet, wie nützlich, verwertbar und effizient sie sind. Der deregulierte Turbokapitalismus hat zu massiven sozialen Ungleichheiten geführt: 
Die Gesellschaft fällt dadurch zunehmend auseinander, viele Menschen fühlen sich verletzt und vermissen gesellschaftliche Anerkennung. Untersuchen zeigen einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gewalttaten. 

Soziale Individualisierung und kulturelle Singularisierung 

Der Soziologe Ulrich Beck hat die Individualisierungsprozess der Moderne bestimmt. Nicht mehr Herkunft und Klassenzugehörigkeit, sondern das individuelle Handeln ist prägend. Sie sind gezwungen, ihren Lebensplan durchzusetzen. Je individueller die Lebensplanung wird, desto mehr widersprüchliche und unklare Anforderungen werden an den Menschen gestellt. 
Der Soziologe Andreas Reckwitz betont die Logik des Besonderen, das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit. Diese Kriterien ändern sich ständig. Der zentrale Modus dieser kulturellen Singularisierung ist die Demonstration von Überlegenheit in der Alltagskommunikation.

Subjektivierung von Werten und Erosion von Normen

Beide Prozesse haben weitrechende Folgen. Sie betreffen die Subjektivierung von Werten (»Was als Wert gilt, bestimme ich«) und die Erosion von Normen (»Woran ich mich halte, bestimme ich«). Reckwitz verweist zudem auf die Relevanz von Affekten. Diese negativen Emotionen führen zur Verbreitung von Hass und Gewalt. Das inzwischen von autoritären Bewegungen und Parteien propagierte Ideal harter Männlichkeit verschärft die Problematik.
Wir erleben eine Abfolge von Krisen, in denen politische Instrumente nicht mehr funktionieren und viele Menschen dadurch Kontrollverluste erfahren. Das verringert das Gefühl, das eigene Leben selbstwirksam gestalten zu können und der Erwartung nach Einzigartigkeit zu entsprechen.

Debatte über Durchrohung ist notwendig 

Heitmeyer betont, dass die beschriebenen Strukturen, der Verlust von Empathie und die schwindende Bindung von Rechtsnormen zu dieser Verrohung führen. Beunruhigend ist, dass dies im Interesse von Akteuren mit Macht und Einfluss ist, die uns weiterhin etwas vorlügen können. Dazu gehören Wirtschaftsführer, die vom Kapitalismus profitieren, Politiker, die diese ökonomischen Strukturen nicht thematisieren und Meiden, die nicht auf diese Zusammenhänge hinweisen. Er fordert deshalb eine „produktiv radikale Debatte über die gesellschaftliche Produktion der Durchrohung“, ansonsten werden die Probleme weiter zunehmen – und das Bemühen, sie zu verdrängen.

Donnerstag, 19. Dezember 2024

Verluste sind das schmutzige Geheimnis des Fortschritts

In einem Interview im SPIEGEL stellt Andreas Reckwitz sein neues Buch „Verlust“ vor.
Reckwitz ist einer der einflussreichsten Soziologen. In seinem Werk „Die Gesellschaft der Singularität“ beschreibt er den Aufstieg einer neuen Mittelklasse, meist urban lebende, kreativ arbeitende, kosmopolitische Akademiker, die die alte Mittelklasse der Handwerker und Facharbeiter mitsamt ihrer Werte und Lebensentwürfe zurückdränge.

Verlust des Fortschrittsnarrativ

Die Zeit nach dem Mauerfall war vom Fortschrittsoptimismus geprägt: der Glaube an die Globalisierung, die Vernetzung, die gesellschaftliche Liberalisierung, die Wissensgesellschaft. Probleme wie den Klimawandel oder Deindustrialisierung gab es schon damals, die Verluste waren aber nicht so im Fokus.

Verlust als Grundproblem der Moderne

Für Reckwitz ist Verlust mit Verschwinden und negativen Emotionen verbunden: Trauer, Wut, Angst. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, welche Verluste zu beklagen sind. Manchen trauern um ihre Privilegien oder wenden sich lautstark gegen Veränderungen. Verlust ist für Reckwitz ein Grundproblem der Moderne, da das Alte permanent durch Neues abgelöst wird. Bisher konnten Verluste relativiert waren, sie waren „das schmutzige Geheimnis des Fortschritts.“

Die Zukunft ist keine Verheißung mehr

Dieser Ausgleich wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Kaum jemand glaubt mehr, dass es den eigenen Kindern in 20 Jahren besser gehen wird. Auch klimawissenschaftliche Szenarien prognostizieren eine Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Bereits 1985 sprach Jürgen Habermas von der „Erschöpfung utopischer Energie“ – rückblickend waren die 90er Jahre eher die Ausnahme in einer „Verlust-Eskalation“.

Westliche Moderne ist an einer Grenze angekommen

Die Fortschrittserwartung war wie eine Decke, die Verlust verhüllt. Wird die Decke weggezogen, kommen Verluste zum Vorschein. An die Grenze ist die Moderne auch bei der Natur gekommen wie der Klimawandel zeigt. Verlierer artikulieren sich heute deutlicher, d.h. viele Kontroversen drehen sich nun um Verluste. Man will nicht ein größeren Stück des Kuchens, sondern die Anerkennung von Verlusten – Opfer fordern Sichtbarkeit.

Individuen hoffen auf persönliche Erfüllung

Kollektive Utopien haben an Glaubwürdigkeit verloren, dafür hoffen einzelne Individuen auf Verbesserung. Während sie für die Gesellschaft pessimistisch sind, sehen viele Menschen ihre Zukunft optimistisch. Es geht nicht mehr darum, zu gewinnen, sondern nicht so drastisch zu verlieren. Eine alternde Gesellschaft wird zwangsläufig verlustaffiner.

Populismus ist Verlustunternehmertum

Für die Politik ist dies eine Herausforderung, denn sie ist vom Fortschrittsversprechen geprägt. Gewinner sind Populisten, die bei Menschen gut ankommen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten. Diese Erfahrungen sollte man ernst nehmen- Das Ende des Patriarchats bedeutet für viele Männer einen – manche würden sagen: überfälligen – Machtverlust. Die Politik sollte diese Verluste anerkennen und offen sprechen, zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur,

Einen Umgang mit Negativereignissen finden

Gesellschaften müssen resilienter werden und mit Negativereignissen umgehen können – sie vermeiden oder sie abzumildern. Beispiele sind ein besserer Umgang mit der nächsten Pandemie und dem Klimawandel. „Eine Gesellschaft, die Verluste nicht von sich abspaltet, wäre selbst eine bessere.“

Errungenschaften der Moderne bewahren

Für Reckwitz geht es darum, die Errungenschaften der Moderne zu bewahren. Er zeichnet verschiedene Szenarien auf: Die Hoffnung durch Fortschritt den Klimawandel technisch in den Griff zu bekommen, sodass die Modernisierungsverlierer und damit die Populisten aussterben. Denkbar wäre aber auch das andere Extrem - der Kollaps der Moderne.
Das dritte Szenario bezeichnet Reckwitz als „erwachsene Moderne“. Er verliert Lebensideale, aber erwirbt Verlustkompetenz. Für Reckwitz war auch die Beschäftigung mit dem Thema überwiegend positiv: Sie lässt die Probleme, unter denen man leidet, nicht verschwinden – aber man kann sie besser handhaben.

Mittwoch, 4. Dezember 2024

Die „nüchterne alte Tante“ Soziologie ist wieder gefragt

Alexander Cammann rezensiert in der ZEIT das neue Buch von Andreas Reckwitz. Dabei geht er auch auf die Bedeutung der Soziologie ein, die so gefragt ist, wie lange nicht.

Soziologen waren lange nicht gefragt

Wenn es um die Erklärung des Mauerfalls von 1989 oder den 11. September ging, waren lange Zeit Historiker oder Philosophen gefragt. Für manche galten die Lifesciences als neue Leitwissenschaft, schließlich hatten die das menschliche Genom sequenziert. Nun ist sie wieder zurück „die nüchterne alte Tante“ Soziologie.

Kommentare zur jeweiligen Gegenwart

Nun sind sie zurück: Jutta Allmendinger und Heinz Bode haben jahrelang die Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Nun sind andere Soziolog*innen in aller Munde: Steffen Mau aus Berlin, Hartmut Rosa aus Jena, Paula-Irene Villa Braslavsky und Armin Nassehi aus München, Oliver Nachtwey aus Basel, Jens Beckert aus Köln, dazu häufig noch Eva Illouz. Sogar Olaf Scholz soll ihnen manchmal zuhören, wenn sie „virtuos eine der vornehmsten Aufgabe der Soziologie übernehmen – die Zeitdiagnostik.

Wegweisendes Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Bereits 2017 hat Andreas Reckwitz ein preisgekröntes Buch vorgelegt: Die Gesellschaft der Singularitäten. Die damaligen Diagnosen passen verblüffend gut,
ob es um Neogemeinschaften geht, die alte Organisationsformen ablösten (man denke an BSW und AfD), ob um die kulturellen Spaltungen der westlichen Gesellschaft, jenseits der alten Klassenkonflikte, die sich bei Wahlen niederschlagen. Ebenso passend ist die Beschreibung, dass anstelle allgemeiner anerkannter Normen und Zugehörigkeit viele „Singularitäten getreten sind.

Überall Modernisierungsverlierer

In seinem neuen Buch beschreibt Reckwitz die Verluste der Moderne: Klimakatastrophe, Artensterben, Modernisierungsverlierer – und der Populismus, der als „Verlustunternehmer“ davon.
Der Fortschrittimperativ westlicher Gesellschaften brachte stetige Verbesserungen. Sie konnten auch frühere Verluste immer wieder ausgleichen.

Progressive werden strukturkonservativ

Reckwitz beschreibt verschiedene Bereiche in der Spannung zwischen Fortschritt und Verlust und beschreibt eine interessante Änderung in der Politik. Progressive werden „strukturell konservativ“: die Linken in der Verteidigung des Sozialstaats, die Linksliberalen bei den vom Rechtspopulismus bedrohten Freiheitsrechten. "Nirgendwo ist die Fortschrittsorientierung noch ungebrochen" – und konservativ ist mal wieder komplizierter als gedacht.

Neues Thema in meinem Seminarangebot

In meinem Seminarangeboten zur Gesellschaft habe ich das Thema „Soziologen sind wieder gefragt“ aufgenommen. Dabei werde ich die Bedeutung und Werke von Andreas Reckwitz und anderer Soziologen vorstellen.

Samstag, 24. August 2024

Was heißt hier Fortschritt?

In der ZEIT beschäftigt sich der bekannte Soziologe Andreas Reckwitz mit der Frage, was Fortschritt bedeutet.

Fortschritt beliebter und unklarer Begriff

Die Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberale wollte eine Fortschrittskoalition sein und hatte hoch gesteckte Ziele: ökologisch-wirtschaftliche Modernisierung, gesellschaftspolitische Öffnung, sozialpolitische Neujustierung. Nach Streit und Krisen stellt sich aber nicht nur für die Regierung die Frage: Was kann Fortschritt als Ziel der Politik im 21. Jahrhundert bedeuten?

Westliche Demokratien und Fortschritt miteinander verwoben

Es wird regelmäßig gestritten, um welchen Fortschritt es gehen soll – mehr Freiheit oder mehr Gleichheit, mehr Wohlstand oder mehr Technologie, mehr Staat oder mehr Markt –die Hoffnung auf Fortschritt ist für westliche Demokratien entscheidend. Den Höhepunkt des Fortschrittsoptimismus gab es nach dem 2. Weltkrieg: Wirtschaftswachstum, sozialer Aufstieg breiter Schichten, technologische Innovationen und Aufbau des Sozialstaates. Nach dem Mauerfall folgten mit Globalisierung und Digitalisierung ein weiterer Schub.

Nüchternes Verständnis von Fortschritt notwendig

Die aktuellen Krisen haben die Hoffnung auf das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Wenn die positiven Zukunftserwartungen schrumpfen, die Politik jedoch weiterhin Fortschrittsgewissheit predigt, wird das politische Vertrauen weiter schwinden. Allerdings sollte die Fortschrittsorientierung nicht aufgegeben werden, sondern durch ein revidierten, nüchternes Fortschrittsverständnis ersetzt werden.

Vier Aspekte für sind dabei wichtig:

Hoffnung auf automatische Entwicklung zum Besseren aufgeben

Die Hoffnung auf eine automatische Entwicklung zum Besseren sollte aufgegeben werden. Die realistische Einschätzung kann zur einer umsichtigeren und wachsameren Haltung gegenüber Risiken führen. Fortschritt ist möglich, aber er bleibt prekär.

Resilienz steigern

Liberale Demokratien sind verletzlich. Deshalb ist es wichtig die Resilienz zu steigern. Dies bedeutet Institutionen, Lebensformen und ihre Qualitäten so zu sichern, dass sie gegen negative Ereignisse abgepuffert werden. Ein Beispiel wäre eine aktive Klimapolitik als ein Projekt ökologischer Resilienz verstehen

Mit Verlusten umgehen lernen

Eine Gesellschaft muss lernen mit Verlusten umzugehen. Verluste können einzelne soziale Gruppen als auch die ganze Gesellschaft betreffen: Der Klimawandel bedeutet einen Wohlstandsverlust für alle. Ein kluger gesellschaftlicher Umgang mit Verlusten müsste verhindern, dass diese in endlose Auseinandersetzungen zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Opfern und Tätern münden.
Der Populismus beutet die Verlusterfahrungen aus – die etablierte Politik sollte diese Erfahrungen offen verhandeln: - dies wäre ein besonderer Fortschritt: eine Gesellschaft, die an Reife gewinnt und erwachsen wird, indem sie manchen Verlusten offen ins Gesicht sieht und (trotzdem) mit ihnen weiterlebt.

Fortschritt auch in der Vergangenheit suchen

Man sollte in die Vergangenheit blicken: vieles von dem Erreichten ist bewahrenswert und zugleich in Gefahr: Eine funktionierende liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, eine vom Mittelstand geprägte erfolgreiche Wirtschaft.

Fortschrittlich sein heißt Fortschrittserbe zu schützen

Die Schlussfolgerung lautet für Reckwitz deshalb, dass auch die Progressiven die Vergangenheit bewahren müssen, wie man es aus der Vergangenheit von den Konservativen kannte. Dabei geht es nicht um ein vormodernes Erbe, sondern um den Erhalt von Fortschritten der Vergangenheit: Fortschrittlich sein heißt heute also auch, das zerbrechliche Fortschrittserbe zu schützen und weiterzuentwickeln.

Dienstag, 13. August 2024

Debattenkultur – nicht nur über Gewinner und Verlierer reden

Andreas Reckwitz schreibt im SPIEGEL über die Debattenkultur in Deutschland: Warum der Fokus auf Gewinner und Verlierer eine Gefahr ist

Das „Wir“ als prekäre Größe

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seinem Buch „Wir“ kritisiert, dass der politisch-kulturelle Grundkonsens in Gefahr ist. Reckwitz betont, dass dies „Wir“ schon immer eine prekäre Größe war, da wir keine homogenen Gesellschaften mehr haben. Sie sind durch einen grundsätzlichen Pluralismus geprägt, in dem durch Institutionen zivilisiert werden.

Spätmoderne Gesellschaft wird zur Kampfzone

In der Gegenwart wird die Gesellschaft zur Kampfzone. Im politischen Raum sehen sich westliche Gesellschaften einer rechtspopulistischen Welle ausgesetzt, die auch im digitalen Raum zunehmen zu aggressiven Auseinandersetzungen führt. Die tieferliegende Entwicklung hinter dieser Entwicklung sind „endlose Konflikte zwischen Gewinnern und Verlierern sowie zwischen Tätern und Opfern“- Ständig stellt sich die Frage, wer zu welcher Gruppe gehört.

Ende der industriellen Gesellschaft

Eine gesellschaftliche Ursache ist das Ende der industriellen Gesellschaft mit dem Wandel der Erwerbsstruktur zur postindustriellen Gesellschaft. Viele industrielle Arbeitsplätze sind verschwunden, etwa drei Viertel der Erwerbstätigen arbeiten mittlerweile im Dienstleistungsbereich. Dieser ist sehr unterschiedlich und reicht von einfachen Dienstleistungen zur Wissensökonomie gut qualifizierter Hochschulabsolventen. Dies bewirkt auch eine sozialräumliche Asymmetrie zwischen florierenden Metropolregionen und urbanen Regionen, die von der Deindustrialisierung betroffen sind.

Aufwärts- und Abwärtsdynamiken und permanentes Sichvergleichen

Die postindustrielle Gesellschaft enthält gleichzeitig verlaufende Aufwärts- und Abwärtsdynamiken. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Ökonomisierung des Sozialen. Die Logik des Wettbewerbs und der Konkurrenz führte unter anderem zu immer größeren Unterschieden bei der Bildung und auf dem Wohnungsmarkt. Die ungleiche Verteilung von Erbschaften trägt zusätzlich zur spätmodernen Gewinner-Verlierer-Dynamik bei.
Ein wichtiger Aspekt ist hier die relative Deprivation: Menschen können sich auch als Verlierer wahrnehmen, wenn sie nur im Vergleich zu anderen zurückfalle: Man scheint selbst auf der Stelle zu treten, während andere – Hochschulabsolventen, erfolgreiche Frauen, Migranten – in der sozialen Hierarchie an einem scheinbar vorbeiziehen. Dieses ständige Sichvergleichen wird durch die Allgegenwart digitaler Medien geschürt. Bilder von Urlaubsorten, Restaurantbesuchen und opulenten Häusern schürt den Groll jener, die sich als zu kurz gekommen wahrnehmen.

Gewinner-Verlierer-Konstellationen in vielen Bereichen

Die Gewinner-Verlierer-Konstellation bekommt besondere Brisanz in Märkten, in denen sich der Ertrag auf wenige konzentriert. Beispiele sind hier wenige Professuren bei vielen Nachwuchswissenschaftler, Immobilienmärkte oder die Aufmerksamkeit: Man lebt in einer Gesellschaft permanenter Wettkämpfe, und wer dabei erfolgreich ist, hängt nicht unbedingt von der eigenen Leistung ab.
Die Frage „Wer gewinnt, wer verliert?“ stellt sich auch zwischen Generationen (Muss die Generation Z den Boomern eine Rente zahlen) und im Geschlechterverhältnis: Sind nun die Jungen die Verlierer oder weiterhin die Frauen aufgrund der Doppelbelastung von Beruf und Familie.

Aus Gewinnern-Verlierer werden Täter-Opfer

Aus dieser Gewinner-Verlierer-Konstellation entsteht ein neues Deutungsmuster zwischen Tätern und Opfern – einem Konflikt „wir gegen die“. Im 20. Jahrhundert gab es viele Opfer durch Kriege oder Verbrechen. Diese Opfer mussten sich die Sichtbarkeit erkämpfen: Opfer des Holocaust, von sexuellen Übergriffen. Bewegungen wie #MeToo haben zu einer Ermächtigung von Opfern geführt: Opfer ist hier keine negative Kategorie mehr, sondern Personen, die ihre Rechte einfordert – gegenüber der Öffentlichkeit und den Tätern. Diese Unterscheidung schafft im Wettbewerb um Aufmerksamkeit eindeutige Verhältnisse.

Opfermythos im Rechtspopulismus

Eva Illouz beschreibt diesen Opfermythos als Element des Rechtspopulismus. Erschien man vorher als ein Verlierer im Modernisierungsprozess, kann man sich nun als ungerechtfertigtes Opfer interpretieren. Die anderen „liberalen Kosmopoliten“ sind schuld an einem unfairen Spiel. De Täter-Opfer-Zuschreibung findet auch in analogen und digitalen Meiden statt. Auch Prominente werden oft als vermeintliche Opfer oder Täter an den Pranger gestellt.

Deutungskonflikt um den Opferstatus

Bei politischen Themen zeigt sich der Deutungskonflikt beim Israel-Palästina nach dem 7. Oktober. Ist Israel Täter, da sie für die Vertreibung verantwortlich sind oder – seit Jahrhunderten – historisches Opfer? Die Zuordnungen sind hochgradig umstritten, typisch aber ist, dass die Täter-Opfer-Unterscheidung eindeutige Verhältnisse suggeriert und differenziertere Betrachtungsweisen hemmt.

Täter-Opfer-Denken als verführerischer Dualismus

Das Denken in Täter-Opfer schafft vermeintlich klare Verhältnisse. Das gesellschaftliche Wir gerät dadurch aber weiter in Bedrängnis, wenn es nun um Täter und Opfer geht. Diesen Prozess gilt es zu entzerren. Reckwitz ist skeptisch. Falls dies nicht gelingt, ist das Risiko groß, dass sich die gesellschaftliche Kampfzone weiter ausdehnt.

Donnerstag, 22. September 2022

Zeitenwende: Eine Zukunft ohne Fortschritt?

Andreas Reckwitz ist einer der angesehensten Soziologen Deutschlands. Im SPIEGEL schreibt er über die Zeitenwende. Angesichts vielfacher Verluste fordert er ein revidiertes, skeptischeres Fortschrittsverständnis.
 

Gewissheiten gehen verloren

Der Begriff Zeitenwende hört sich zwar nach Neuanfang und Hoffnung an, ruft aber eher die Besorgnis hervor, dass es schlechter werden könnte. Westliche Gesellschaften erleben schon jetzt einen Verlust an Sicherheit und Wohlstand. Kritik am Fortschrittsbegriff gibt es nicht nur bei Donald Trump und anderen Populisten: Zweifel an den Zukunftsversprechen gibt es durch die ökologische Zerstörung und Entfremdung.

Ende der Erfolgsgeschichte Deutschland

Lange galt Deutschland als einzige Erfolgsgeschichte: Wirtschaftswunder, Wiederaufbau, Fall der Mauer, Profiteur der Globalisierung – Deutschland ein einziges Sommermärchen? Diese Geschichte war schon immer einseitig, besonders in Ostdeutschland haben viele Menschen Verlust- und Negativerfahrungen gemacht.

Vielfältige Verlusterfahrungen  

In den letzten Jahren Menschen wurden mit den Gefahren des sozialen Abstiegs konfrontiert. Arbeitsplätze in der Industriearbeiterschaft gingen verloren, eine neue Dienstleistungsklasse mit geringem sozialen Status ist entstanden. Ein weiterer Rückschlag für den Fortschrittimperativ ist der Klimawandel, der mit seinen Folgen die Debatte um Verzicht und Wachstumskritik hervorgebracht hat. Der dritte Komplex von Verlust betrifft die politische Regression. Aktuelles Beispiel ist die russische Invasion in der Ukraine, die die europäische Friedensordnung zerstört. Der Glaube, dass die liberale Demokratie und Globalisierung alternativlos ist, ist verlorengegangen. Es zeichnet sich vielmehr eine Konfrontationslinie zwischen dem Westen und autoritären Systemen wie China und Russland ab

Phänomene des Verlusts

Sozialer Abstieg und Statusverlust, Verzicht auf gewohnte Lebensoptionen, politische Regression führen somit zu Phänomenen des Verlusts. Diese Verluste wirken auf Menschen bedrohlich und wirken anders als Gewinne dramatischer. Verloren geht auch ein Teil der Identität, der sich nicht nur in einem niedrigeren Lebensstandard bedeutet, sondern auch das Selbstverständnis, dass man durch eigene Arbeit und Leistung Wohlstand schaffen kann.
Der dritte Aspekt des Verlusts ist, dass auch der Glaube an den Fortschritt selbst verloren geht, viele Menschen haben negative Zukunftserwartungen.

Die Zeit grenzenlosem Konsums ohne Verzicht ist vorbei

Der Glaube an Globalisierung, Internationale Kooperation und Multilateralismus prägten die Zeit zwischen 19990 und 2020. Alternative Strategien sind langfristige Zukunftsperspektiven durch kurzfristiges Krisenmanagement zu ersetzen, ein Zurück in die Vergangenheit wie die Populisten fordern oder die Strategie der Resilienz. Das Credo: Wenn der soziale Aufstieg nicht mehr realistisch ist, sollte es zumindest eine gesicherte Grundversorgung geben
 

Ein skeptischeres Fortschrittsverständnis entwickeln

Autor*innen wie Maja Göpel und Harald Welzer sehen in der Krise als Chance, sie sehen die bisherige Entwicklung eher als Überfluss. Reckwitz möchte die Forderung nach einem „anderen Fortschritt“ mit der Strategie der Resilienz verbinden. Wir müssen mit der Realität der Verluste umgehen. Denn die Verluste sind real: Wenn der Glaube an den immerwährenden Aufstieg, den immer größer werdenden Überfluss oder die friedliche Weltgesellschaft nicht mehr realistisch erscheint, verursacht dies einen Schmerz, der politisch ernst genommen werden muss. Phasen des Fortschritts werden durch Prozesse der Stagnation unterbrochen. Eine Herausforderung der Zeitenwende wird sein, ein skeptischeres Fortschrittsverständnis zu entwickeln und Verluste nicht zu verdrängen.