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Freitag, 15. August 2025

Weniger Migrantenkinder - bessere Bildung?

Martin Spiewak analysiert in der ZEIT die Forderung der neuen Bildungsministerin Karin Prien nach einer Obergrenze für Schüler mit Migrationshintergrund. Er fordert stattdessen Maßnahmen, um Schulen gezielt zu unterstützen. 

Heftige Diskussionen nach Priens umstrittenem Vorschlag 

Bundesbildungsministerin Karin Rien hat in Interviews über eine Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund nachgedacht. Wie sie selber sagte, steht diese Begrenzung weder im Koalitionsvertrag, noch ist sie zuständig. Auch der Begriff „Quote“ ist fragwürdig, denn es soll ja nicht wie z.B. bei der Frauenquote ein bestimmtes Ziel erreicht werden, sondern begrenzt werden. Dennoch entwickelte sich eine heftige Diskussion: Sorgen Kinder mit Migrationshintergrund für sinkende Lernniveaus. Profitieren sie vielleicht sogar von diesen Ideen? 

Der Autor stellt Erkenntnisse aus der Wissenschaft vor: 

1. Sind Einwandererkinder für die schlechten Leistungen verantwortlich?

Tatsächlich zeigen Schulvergleiche, dass Schüler mit Einwanderungsgeschichte schlechtere Leistungen erbringen, in Deutschland fallen diese Unterschiede sogar besonders groß aus. Bei genauerem Blick zeigt sich jedoch, dass die widrigen Umstände viel entscheidender sind. Studien zeigen, dass Kinder aus armen und bildungsfernen Familien schlechtere Leistungen zeigen, egal ob sie eingewandert sind oder nicht – ein "Hartz-IV-Deckel" wird jedoch bislang nicht gefordert.

2. Gibt es einen Anteil an zugewanderten Schülern, ab dem das Lernen nicht mehr funktioniert?

Studien zeigen, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Lernerfolgen und dem Anteil an Migranten gibt: Ein Schüler hat in einer Klasse mit 15 Prozent Anteil Zugewanderter größere Chancen, Fortschritte zu machen, als in einer mit 30 Prozent. Allerdings gibt es keinen Kipppunkt, ab dem negative Effekt besonders ausgeprägt sind. 

3. Ist Dänemark ein Vorbild? Oder die USA?

Dänemark wird als Vorbild genannt, allerdings gibt es dort keine Obergrenzen für Schulklassen. Stattdessen will man Stadtteile mit vielen Migranten aus „nicht-westlichen“ Herkunftsstaaten per Dekret verändern. Die Kinder dieser Viertel müssen verpflichtend eine Kita besuchen und Sprachtests absolvieren.
Das bekannteste Beispiel war die USA, die die Rassentrennung durch „Busing“ verändern wollte. Schüler aus armen schwarzen Vierteln wurden mit wohlhabenden weißen Vierteln gemischt. Auch die frühere Vizepräsidentin Kamala Haris hat davon nach eigenen Angaben profitiert. Es gab heftigen Widerstand und Ausschreitungen, zum Teil flohen weiße Eltern aus den Schulbezirken. Studien zeigen, dass sich in den gemischten Klassen die Leistungen der schwarzen Schüler verbesserten, ohne dass die weißen Schüler weniger lernten.

4. Ließe sich ein "Migrantendeckel" in Deutschland umsetzen?

In West-Berlin wurden solche Maßnahmen erprobt, allerdings scheiterte das Proberamm, weil Fahrkosten nicht übernommen wurden, vor allem aber, weil ein umgekehrter Transfer von Schülern ohne Migrationshintergrund auf große politische Widerstände stieß. Der Autor vermutet, dass auch heute die überwiegend nichtmigrantischen Akademikereltern ein Hindernis für die Durchsetzung der Obergrenze. „Sie mögen sich für weltoffen halten, sind aber die wahren Treiber der Segregation“. 
Als in Nordrhein-Westfalen die Pflicht aufgehoben wurde, sein Kind auf eine Schule im Umkreis zu schicken, mied die bildungsbewusste deutsche Mittelschicht fortan die Schulen vor der eigenen Haustür, sofern dort Kinder aus armen und bildungsfernen Familien lernten. Auch in sozial durchmischten Stadtvierteln sind die Schulen segregiert, verantwortlich dafür sind die Eltern."
Eine Obergrenze bei 30 oder 40 Prozent ist zudem schon aus demografischen Gründen unrealistisch: Der Anteil an Kindern mit Migrationsgeschichte unter den 0- bis 15-Jährigen lag in Deutschland im vergangenen Jahr bereits bei 42,5 Prozent. Man müsste Kinder aus Bremen also nach Bautzen schicken. 

5. Was könnte helfen?

Solange es segregierte Stadtteile gibt, wird es segregierte Schulen geben. Deshalb müssten Schüler, die es herkunftsbedingt schwerer haben, stärker unterstützen: mehr Lehrkräfte, Nachhilfe, gezielte Arbeit in den Familien. Hamburg macht es vor: sogenannte Brennpunktschulen werden direkt gefördert. Ein ähnliches Programm soll für die Kitas kommen. In der frühen Bildung sehen so gut wie alle Experten das größte Potenzial. Bisher funktionieren die Maßnahmen. Selbst nach mehreren Jahren in der Kita haben viele Einwandererkinder nicht genug Deutsch gelernt, um bei der Einschulung dem Unterricht gut folgen zu können.
Der Autor fordert: „Eine gezielte Privilegierung von unterprivilegierten Schulen und Kitas – mehr Fachkräfte, attraktivere Gebäude, bessere Förderprogramme – könnte sogar für alle Eltern interessant sein. Und am Ende die Debatte über Deckel, Obergrenzen oder Quoten überflüssig machen.“

Mittwoch, 25. Juni 2025

In der analogen Welt stören Kinder immer

Der Soziologe El Mafaalani hat ein Buch über die Lage von Kindern (Minderheit ohne Schutz) geschrieben und geht dabei der Frage nach, wie man die Jugend nur so übersehen konnte. In einem Artikel im SPIEGEL und einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet er 

Minderheitenschutz für Kinder 

In seinem Artikel im SPIEGEL fordert Aladin El-Mafaalani einen Minderheitenschutz für Kinder, denn die alternde Gesellschaft ist weder kindergerecht noch ist sie gerecht zu Kindern.

Abwärtstrend in allen Bereichen 

Der Soziologe analysiert Probleme in allen Bereichen, die Kompetenzen der Schulkinder sind rückläufig, es fehlen Kita- und Schulplätze, das Armutsrisiko ist höher und auch Wohlbefinden und Gesundheit leiden. 

Ausnahme als Normalzustand 

Am Beispiel des Jahrgangs 2007 zeigt er die Probleme. Als sie acht Jahre alt waren, erlebten sie die Flüchtlingskrise, ihre Sporthallen dienten als Massenunterkünfte. Mit 13 zwang sie die Coronapandemie zum Stillstand. Sie wurden am stärksten eingeschränkt und benachteiligt.  Nach der Pandemie folgten von 2022 an der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation – und wieder Geflüchtete in den Schulen. Hinzu kommen die Klimakrise, der Aufstieg des Rechtspopulismus und gestresste Eltern und Lehrer. 

Wie konnten wir die Jungen so übersehen?

Als diese Generation die schlechtesten Ergebnisse bei der PISA-Studie seit 2000 ablieferte, wurde die nüchtern zur Kenntnis genommen. Die Ergebnisse der Europawahl wurde mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Statt zu fragen, was mit der Jugend los ist, sollten wir fragen, wie wir die Jungen nur derart übersehen konnten. 
Eine Antwort: Weil es so wenige sind, andererseits können die Eltern die Interessen nicht wirkungsvoll vertreten. Sie haben nicht die Zeit und sind ihrerseits eine demokratische Minderheit. Dies führt zu eine Form der Diskriminierung: »Adultismus«, also die strukturelle Benachteiligung der Jüngsten. 
Da die Zahl der Kinder weiter abnimmt und das Durchschnittsalter steigt, wäre ein Minderheitenschutz und zukunftsorientiertes Handeln dringender denn je. 

Mindestens fünf große Baustellen 

Der Autor identifiziert mindestens fünf zu bearbeitende Baustellen: 
Familien müssen entlastet werden: mehr Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten 
Ohne die Alten geht es nicht. Es gibt viele Ältere mit Zeit und Lebenserfahrungen: würden sie sich stärker engagieren, könnten Kindergärten und Schulen entlastet werden, auch mit materiellen Anreizen. Die vielen Alten müssen ein substanzieller Teil der Lösung werden.
Die Bildung muss erheblich gestärkt werden. Dazu zählen mehr Geld und Personal, aber auch Verantwortung. Sie müssen attraktive Lern- und Lebensorte werden.
Die Rechte von Kindern müssen explizit Verfassungsrang bekommen. Juristisch mag richtig sein, dass Grundrechte auch für Kinder gelten, Ergänzungen sind aber nicht nur ein Symbol, sondern entfalten gesellschaftliche Wirkung.
Mehr  Mitbestimmung: Demokratien haben eine schwache Zukunftsorientierung, schon bald werden die Rentner die stärkste Wählergruppe ein. Jugendliche müssten deshalb die Chance erhalten, zu politischen Akteuren zu werden. Dazu zählt eine Absenkung es Wahlalters auf 16 und ein effektiver politischer Minderheitenschutz für junge Menschen. 

Die Zukunft im Blick

Zukunftsräte mit jungen Menschen zwischen 10 und 30 Jahren sollten sämtliche wichtigen Beschlüsse im Hinblick auf Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit prüfen, diskutieren, kommentieren.
Entscheidungen würden weiterhin von den demokratisch legitimierten Parlamenten getroffen, sie müssten sich aber ständig mit den Forderungen auseinandersetzen. Die Zukunft käme in den Blick.
Viele der heute 17 und 18jährigen werden die nächste Jahrtausendwende erleben. Deshalb erscheinen diese weitreichenden Maßnahmen gerecht: Wie sollen wir diesem Zeithorizont und all dem, was da kommt, gerecht werden, wenn nicht mit extrem weitreichenden Maßnahmen?

In der analogen Welt stören Kinder immer 

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung beklagt El-Mafaalani „In der analogen Welt stören Kinder immer“.

Es gibt auch Positives 

Zu Beginn des Interview berichtet El Maffaalani über etwas Positives: Das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern sowie zwischen Enkeln und Großeltern ist derzeit sehr gut. Die reinen interaktions- und Kommunikationsphasen haben die höchsten jemals gemessenen Werte. Positiv sind auch bessere Englischkenntnisse, die haben aber wahrscheinlich nichts mit der Schule, sondern eher mit Netflix zu tun. 

Gestresste Eltern 

Die mentale Last der Eltern ist groß, trotz Neuerungen wie Elterngeld oder Rechtsanspruch auf Kitaplatz. Die höchste Müttererwerbsquote gibt es in einkommensschwachen Familie. Es geht also schlicht darum, nicht unter die Armutsgrenze zu fallen. Kinder werden oft nur noch dann wahrgenommen, wenn sie stören oder nicht funktionieren? Die digitale Welt ist längst ein Beruhigungsmittel, weil Kinder und Jugendliche zu wenige andere Möglichkeiten haben.

Zu wenig Angebote und Räume 

Der Soziologe beklagt, dass es zu wenige Räume gibt, in denen sie sich einfach mal ausprobieren oder auch nur austoben kann, sind sehr rar. Es lässt sich nicht einfach klären, ob Kinder erst verdrängt wurden und sich deshalb in die digitalen Räume zurückgezogen habe oder umgekehrt. Wenn sich Jugendliche dann mal draußen treffen, drohen die ersten mit der Polizei 

Große Heterogenität 

Die Heterogenität der Familien– die Lebensbedingungen, die Interessen, die Sprachen, die gesprochen werden, die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, die Religionen – ist so groß wie nie. Was sie allerdings alle eint: Sie haben keine Zeit.

Junge Männer wählen rechts, weil die Frauen an ihnen vorbeiziehen

Die Wahlergebnisse zeigen, dass die Wahlergebnisse auseinander gehen: Während Männer zunehmend rechts wählen, werden junge Frauen eher noch linker. Ein Grund könnte sein, dass die Frauen den Männer in vielen Bereichen überlegen sind. Allerdings fehlen verlässliche Studien. Eine weitere These ist, dass junge Menschen einfach diejenigen wählen, die sie direkt ansprechen und zumindest mal ein paar ihrer Probleme benennen. Dies ist ein Grund für die Wahl von AfD und Linken, denn die Die anderen Parteien haben junge Menschen auf eine desolate Art und Weise ignoriert. 

Kulturwandel nötig 

Auch im Interview fordert der Soziologe einen radikalen Kulturwandel: mehr teilhabe, mehr Mitbestimmung Bildungseinrichtungen sollen Familien nicht ersetzen, müssen aber Aufgaben , die 
Außerdem fordert er einen Minderheitenschutz, die mit einer besseren Wahrnehmung verbunden sein könnten. So könnten ausweisen, was Unter-30-Jähgike dazu meinen. In einigen Fällen könnte dies bedeuten: Deutschland ist dafür, aber diejenigen, die es ausbaden müssen, sind dagegen.

Freitag, 19. Juli 2024

Bildung schützt vor Dummheit nicht

In einem Beitrag im Focus rechnet der Neurowissenschaftler Henning Beck mit der Elite ab. Sie sind gefährlicher als Stammtische.

Die größten Starrköpfe findet man unter Akademikern

Ob an Berliner Unis oder in Kulturkämpfen in den USA (für Gendergerechtigkeit, für die Freiheit Palästinas oder Klimagerechtigkeit), die in den USA ausgetragen werden: Intolerante Protestformen richten massiv Schaden an. Die Zahl der Diskreditierungen und des Ausgrenzens nimmt massiv zu. Das Problem ist nicht der politische Inhalt des Protestes, sondern die Art wie er ausgetragen wird.

Herausforderungen der Debattenkultur

Eigentlich würde man von wissenschaftlich gebildeten Menschen einen zivilisierteren Umgang erwarten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die politisch intolerantesten Menschen finden Sie unter gut gebildeten Stadtbewohnern. Studien zeigen, dass Menschen mit zunehmendem Bildungsgrad politisch intoleranter und radikaler.

Bildung schützt nicht vor Radikalität

Bei vielen kontroversen Themen gibt es Gutgebildete. Sie sind schwer zu überzeugen und besonders radikal. Ein Grund: Je länger und besser Menschen mit wissenschaftlichen Fakten und argumentativen Techniken geschult werden, desto intensiver werden sich diese Menschen ihr eigenes Weltbild aufbauen.

Politische Voreingenommenheit

So führt Bildung zu Dogmatismus. Auch vermeintlich neutral Faktencheck helfen hier meistens nicht. Mit sauberen Fakten und analytischen Begründungen wird man nur wenige überzeugen. Gerade dann, wenn man ebenfalls mit Fakten und analytischen Begründungen geschult wurde.

Enttäuschung der Bildungshoffnungen

Der Autor bezeichnet es als Ironie, dass wir gehofft haben, Menschen durch Bildung offener und toleranter zu machen. Wir müssen nun feststellen: Wichtiger als eine selbstkritische Reflexion der eigenen Meinung ist der Schutz der eigenen Identität. Es wäre eine Tragödie, wenn wir wieder ein Zeitalter der wechselseitigen Intoleranz betreten.

Bescheidenheit vs. Selbstbewusstsein

Bildung muss mehr sein als ein Vermitteln von Informationen. Wissenschaft muss nach Widersprüchen suchen und Fakten in den Mittelpunkt stellen. Gute Wissenschaftler werden mit zunehmendem Wissen bescheidener, andere immer selbstbewusster. In unser Debattenkultur zählt immer mehr die plakative und robuste Schlagzeile.

Die Suche nach Bestätigung

Bei vielen Talkshows weiß man, wie sie endet - Schauen wir solche Sendungen nicht deswegen, weil man sich in seinen Ansichten bestärken will? Und liest man diesen Artikel nicht auch deswegen, weil man hofft, in seiner Position bestätigt zu werden?
Der Autor sieht darin eine Gefahr und fordert die Fähigkeit der Denkoffenheit und der Suche nach Widersprüchen im eigenen Denken zu schulen. Genau das war in der Wissenschaft immer der beste Weg. So wie mir mein Chemielehrer sagte: „Egal was du denkst, forschst oder tust – die Natur hat immer recht. Nicht du.“

Hat der Autor recht?

Der Autor gesteht ein, dass er falsch liegen könnte: „Wenn mir jemand ein besseres Argument vorlegen kann, werde ich versuchen, meine Meinung zu ändern. Ob mir das gelingt, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist schließlich außerordentlich schwer.

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Bildung: Fünf Gründe, warum deutsche Schulen heute nicht besser abschneiden

Die PISA-Studie war – mal wieder - ein Schock. Die Schüler*innen sind bei der aktuellen Bildungsstudie weiter abgestürzt. In der ZEIT nennt Martin Spiewak fünf Gründe, warum deutsche Schulen so schlecht abschneiden. Er betont aber auch, dass es positive Veränderungen gab.

Es hat sich einiges getan

Seit dem PISA-Schock 2000 hat sich einiges verbessert: Die Zahl der Grundschüler an Ganztagesschulen hat sich verzehnfacht, über 100.000 neue Erzieherinnen wurden eingestellt.
Es gibt Sprachtests vor der Einschulung, bundesweite Bildungsstandards und Leseprogramme. Die Bildungsausgaben haben sich inflationsbereinigt verdoppelt, die Klassen sind kleiner geworden.

Es reicht nicht aus

Es gibt verschiedene Gründe, warum das nicht gereicht hat: die Schülerschaft hat sich ebenso verändert wie die Welt jenseits des Klassenraums „von digitalen Medien über veränderte Familienstrukturen bis zum Arbeitsmarkt, der gering qualifiziertes Personal kaum noch braucht.“ Gleichzeitig sind die Anforderungen immer größer geworden – sie gelten als „Generalreparaturbetrieb“ für viele Missstände.

Die Schulen haben sich nicht gewandelt wie die Gesellschaft

Die Autoren nennen fünf Gründe, warum sich Schulen nicht in der gleichen Geschwindigkeit verändert haben.

1. Gaaanz laaaangsam

Bis zu 200.000 lese- und rechenschwache Schülerinnen und Schüler verlassen pro Jahr die Schule. Es dauerte aber 20 Jahre bis sich die Kultusminister auf eine Leseinitiative geeinigt haben. Auch ein lange erprobtes Mathekonzept soll erst 2024 starten. Weltweit haben die Schließungen durch das Coronavirus zu einem Kompetenzeinbruch geführt. Deutschland war aber besonders schlecht auf Onlineunterricht vorbreitet, bis heute fehlen WLAN und Tablets.

2. Basteln statt Lernen

Die deutschen Kitas verstehen sich immer noch nicht als Bildungshäuser. Gerade für Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, wäre frühkindliche Bildung enorm wichtig. Zusätzliches Geld für die frühkindliche Bildung wurde zudem nicht in erster Linie in die Qualität der Kitas investiert. Stattdessen wurden Milliarden für mehr Plätze und sinkende Beiträge ausgegeben. Das half dem Geldbeutel von Mittelstandseltern, aber nicht der Chancengleichheit. Auch beim Ausbau von Ganztagesschulen gibt es nachmittags vor allem Bastel-Gruppen und Fußball-AGs, dadurch werden weder Bildungsungerechtigkeiten abgebaut noch zu Lernzuwächsen geführt.

3. Vorsicht vor den Bildungsbürgern

Experten fordern seit langem, Brennpunktschulen gezielt zu fördern: mit mehr Lehrkräften, kleineren Klassen, Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Der Mut an anderen Stellen zu sparen, z.B. bei den Gymnasien, fehlt jedoch – die Politik möchte keine Diskussionen mit Bildungsbürgern. Der Lehrermangel verschärft neuerdings die Ungleichheiten, da an Brennpunktschulen mehr Unterricht ausfällt und mehr Quereinsteiger beteiligt sind.

4. Routine, Routine, Routine

Erneut haben asiatische Länder im internationalen Vergleich überragend abgeschnitten. Diese haben weniger Migranten zu integrieren, dennoch lohnt sich ein Blick auf den Unterricht. Es gibt Unterrichtseinheiten für das ganze Land und gegenseitige Lernkultur. In Deutschland hat sich wenig verändert. Noch heute ist der Matheunterricht auf Rechnen und nicht mathematisches Denken ausgerichtet. Auch bei der Sprachförderung hapert es, eine Grundvoraussetzung für den Lernerfolg.

5. Geld, mehr Geld!

Die Bildungspolitik hat auf Wachstum gesetzt: mehr Kita-Plätze, mehr Zeit in der Schule, mehr Geld. Auf ein Mehr kann man sich schnell einigen. Es reicht aber nicht, einfach mehr Geld auszugeben. Deutschland hat in der Bildung in erster Linie weder ein Erkenntnis- noch ein Finanzproblem. Es mangelt an der Bereitschaft, das Notwendige zu benennen, und am Mut, es umzusetzen.

Montag, 11. September 2023

Was tun gegen die Bildungsmisere in Deutschland?

Der renommierte Bildungsforscher El Mafaalani schreibt in der Süddeutschen Zeitung über Lehrermangel und die Bildungsmisere
Um Wirtschaft und Sozialstaat aufrechtzuerhalten, müsste das Schulsystem das Potenzial von allen voll ausschöpfen. Die Hauptprobleme sind aus seiner Sicht:

  • Das deutsche Schulsystem kann mit Heterogenität traditionell nicht gut umgehen.
  • Jedes Jahr scheitern 5-10 % im und am System
  • Wir geben zu wenig Geld aus und setzen das Geld nicht richtig ein.


Baustelle 1: Kindheit und Familie im Wandel

Ein großer Teil der Kinder wächst behütet auf, mehr als jedes vierte Kind wächst hingegen in prekären Verhältnissen. Diese brauchen wesentlich mehr Unterstützung. Durch Migration hat sich durch Migration stark verändert, bundesweit haben mehr als 40 Prozent der Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund. Auch das Familienleben hat sich verändert: Patchworkfamilien, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit Kindern und alleinerziehenden Elternteilen, aber auch zunehmend erwerbstätige Eltern.
Die Schulen sind auf diese Heterogenität kaum vorbereitet, ebenso wie auf die digitale Welt, in der die jungen Menschen leben. Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, bedeutet heute etwas ganz anderes als im 20. Jahrhundert.

Baustelle 2: Demografischer Wandel

Wir können auf keines der wenigen Kinder verzichten. Es geht deshalb um die Befähigung für eine hochkomplexe Zukunft. In Schulen herrscht häufig Mangelverwaltung, Kinder und Jugendlichen wurden bereits während der Pandemie am stärksten belastet. Es müssen kinder- und jugendgerechte Räume geschaffen werden, in denen für alle alles erlebbar ist, was unsere Gesellschaft Positives zu bieten hat - Sport, Musik, Kunst und Kultur, Botanik, Technik und so weiter.
Kein Kind darf zurückgelassen werden, schon weil sie in den kommenden 15 Jahren zwei sogenannte Babyboomer ersetzen - und dann dauerhaft Wirtschaft und Sozialstaat aufrechterhalten.

Baustelle 3: Finanzierung

Bildungsinstitutionen müssen immer mehr leisten, die Ausgaben steigen nur moderat. Das wenige Geld wird nicht richtig eingesetzt. Ausgerechnet Grundschulen sind unterfinanziert, ein Ort, an dem alle Kinder gemeinsam lernen, Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt und Benachteiligung bekämpft werden können. Geld wird vor allem für die Besoldung der Lehrkräfte ausgegeben, kaum auf multiprofessionelle Teams. Außerdem sind Schulen überreguliert. Deshalb fragt der Autor:

Wozu Schule?

Eine moderne Gesellschaft leistet sich ein Schulsystem mit Schulpflicht für alle, weil es die funktionalste Möglichkeit ist, die Gesellschaft stabil zu halten. Die letzten großen Reformen bezogen sich auf einen Anspruch auf einen Kita-Platz und einen Ganztagsplatz in der Grundschule. Das Ziel war, dass beide Eltern eine Erwerbsarbeit nachgehen können. Aber die Frauenerwerbsquote steigt nicht wie erhofft, weil Plätze fehlen oder Verlässlichkeit und Qualität für viele Mütter und Väter nicht akzeptabel erscheinen. Ein insgesamt vernachlässigtes System leidet zusätzlich unter Fachkräftemangel und soll sich riesigen Herausforderungen stellen.

Starkes Signal nötig

Wie in anderen Bereichen hält er ein Sondervermögen für notwendig. Allerdings können marode System nicht mal verlässlich Geld ausgeben.  Wenn die Hütte brennt, sind alle zu stark mit kurzfristigem Feuerlöschen beschäftigt und haben kaum Kapazitäten für schnelle konzeptionelle Zukunftsplanungen.
Nötig sind Fortbildungssysteme für Lehrkräfte, verbesserte Arbeitsbedingungen, freie Geldmittel für Schulen, und eine Reduktion der Belastung der Lehrkräfte durch Verwaltungsassistenten.
Bildung müsste Chefsache sein, denn „Was ist wichtiger als das zukünftige Humankapital und die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt?