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Sonntag, 9. August 2026

Weltweiter Geburtenrückgang - gar nicht so schlimm?

In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten. 

Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!

Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT  die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen. 

Weltweit gehen die Geburtsraten zurück 

Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten. 
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt. 

Warum kriegen die Leute weniger Kinder?

Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.

Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum 

Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen. 

Unterschiede zwischen Wunsch und Realität 

Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt. 

Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen

Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei. 

Gesellschaften können sich arrangieren

Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen. 
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.

Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente

Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.

Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?

Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht. 

Unsicherheit in diesen Zeiten 

Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder. 

Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus

Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt. 

Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten 

Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“

Dienstag, 21. Oktober 2025

Sterben soziale Medien?

Die ZEIT beschreibt das nachlassende Interesse an sozialen Medien. Stirbt Social Media? In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein u.a. ein Seminar zu sozialen Medien. 

Mehr Zeit am Smartphone – aber weniger Anteil für sozialen Medien 

Menschen in Deutschland verbringen immer mehr Zeit am Smartphone – sie hat sich auf täglich zwei Stunden verdoppelt, kaum gestiegen ist jedoch die tägliche Social-Media-Nutzung. Dies zeigt sich besonders bei den 16 bis 24jährigen, deren Nutzungsdauer bei sozialen Medien kaum mehr steigt. Ältere Menschen sind hingegen - auf deutlich niedrigerem Niveau - mehr auf sozialen Medien unterwegs. 

Haben soziale Medien ihren Zenit überschritten?

Viele Menschen haben auf Facebook, Instagram und Co. nicht mehr so viel Spaß. Der Wunsch seine Meinung zu teilen und neue Kontakte knüpfen sind gesunken, die Menschen suchen Inspiration oder folgen Promis und Influencern. Soziale Meiden werden immer weniger für das verwendet, was ihnen einst den Namen gab: für den sozialen Aspekt. Diese Kontakte verlagern sich auf die Messangerdienste, so nutzen über 80 % WhatsApp. 

Können Plattformen sich nur noch gegenseitig die Nutzer wegnehmen 

Die Autoren verweist auf die die Obergrenze der Mediennutzungsdauer: Wer zur Schule geht, einen Job oder Kind oder Angehörige betreut kann nicht endlos durch soziale Medien swipen. Viele Nutzer sagen, dass sie die Zeit eher reduzieren wollen. Die Plattformen brauchen Wachstum für ihren Erfolg – und können nur durch hippere Angebote die Aufmerksamkeit an sich reißen. 

Haben die Formen ihre Dienste „verschlimmscheißert“

Die Autoren schließt mit der These des Internetkritikers Cory Doctorow. Er sagt die Techfirmen hätten ihre Dienste „verschlimscheißert“ – im Zuge des Geldverdienens haben sie jene vergessen, für die sie ihre Produkte einst gebaut haben – die Nutzerinnen und Nutzer. Es könnte sein, dass denen das langsam auffällt. 

Freitag, 17. Oktober 2025

Kulturkämpfe aufgeben und praktischen Fragen nachgehen

Detlef Esslinger fordert in der Süddeutschen Zeitung, dass die Politik Kulturkämpfe aufgeben und sich lieber simplen und praktischen Fragen kümmern soll. Ob es um Zuwanderung geht oder Rente, um Israel oder Putin: Viel zu oft leistet sich das Land ein Moralspektakel. Wer zur Einheit beitragen will, gibt die Kulturkämpfe auf und geht lieber den simplen und praktischen Fragen nach. 

In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein u.a. ein Seminar zum Kulturkampf. 

Soziale Medien ermöglichen Kulturkämpfe

Noch sind in Deutschland Menschen in der Lage, miteinander ein Gespräch zu führen. Der Diskurs ist nicht durch konkrete Probleme bedroht, sondern durch einen Kulturkampf, den Populisten und andere Glücksritter erfolgreich angezettelt haben.
Dank der sozialen Medien kann man schnell den Unmut loswerden. Früher musste man Briefe schreiben, also „technisch viel zu aufwändig". Dennoch hält der Autor Raufbolde wie Franz Josef Strauß und Herbert Wehner, die oft nostalgisch verklärt werden, für entbehrlich. 

Kulturkämpfer wollen ein Moralspektakel

Der Philosoph Philipp Hübl nennt die Akteure „Polarisierungsunternehmer“. Kulturkämpfer drehen eine Heizungs- in eine Bevormundungs- und Enteignungsdebatte. Sie sortieren jeden, der sich zu Russland äußert, entweder in die Kategorie Kriegstreiber oder Putinversteher. Die Post bieten keine Argumente, sondern rufen zur Stammesbildung auf. Sie wollen, den Eindruck zu erwecken, die Gesellschaft sei gespalten, „obwohl das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht“. 

Dauerempörung über Pseudo-Grundsatzfragen 

Die Dauerempörung führt dazu, dass sich ausgerechnet die Vernünftigen aus der öffentlichen Debatte zurückziehen. Kulturkämpfer wollen die Probleme nicht lösen, sondern bewirtschaften. Der Verzicht auf Argumente ist für sie kein Mangel, sondern Konzept. Die Debatten sind oft Pseudo-Grundsatzfragen wie die Frage über Stra0ennahmen. 

Innerdeutsche Entspannungspolitik 

Der Autor fordert eine innerdeutsche Entspannungspolitik und Debatten über praktische Fragen: Wie viele und welche Zuwanderer werden gebraucht, wenn die Hubers und Maiers nicht mehr reichen, um S-Bahn-Strecken zu bauen und Alte zu pflegen? Wir sollten auf Moralspektakel verzichten: Eine pragmatische Gesellschaft ist immer auch eine gelassene Gesellschaft.

Freitag, 19. September 2025

Nils Kumkar über Polarisierung: Wir müssen Konflikte austragen

Nils Kumkar hat ein Buch über Polarisierung. In einem Interview und einer Rezension berichtet. Polarisierung ist auch ein wichtiges Thema bei meinen Seminaren zu gesellschaftlichen Themen. 

"Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen"

In einem Interview im SPIEGEL bezweifelt der Soziologe Nils C. Kumkar, dass die ideologischen Gräben in Deutschland immer tiefer werden – und fordert, Konflikte auszutragen. 

Es gibt keine grundsätzliche Polarisierung 

Das Konzept der Polarisierung wird herangezogen, um Probleme zu erklären. Kumkar bestreitet dies, da sich die Menschen in vielen Punkten weitgehend einig sind, z. B. zu unterschiedliche Lebensformen oder die Haltung zum Schwangerschaftsabbruch. Auch beim Streitthemen, gibt es nicht zwei Großgruppen, bei denen eine offene Grenzen überall und die andere Einwanderung komplett ablehnt. 

Affektive Polarisierung nimmt zu, wird aber überschätzt 

Affektive Polarisierung bedeutet, dass sich die politischen Lager immer stärker ablehnen. Diese nimmt zu, aber auch diese wird überschätzt. Dies hatte auch schon Steffen Mau in ihrem Buch Triggerpunkte beschrieben: Es ist eine gefühlte Polarisierung, aber keine reale. 
Diese Arbeiten haben auch gezeigt, dass Andreas Reckwitz mit seiner Analyse „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nicht recht hat: Die Gesellschaft zerfällt nicht in die Grünen-wählenden Latte-Schlürfer in Berlin oder Hamburg und die AfD-wählenden Wutbürger in Cottbus oder Görlitz.

Kommunikative Polarisierung 

In seinen Forschungen hat Kumkar herausgefunden, dass es bei den Menschen nicht so sehr um Politik, sondern um Kommunikation geht. Sie beklagen, dass man früher trotz unterschiedlicher Meinung miteinander reden konnte und die nicht mehr so ist. Er nennt dies kommunikative Polarisierung. Ein Konflikt zwischen Extremmeinungen wird oft nur unterstellt.
Als Beispiel nennt er den Beschluss der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die entschieden hatte, am Christopher Street Day keine Regenbogenflagge zu hissen. Sie positioniert sich zwischen zwei Lagern, die sich gar nicht zu Wort gemeldet habe. 
Eine kommunikative Polarisierung hält er für unvermeidlich, denn moderne Politik operiert über Konflikt. Auch Medien prämieren Konflikt – mit Aufmerksamkeit, in Talkshows oder Leitartikeln. Es knallt dauernd, weil das auch unterhaltsam ist.

AfD als Fundamentalopposition 

Die AfD hat es geschafft, sich als Fundamentalopposition zu präsentieren. Die anderen Parteien machen dabei mit – so der Ministerpräsident von Brandenburg Dietmar Woidke, der mit der Parole „Wir gegen die“ die Wahlen gewonnen hat. Diese Polarisierung hat die Wahlbeteiligung erhöht. Die Ergebnisse der Bundestagswahl bei jungen Menschen zeigen, dass diese weniger Skrupel haben, extreme Parteien zu wählen. 

Soziale Medien als wichtiger Faktor 

Es gibt Selbstbestätigungszirkel, in denen sich Menschen nur mit Meinungen umgeben, die ihr eigenen widersprechen. Viele nutzen aber Meiden auch, um sich über Unterschiede zu informieren. Meinungen richten sich an vermeintlichen Extremen aus, viele sehen sich selbst in der Mitte und halten die anderen für Extremisten.
Die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf hat gezeigt, wie über soziale Medien eine Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht verhindert werden kann. Kumkar betont aber, dass nicht nur die AfD auf Polarisierung setzt, denn auch Linke setzten auf Konflikt: Verbraucher gegen Konzerne, Mieter gegen Vermieter. 

Gegensätze offenlegen und Konflikte suchen 

Kumkar fordert, dass Politik und Gesellschaft keine Scheu haben sollten, Gegensätze offenzulegen und Konflikte zu suchen – auch wenn sie polarisieren. Neben Migration fordert er auch Diskussionen über Klimapolitik, sozialer Ungleichheit, Wohnungspolitik. Da gibt es Interessenkonflikte, und die gilt es auszutragen. Seine Schlussfolgerung: Wir sollten uns trauen zu polarisieren: Die Demokratie hält nicht, weil alle sie und einander gut finden. Die Demokratie hält, weil und wenn sie sich darin bewährt, mit Uneinigkeit umzugehen.

Wem nützt Polarisierung?

Peter Laudenbach stellt in der Süddeutschen Zeitung das Buch von Nils Kumkar vor.

Polarisierung als Aufmerksamkeitsverstärker 

Kumkar untersucht nicht die Streitthemen, sondern die Wahrnehmung: Wovon reden wir, wenn wir von Polarisierung reden? Die Pole von Debatten stellen ein Magnetfeld dar, das die gesamte Debatte strukturiert. Dabei stehen die meisten Menschen in der Mitte. Treiber dieser Dramaturgie sind die Funktionsweisen sozialer Medien. Die Polarisierung sind Aufmerksamkeitsverstärker, Interpretationsschema oder Mittel zur Komplexitätsreduktion: Richtet sich die Debatte an zwei entgegengesetzten Polen aus, ist sie gleich viel übersichtlicher.

Konflikte sind der Normalfall 

Konflikte sind für Kumkar ein Kennzeichen liberaler Demokratie und nicht unbedingt ein Krisensymptom – sondern der Normalfall. Polarisierung ist kein Grund zur Panik, sondern hochfunktional und unvermeidlich. Politische Wirkung entwickelt, wer die Streitthemen setzt – und seien es alberne Petitessen wie die Verwendung geschlechtergerechter Sprache im amtlichen Schriftverkehr.

AfD nutzt Themen zur Polarisierung 

Für die AfD läuft alles nach Plan und nutzt die Konflikteskalation als Selbstzeck: Wir gegen alle anderen. Deshalb wirken die Forderungen nach „inhaltlich stellen“ ins Leere. Die AfD wird jedes Reiz- und Triggerthemen durch ein weiteres ersetzen. Auch wenn kein einziger Migrant mehr nach Deutschland kommen sollte, wird sich das Polarisierungsunternehmen AfD nicht auflösen, sondern die Leerstelle mit anderen Feindbildern besetzen. Die AfD wendet sich gegen die Spielregeln, gegen die Politik und das System. Sie beteiligen sich an der Debatte um den Debattenraum zu zerstören. 


Mittwoch, 8. Januar 2025

Zuckerbergs Richtungswechsel: Weiter wie gehabt ist auch keine Option

Sascha Lobo schreibt im SPIEGEL über Mark Zuckerbergs Richtungswechsel: Weiter wie gehabt ist auch keine Option. 

Die sozialen Medien sind kaputt

Mark Zuckerbergs Abschied vom Faktencheck und Hinwendung zur freien Meinungsäußerung hat viel Kritik nach sich gezogen. Ihm wurde vorgeworfen, sich Trump anzunähern. Für Lobo sind die sozialen Medien ohnehin dysfunktional. Um den Problemen wie Hassrede und Propaganda zu bewältigen brauche man neue Wege.

Plattformen als Schiedsrichter der Wahrheit

Eine der Begründungen von Zuckerberg war, dass die bisherigen Filtersysteme nicht besonders gut funktionieren. Auch viele Netzaktivisten hatten dies unter dem Vorwurf des Overblockings eingebracht. Lobo wundert sich, dass diese nun kritisieren, dass die Filter abgeschafft werden.
Zuckerberg sagte in seiner Rede, dass soziale Medien nicht Schiedsrichter der Wahrheiten sein sollten. Faktisch sind Plattformen aber dazu geworden, da von staatlicher Seite oft eine Wahrheit gefunden werden musste – schon aufgrund der drohenden hohen Strafen.

Meinungsfreiheit für Trumps Gegner?

Lobo fragt, ob Zuckerbergs Beharren auf Meinungsfreiheit für Trumps Gegner noch wichtig sein könnte. Er vermutet aber, dass sich Zuckerberg Verschiebung eher damit zu tun hat, dass Trump Lüge als politischen Instrument nutzen. Seine Einlassung, dass Trump gegen Zensur kämpft, bezeichnet er als Unfug. „Niemand wird begeisterter zensieren als die Trump-Regierung.
An der Dysfunktionalität der bisherigen Systeme ändert das allerdings wenig, denn die haben mehr schlecht als recht versucht, die gröbsten Desinformationen irgendwie zu unterbinden – und sind massiv gescheitert.

Enorm erfolgloser Kampf gegen Hass

In Deutschland war der Kampf nicht erfolgreich. Besonders nach dem 7. Oktober 2023 haben sich eine unfassbare Zahl und Qualität von Menschenfeindlichkeit gegeben. Auch wenn die neue  Herangehensweise an Trump orientiert ist, wird das alte System nicht plötzlich großartig. Lobo fordert, dass man Zuckerbergs Vorgehen von den tatsächlichen Probleme trennt. Er bezweifelt, dass die neue Herangehensweise besser funktioniert. „Nur ganz so Elon-Musk-haft einfach, wie es gerade oft dargestellt wird, ist es eben auch nicht.“

Freitag, 22. November 2024

Soziale Medien verbieten schützt die Jugend nicht

Anna Lea Jakobs argumentiert in der Süddeutschen Zeitung, dass Verbote von sozialer Medien keine Lösung sind.

Verbote sind nicht die richtige Antwort

Australien hat Jugendlichen unter 16jährigen die Nutzung sozialer Medien verboten. Begründet wird dies mit der Sorge um die Sicherheit und psychischen Gesundheit. Auch andere Länder planen Verbote. Die Autorin kritisiert dies, denn die Medien verbieten unter 13-jährigen ohnehin die Nutzung. Mit dieser Regelung schließt 13- bis 15-Jährige von wichtigen sozialen Interaktionen ausschließt.

Verbot ein tiefer Einschnitt in die Autonomie junger Menschen 

Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen sind komplex und auf eine Vielzahl an Faktoren zurückzuführen. Dass die sozialen Medien eine Epidemie mentaler Krankheiten verursachen, lasse sich nicht nachweisen. Ein Verbot, das einen tiefen Einschnitt in die Autonomie eines jungen Menschen bedeutet, ist daraus kaum zu rechtfertigen. Die richtige Forderung wäre deshalb: Eine moderate Nutzung ist sinnvoll, eine zu hohe aber nicht – und gar keine auch nicht. Möglicherweise würden sie „verdeckte und nicht regulierte Onlineräume“ gedrängt würden. Diese könnte man dann vermutlich noch schwerer regulieren.

Bildung und Aufklärung für eine angemessene Nutzung

Die richtige Lösung sieht die Autorin in besserer Kontrolle der Plattformen und in der Aufklärung: Jugendliche und ihre Eltern sollten wissen, wie man mit Meiden umgehen. Es ist die große Versuchung der Erwachsenen, der Jugend etwas zu verbieten. Das war schon immer so. Und es ist wiederum genauso eine Tatsache, dass die Jugend immer kreative Wege finden wird, um diese zu umgehen.

Freitag, 20. September 2024

Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

Der SPIEGEL fragt angesichts von Messerattacken, Beleidigungen und Cybermobbing: Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

„Verrohung“- gab es auch früher

Der Artikel beginnt mit der Beschreibung von wütenden Bürger, die sich über „Gammler“ aufregen – im Jahr 1967. Eine Verrohung kann man der Gesellschaft nicht vorwerfen – sie war seit etlichen Jahren bereits so.
Zwischen 1991 und 1993 wurden in Deutschland an diversen Orten Flüchtlingsunterkünfte attackiert. Menschen verbrannten. Und 1996 fragte der SPIEGEL, ob die Gesellschaft verroht.
Ein Blick in die 1930er zeigt noch mehr Gewalt – und führte in die Grausamkeit des 2. Weltkriegs.

»99,8 Prozent aller Menschen sind wertschätzend, respektvoll und verhalten sich anständig«,

Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt, dass die Welt viel positiver ist als es in den Medien rüberkommt und die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen sich wertschätzend verhält.
Unser Gehirn sorgt mit einem alarmistischen Grundzustand für den Eindruck, dass das Negative überwiegt. Über die Vergangenheit liegt ein farbiger Filter – auch das ein Selbstschutz, damit das Gewesene nicht zu einem Mühlstein um den Hals wird.

Problematischer Begriff Verrohrung

Auch Konstanze Marx-Wischnowski hält den Begriff Verrohung für problematisch. Ihr Forschungsgebiet – Gewalt in der digitalen kommunikation – zeigt jedoch üble Auswüchse in sozialen Medien. Dennoch betont sie: Beleidigungen, Schmähreden und übelste Verunglimpfungen hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Neu ist die „Vergemeinschaftung der Gewalt“ – der Wunsch sich gegenseitig mit enthemmtem Verhalten zu überbieten.

Awareness und Sensibilität haben zugenommen

Angestiegen ist auch die Awereness, das Bewusstsein dafür, dass eine Situation nicht okay ist, oder sogar aus dem Ruder läuft und Eingreifen erfordert. Sie führt auch dazu, dass viele Verrohung erst erkannt werden. Auch deshalb gibt es eine gefühlt höhere Verrohung: heute gilt vieles als Verrohung, was früher als normal empfunden worden wäre. Neben denen die Krawall schlagen, gibt es auch Menschen die engagiert dagegenreden. Auch die Sensibilität hat zugenommen, stellt die Forscherin fest. So warnt sie ihre Studenten vor den Vorlesungen über die Inhalte.

Dienstag, 18. Juni 2024

Halbgare Aktentaschen-Witze auf TikTok reichen der Jugend nicht

Sascha Lobo kommentiert im SPIEGEL das AfD-Ergebnis bei der Europawahl und warnt, dass halbgare Witze auf TikTok nicht ausreichen.

Junge Menschen werden nicht wahrgenommen

Der Autor vertritt die „unpopuläre Meinung“, dass er erstaunt ist, dass nur 17 Prozent der jungen Menschen AfD gewählt haben. Er sieht seit Jahren eine Verbreitung von rechten Stimmungen, wie etwa Antifeminismus, sozialdarwinistische Libertäre und natürlich auch offener Rassismus, siehe Sylt. Er hält die Entscheidung der Jugend für katastrophal falsch und menschenfeindlich – ihre Wut und die anderen Empfindungen aber sind gut nachvollziehbar. Sie werden strukturell diskriminiert, ihre Prioritäten nicht gesehen, und sie werden selten ernst genommen.

Verbot von TIkTok keine Lösung

Kurz nach der Wahl forderten manche ein Verbot von TikTok, da dort häufig populistische Themen verbreitet werden. Er bezeichnet diese Forderung als „folgerichtig“, weil man die Schuld auf das böse TikTok aus China schieben kann. Das Wahlergebnis ist ein Symptom, ein Teil der Jugendlichen wählen aus Rache, Trotz, Zynismus gegen das ganze System.

Gründe für die Wut

Gründe für diese Wut gibt es genug:

Mieten

Durch die Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus und fragwürdige Baupolitik sind die Mieten explodiert. Zu hohe Mieten und zu knapper Wohnraum münden oft in der Aussichtslosigkeit, in eine Stadt zu ziehen und eigene Wohnung zu stehen. Die Wohnfrage gehört zu den größten Zumutungen von Politik und Gesellschaft gegenüber der Jugend. In Verbindung mit Flüchtlingen eignet sich das Thema auch ideal für Populismus.

Pandemie

In der Pandemie wurde wenig auf die Jugend Rücksicht genommen. Während Abgeordnete für Maskendeals nicht bestraft werden und sogar das Geld behalten durften, wurden Jugendliche bei Fehlverhalten während des Lockdowns im Park gejagt. Auch wenn viele Maßnahmen nachvollziehbar sind, war es falsch, die Jugend (und auch die Eltern) mit den extremen Belastungen komplett allein zu lassen – auch das hat eine Abkehr vieler junger Menschen bewirkt.

Digitalisierung

Der seit Jahrzehnten beschämende Zustand der deutschen digitalen Infrastruktur hat unmittelbare Auswirklungen auf die Zukunftschancen junger Menschen: von der Bildung über die Justiz und das Gesundheitssystem bis zur Verwaltung die Dysfunktionalität uralter Strukturen und absurder Überbürokratie spürbar wird.

Sparwut

Die Schuldenbremse und die damit verbundene Sparwut gehört für den Autor zu „den giftigsten politischen Sondermüll-Hinterlassenschaften der Merkel-Jahre.“ Sie verhindert die notwendigen Investitionen in Bildung, Verwaltung und Infrastruktur. Für viele ist ein ausgeglichener Haushalt wichtiger als ein funktionierendes Land.

Integration und Migration

Junge Menschen erleben im Alltag vermutlich häufiger als durchschnittliche Erwachsene, dass ein Teil der Integration spürbar gescheitert ist und noch weiter scheitert. Niemand fordert Konsequenzen „außer der AfD, die mit rassistischem, menschenfeindlichem Remigrationsmüll um die Ecke kommt.“ Diese Debatte muss man führen: „Wenn zu viele Linke und Demokrat:innen die Integrationsproblematik ignorieren, wird das Thema viel zu oft rassistisch von rechts diskutiert, was die entsprechenden Kräfte stärkt.

Zukunftsunsicherheit

Angesichts des Zustands der Welt ist die Verunsicherung, die Zukunftsangst und das Gegenwartshadern der Jugend leicht nachvollziehbar sein. Für junge Menschen war es schon immer eine Herausforderung, ihren Platz in der Welt zu finden. Mit Inflation, Klimakatastrophe, Inflation und Entwicklungen wie künstlicher Intelligenz trifft es diese Generation aber besonders hat.

Nicht in die Wut- und Hassspirale geraten

Lobos letztem Abschnitt ist fast nichts hinzuzufügen: „Das Angebot, das Olaf Scholz der Jugend gegen die bohrende Zukunftsunsicherheit macht, sind zwei halbgare Aktentaschengags auf TikTok. Es ist nie, nie, nie richtig, eine rechtsextreme Nazi-Partei zu wählen. Aber wir als Zivilgesellschaft, als liberale Demokratie müssen der Jugend Gründe geben, gar nicht erst in die Wut- und Hassspirale zu geraten, die bei vielen die Wahlentscheidung für Rechts begünstigt.“

Montag, 26. Februar 2024

Das Ende von sozialen Medien?

Lars Weisbrod sieht in der ZEIT das Ende der sozialen Medien.

Die Party ist schon längst zu Ende

Anhand von drei Meldungen zeigt der Autor, dass wie bei einer zu Ende gehenden Party noch viele da sind, die Stimmung aber nicht mehr da ist.
Viele seriöse und zahlungskräftige Anzeigenkunden meiden inzwischen den Kurnachrichtendienst X.
Der Algorithmus von Meta schlägt den Nutzern in Zukunft keine "politischen Inhalte" mehr vor, sofern die Nutzer nicht ausdrücklich zugestimmt haben.
Das US-amerikanische Marktforschungsinstitut Gartner schätzt, dass bis zum Jahr 2025 die Hälfte der Verbraucher ihren Social-Media-Konsum erheblich einschränken oder ganz aufgeben wird.

Der Reiz ist vorbei

Für viele jungen Menschen ist Facebook uninteressant geworden. Noch fehlen die Belege, aber viele haben das Bauchgefühl, dass der Reiz vorbei ist. Die Autoren zitieren einen Bericht im Economist, der argumentiert, dass die ganze Magie entstand, weil man persönliche Interaktionen kurzgeschlossen hatte mit massenmedialer Kommunikation. Dies zerfällt nun (wieder) – in seinen sozialen und seinen medialen Teil.

Veränderungen im Nutzerverhalten

Jüngere nutzen mittlerweile BeReal und kommunizieren mit ihren Freunden statt mit allen anderen Internetnutzern. Auch andere Nutzer ziehen sich in geschlossene WhatsApp-Gruppen zurück und zeigen ihre Status-Updates lieber im engen Kollegenkreis aus und nicht mehr mit der ganzen Welt.
Dies zeigt sich auch sprachlich. Facebook machte aus Freunden Follower, bei Apps wie BeReal trifft die Bezeichnung wieder zu.

Nicht mehr mit der ganzen Welt kommunizieren

Lange Zeit gab es den Traum mit der ganzen Welt zu kommunizieren. Twitter und Instagram wurden zu den Leitmedien der Zehnerjahre aufstiegen, zu den Prototypen dessen, was wir unter Social Media verstehen. Plötzlich hielten sich mehrere Milliarden Menschen für Prominente, für Experten, für Trendsetter." Dieser Trend ist nicht verschwunden: auch heute noch hört man von neuen TikTok-Stars, die aus ihren Kinderzimmern heraus ein Millionenpublikum erreichen. Die Rollen sind aber mittlerweile klar getrennt. Man nutzt die App entweder als Sender oder Empfänger; nur selten ist man beides zugleich.

Postsoziale Medien

Jeder bekommt weiterhin, was er vorher angeschaut haben. Das Teilen spielt aber keine große Rolle mehr. Soziale Medien waren einst darauf angewiesen, dass ich interagiere; nur dann konnten die Algorithmen wissen, was mir gefällt. Postsoziale Medien wissen, was mir gefällt, selbst wenn ich passiv bleibe. Es dreht sich mittlerweile nicht mehr um Freunde oder Follower, sondern um Mini-Videos, "mit denen Nutzer ihre überhitzten, verwirrten Gehirne ruhigstellen". Und wer das nicht will und echten Austausch bevorzugt, der zieht sich zurück in kleine, geschlossene Räume.

Kommt die nächste Wende?

Postsoziale Medien werden auf Dauer nicht die gleiche Kraft entfalten wie soziale Medien. Der Autor verweist auf eine weitere Entwicklung: Bibliotheken sind wieder belegt, ironischerweise auch durch das Stichwort BookTOk auf Tiktok
So finden die Jüngeren ihren Weg zurück in die Gutenberg-Galaxis. Als hätten die TikTok-Nutzer beschlossen: Wenn wir uns sowieso wieder in Sender und Empfänger spalten, oder, anders formuliert, in Autor und Leser, dann können wir gleich zurückkehren zum gedruckten Buch, das diese Unterscheidung einst begründete.