In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung analysiert der renommierte Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani die Ergebnisse der Pisa-Studie.
Der Abschwung war zu erwarten
El-Mafaalani ist über den Abschwung nicht überrascht, andere Untersuchungen haben diesen Trend bereits bestätigt. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung sogar noch beschleunigt. Die Leistung hat auch in Hamburg nachgelassen – bisher eine Ausnahme bei den Bundesländern – und Kindern von Akademikern. Sein bitteres Fazit: „Im Prinzip gibt es überhaupt nichts, was nicht nach unten deutet.“
Soziale Medien und Pessimismus
Der Soziologe nennt zwei Faktoren außerhalb des Bildungssystems, die diesen Abwärtstrend erklären können:
Der Pisa-Knick, der sich bis heute fortsetzt, begann Anfang der 2010er Jahre – genau die Zeit, in der Smartphones und soziale Medien populär wurden. Er betont, dass dies Verbreitung auch bei Eltern negative Folgen hat.
Ein weiterer Grund ist der Pessimismus: Die Ergebnisse werden schlechter, weil alle glauben, dass es schlechter wird. Besonders für Kinder aus schwierigen Verhältnissen ist das problematisch: von ihnen wird weniger erwartet und sie haben den Eindruck, dass die Erwachsenen nicht an sie glauben.
Superdiversität in der Gesellschaft und an den Schulen
Seit der ersten Pisa-Studien hat sich die Migration vervielfacht. Andere Länder zeigen, dass man dennoch gute Ergebnisse erzielen kann. Das deutsche Schulsystem hat sich zwar verbessert, passt aber nicht zu den heutigen Anforderungen.
Die Gesellschaft ist heterogener geworden. Neben Migration prägen unterschiedliche Familienformen das Bild. Superdiversität beschreibt die Herausforderungen für Behörden, soziale Dienstleistungen für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen anzubieten. Auch Schulen müssen sich mit dieser „Superdiversität“ auseinandersetzen.
Nachholarbeit als Aufgabe der Schule
El-Mafaalani vergleicht die Situation eines Kindes nach längerer Krankheit. In vielen Ländern ist es Aufgabe der Schulen, dass das Kind wieder folgen kann. In Deutschland ist diese Nachholarbeit traditionell Aufgaben der Eltern. Andere Systeme verzichten auch auf Selektionsprozesse wie Sitzenbleiben oder Schulwechsel: Dies könnte eine Erklärung sein, warum diese Länder besser mit Heterogenität klarkommen.
El-Mafaalani fordert ein Sondervermögen für Bildung und mehr Freiraum für Schulen: sie sollen eigenes Geld bekommen, um gezielt fördern zu können. Dies wirke besser, als wenn Kinder den Stempel „sonderpädagogischer Förderbedarf“ benötigen, um Unterstützung zu bekommen.
Kein Grund für Überheblichkeit
Deutschland sollte mehr nach anderen Ländern schauen, für die bisherige Überheblichkeit gibt es keinen Grund. In China und Japan wird Mathe mit dem Ziel unterrichtet, dass das Niveau hoch ist und zugleich alle mitkommen. Anders als oft unterstellt – andere Länder haben davon gelernt.
Dies gilt besonders für die Selektion – die meisten Länder, die in der Pisa-Studie besser abschneiden, sind inklusiv. Er kritisiert das „Schulkorsett“, das Schulen verbietet von Regeln abzuweichen. Beispielsweise könnten die Grundschuljahre anders organisiert werden, wenn sich die Stärksten langweilen, während die Schwächsten sitzen bleiben. Er plädiert nicht für einen permanenten Regelbruch: Besser wäre es, wir würden daraus ein flächendeckendes Prinzip machen.