Seine Texte waren nicht immer einfach zu verstehen, Jürgen Habermas war aber ohne Frage einer der wichtigsten Denker der Bundesrepublik. Bis zuletzt haben seine Beiträge Diskussionen ausgelöst, wie z.B. zum Ukraine Krieg und Europa. Auch die Bundesrepublik verstand Habermas wie niemand anders, wie Tobias Rapp in seiner Würdigung im SPIEGEL deutlich macht.
Eine Welt in Auflösung
Es war einsam geworden um ihn. Seine Tochter und seine Frau starben in den letzten Jahren, aber auch die Reaktionen auf seine Artikel haben ihn befremdet. Sein Tod steht auch für das Ende einer Epoche: Nämlich die der alten Bundesrepublik Deutschland, deren Gepflogenheiten und Selbstverständnis die Wiedervereinigung gut überlebten und die dann doch bis weit ins neue Jahrtausend hereinreichten.
Habermas als der Erklärer der Bundesrepublik
Habermas hat die Geschichte der Bundesrepublik wie kaum ein anderer erklären können
Er war bereits Professor, als die 68er Proteste begannen, schreib aber die Texte, die zur Zeit passten. Begriffe wie „herrschaftsfiere Diskurs“ oder Verfassungspatriotismus schafften es in den Diskurs. Die Frankfurter Schule, geprägt unter seinem Lehrer Adorno wäre nicht so einflussreich gewesen. Während das Denken von Adorno und Horkheimer durch die Katastrophen ihres Lebens beeinflusst war, wuchs Habermas in der wohlhabenderen und liberaleren Bundesrepublik auf. Er war ein Denker des Gelingens.
Die befreiende Kraft des Wortes
Er selbst nannte als Motiv die befreiende Kraft des Wortes – auch wenn seine Texte schwer zu verstehen waren. Er fragte nach den Bedingungen des emanzipierten Lebens: Wie kann das Individuum sich entfalten? Was heißt das überhaupt? Wie muss eine Gesellschaft gestaltet sein, um das zu ermöglichen? Welche Rolle spielt die Sprache dabei? Er war Modernist und glaubte an die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Fortschritts. Dieses Projekt der Moderne wollte er verteidigen: durch herrschaftsfreie Kommunikation und eine lebendige demokratische Öffentlichkeit.
Die Erfahrung einer ganzen Generation
Habermas wurde mit einer Gaumenspalte geboren, die mehrere Operationen nach sich zog. Ebenso prägend war die Erfahrung der um 1929 geborenen: Jung genug, um nicht mehr selbst im Krieg gekämpft und schlimme Erfahrungen gemacht zu haben – und alt genug, um zu verstehen, dass sich ihnen nun die Welt öffnete.
Ein kluger und mächtiger Netzwerker
Seine Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« war ein überraschender Erfolg. Er wurde ein kluger und mächtiger Netzwerker, zunächst in Starnberg, später in Frankfurt, also sein Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ entstanden ist. Er wollte an eine Tradition anknüpfen, die die Nazis zerstört haben. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn die Mördern waren noch überall. Verbunden fühlte sich Habermas den USA, er integrierte den amerikanischen Pragmatismus ins deutsche Geistesleben.
Der zwanglose Zwang des besseren Arguments
Für Adorno gab es kein richtiges Leben im falschen. Die gesellschaftliche Totalität ist die Katastrophe, der Kapitalismus, der Terror der verwalteten Welt. Aus diesem Zusammenhang gibt es kein einfaches Entkommen. Für Habermas ist diese Aussage zunächst ein Satz und die Sprache selbst Anlass zur Hoffnung: Immer wenn wir meinen, was wir sagen erhaben wir für das Gesagte einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Im Idealfall kann der „Zwanglose Zwang des besseren Arguments“ zur Geltung kommen – wenn die Geltungsansprüche aller berücksichtigt sind.
Diese „ideale Sprachsituation“ bildete den Kern seiner Philosophie und seines Konzepts der deliberativen Demokratie: Nicht die Mehrheitsentscheidung sei in der Demokratie zentral, sondern dass der Weg dorthin durch einen offenen und rationalen Diskurs geprägt sei. Daher auch die Bedeutung der Öffentlichkeit in Habermas Denken, nur Bürgerinnen und Bürger, die ausgewogen informiert seien, könnten diesen Prozess tragen. Die Medien, die Zivilgesellschaft.
Begleiter aller Debatten in Deutschland
Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Entwicklungen der letzten Jahre mit Wutbürgern und MAGA-Bewegung für Habermas schmerzlich
Der Fokus auf Verständigung und Kompromiss war ein Abbild für die Bundesrepublik – nach Jahrhunderten des Obrigkeitsstaats und des Gehorsams. Er hat alle zentralen Debatten begleitet. Am Anfang ist er sehr kritisch: Er ist gegen die Wiederbewaffnung und den Aufbau der Bundeswehr, gegen den Kanzler Adenauer und seine restaurative Politik. Die Reform des Bildungssystems war ihm ein wichtiges Anliegen. Als Vordenker der Studentenbewegung für den Terror der RAF verantwortlich gemacht wurden, wehrte sich Habermas. Er verteidigte die liberale Ausrichtung, argumentierte gegen Berufsverbote: Mutig – aber schon deutlich staatstragender.
Wie stehen wir zur Vergangenheit?
Beim Historikerstreit 1986 widersprach er dem konservativen Historiker Ernst Nolte, der die Verbrechen der Nazis nur als Imitation von Stalins Verbrechen sah. Habermas nahm dies zum Anlass die Auseinandersetzung über die Identität des Landes zu suchen:: Wie stehen wir zur Vergangenheit? Was für ein Verbrechen war der Holocaust? Kann dieses Verbrechen jemals vergehen? Was heißt das für die Identität der Bundesrepublik Deutschland? Das liberale Laer gewann diesen Konflikt, der direkt zur Debatte über das Verhältnis zu Israel und der Staatsräson führt.
Debatte um Europa
Intensiv beteiligte er sich um die Debatte über Europa: Er hatte die Hoffnung, dass Europa und die USA die Menschenrechtsordnung weltweit durchsetzen könnten. Er glaubte aber nie an das Ende der Geschichte und sah das Ende des Westens als gemeinsamer politischer Raum mit Stahlkraft für den Rest der Welt. Seine Hoffnung auf Verrechtlichung ist hinfällig: Der Westen ist kaputt, Amerika bis auf Weiteres als Leuchtturm der Hoffnung verloren, Europa schwach.
Was bleibt? Bleibt was?
Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, wie man die Geschichte der Bundesrepublik beurteilt. Wenn man sagt, die Gegebenheiten waren günstig und die richtigen Personen auf den richtigen Posten – dann bleibt nicht viel vom Werk von Habermas. Man kann die deutsche Geschichte aber auch als Lehrstück für die Welt sehen. Wie ein Land, das eines der größten Menschheitsverbrechen begangen hat, aus dem Schatten dieser Tat treten kann. Wie man aus der Vergangenheit lernen und streiten kann. Bei Habermas war nie etwas perfekt – alles sind immer kleine Schritte, Mühen auf einer großen Ebene.
Gesellschaften, die an den Fortschritt glauben
Aktuell erscheint der Pessimismus zu überwiegen, aber das muss nicht so bleiben: Aber das muss nicht so bleiben. Gesellschaften, die wachsen wollen, die an den Fortschritt glauben und daran, dass darüber gestritten werden kann, wie dieser aussieht: Möglicherweise werden sie wieder zu den Büchern von Jürgen Habermas greifen.