In der ZEIT erschienen zwei Essays, die sich mit dem Geburtenrückgang weltweit und in Deutschland beschäftigen. Während Mark Schieritz das gar nicht so schlimm findet, betont Bernd Ulrich, dass weniger Babys nicht nur weniger Rente bedeuten.
Weniger Kinder? Gar nicht so schlimm!
Mark Schieritz beschreibt in der ZEIT die vielfältigen Gründe für den Rückgang an Geburten. Dies führt zu Veränderungen, Gesellschaften können sich aber auch an sinkende Geburtenzahlen anpassen.
Weltweit gehen die Geburtsraten zurück
Am Beispiel von Berlin zeigt Schieritz, wie sich die Geburtenrate verändert hat. Galt der Prenzlauer Berg vor einigen Jahren noch als Babyhochburg, gibt es heute freie Plätze in Kindertagesstätten.
Dieses Phänomen wird von unterschiedlichen Akteuren beklagt, im Artikel werden der eher links stehende Marce Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Elon Musk zitiert, der befürchtet, dass die Zivilisation zerbröselt.
Warum kriegen die Leute weniger Kinder?
Anders als von den ersten Bevölkerungswissenschaftler erwartet, hat der Anstieg der Zahl der Menschen nicht zu einer Massenverarmung geführt. Der Wohlstand ist gestiegen, dennoch sind die Geburtenraten gesunken. Sie liegen heute bei 2,1 Kinder. Den Zusammenhang kann man an einigen Beispielen aufzeigen: In Indien sinkt die Geburtenraten in den reichsten Regionen, während sie in den ärmsten immer noch bei fast 3 Kindern pro Frau erreicht. Luxemburg, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der Europäischen Union.
Politische Maßnahmen beeinflussen die Familienplanung kaum
Politische Maßnahmen führen kaum zu Veränderungen der Geburtenrate. Die Einführung des Elterngelds in Deutschland 2007 führte kurzfristig zu einem Anstieg, mittlerweile geht es wieder abwärts. Trotz großzügiger Regelungen mit Elterngeld und guter Betreuungsquote liegt die Geburtenrate in Schweden unter der von Deutschland. Selbst in einer Diktatur wie China gelang es dem Staat nicht, die Ein-Kind durch eine Drei-Kind-Politik zu ersetzen.
Unterschiede zwischen Wunsch und Realität
Laut Umfragen wünschen sich die Menschen mehr Kinder, als sie tatsächlich haben. Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass man in einer realen Welt nicht alles zugleich haben kann. Selbst bei idealen Bedingungen für ein (weiteres) Kind, ist die Abwägung, ob eine größere Wohnung und der Urlaub noch finanzierbar bleiben. Die Geburtenrate ist in erfolgreichen Volkswirtschaften, in denen Frauen gut ausgebildet sind und frei entscheiden können, besonders niedrig. Der Experte Adair Turner sieht darin ein Produkt der Moderne und kein Missstand, den es zu beheben gilt.
Die Entscheidung für weniger Kinder hat Konsequenzen
Diese Einwicklungen haben Konsequenzen. Es gibt weniger jungen Menschen, die die Rente alter Menschen finanzieren und folglich Debatten über die Lebensarbeitszeit. Wenn die Bevölkerung schrumpft, wird weniger Wohnraum benötigt. In der Vergangenheit hat dies zu Machtverschiebungen geführt. Nach der Pest im 14. Jahrhundert gab es weniger Bauern und Handwerker – die Überlebenden nutzten ihre Verhandlungsmacht und trugen zum Niedergang des Feudalismus bei.
Gesellschaften können sich arrangieren
Der Autor nennt Japan als Beispiel für eine Gesellschaft, die sich arrangiert haben. In Japan arbeiten 35 Prozent der 70 bis 74jährigen, in Deutschland weniger als 10 %. Vielleicht ist das eine sinnvollere Strategie als auf Veränderungen durch familienpolitische Maßnahmen zu hoffen.
Am Prenzlauer Berg hat dies nicht funktioniert. Erstmals wurden Kindertagesstätten geschlossen, Erzieherinnen wurden arbeitslos, dafür fehlen 1000 Altenpfleger.
Weniger Babys heißt nicht nur weniger Rente
Bernd Ulrich sieht in der ZEIT in der Verunsicherung der Gesellschaft eine entscheidende Rolle für den Bevölkerungsrückgang. Die Menschheit steht vor einer ökologischen und demografischen Krise - eine Wende ist dringend nötig.
Vergeht unserer Gesellschaft das Lachen?
Bernd Ulrich verweist auf die zahlreichen Untersuchungen, die sich mit den vielfältigen Gründen für den Bevölkerungsrückgang beschäftigt. Er lobt den Beitrag von Mark Schieritz, weil er nicht in das Wehklagen über das Aussterben des eigenen Volkes einstimmt, sondern Vorteile benennt. Allerdings bezweifelt er, ob die Vorteile die Nachteile aufwiegen: Vielleicht findet man leichter eine Wohnung, aber schwerer einen Handwerker oder gar einen Pfleger. Auch atmosphärisch wird sich etwas verändern. Ein Vorschulkind lacht 400mal am Tag, ein Erwachsener, der Bevölkerungsrückgang könnte dazu führen, dass unserer Gesellschaft das Lachen vergeht.
Unsicherheit in diesen Zeiten
Wie Schwanitz verweist auch Ulrich darauf, dass weltweite Förderprogramme nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt haben und betont China, dessen Drei-Kinder-Politik sogar zu einem Tiefpunkt der Geburtenrate führte. Ulrich kritisiert jedoch die Argumentation, da Schwanitz gleich auf die Vorteile zu sprechen kommt. Zur Lösung von Problemen muss es andere Lösungen als den Rückzug der Gattung Mensch geben. Schwammig ist auch die These der „Unsicherheit in diesen Zeiten“, die immer wieder genannt wird. Forscher sehen in Smartphones und virtuellen Welten eine Ursache: Menschen kämen kaum mehr zusammen, allerdings bezeichnet Ulrich auch diese Erklärung als „leichtgewichtig“ angesichts der Schwere der Entscheidung für oder gegen Kinder.
Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus
Den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Kindern und den tatsächlich geborenen Kindern (Fertility Gap) bringt Ulrich zur These Privatoptimismus versus Gesellschaftspessimismus: Die Kluft zwischen dem individuellen Glück und der Zuversicht der Menschen gegenüber der düsteren Erwartung für die Welt.
Soziale Medien regulieren und ökologische Wende einleiten
Ulrich zieht hier eine Verbindung zur ökologischen Katastrophe: Gibt die Menschheit die Vermehrung auf, da sie zeitglich beschlossen hat, in die ökologische Katastrophe zu gehen. Klimaschutz spielt kaum eine Rolle mehr, denn viele finden Wirtschaft in Krisenzeiten wichtiger. Seine Forderung: Wenn wir verhindern wollen, dass die Menschen nicht vergeht müssen wir die sozialen Medien regulieren und eine ökologische Wende einleiten. „Die Sache ist eilig: Nicht weil die Menschen alsbald ausstürben, sondern weil die Menschheit dabei ist, die Lust an sich selbst zu verlieren.“