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Mittwoch, 10. Januar 2024

Jugendkriminalität: Die Mär von der kriminellen Jugend

Philipp Kollenbroich beschäftigt sich im SPIEGEL mit der Jugendkriminalität und kritisiert „die Mär von der kriminellen Jugend“.

Kriminalität bei Jugendlichen ist gestiegen

Die Zahlen von Straftaten, die durch Jugendliche begangen werden, sind gestiegen: Ladendiebstahl auf über 46.000 von 27.000 im Jahr 2021. Hierzu kamen Einzelfälle, die viel Aufmerksamkeit erregten: Silvester in Berlin-Neukölln und die strafunmündigen Mädchen, die eine zwölfjährige erstochen haben. Zwar hatten Experten nach Corona nach einem Anstieg gerechnet, die Zahlen gingen aber deutlich über das Vor-Corona-Niveau hinaus.

Das Zahlenwerk hat Tücken

Ein Teil der Zunahmen geht schlicht auf Gesetzesverschärfungen zurück. So fallen etwa Jugendliche, die ein Nacktfoto von sich selbst verschicken, bereits unter den geänderten Kinderpornografie-Paragrafen. Auch der Straftatbestand der Bedrohung wurde erweitert. Deshalb messen Kriminologen aus Hannover anders: Sie befragen Schüler nach ihren Erfahrungen als Täter oder Opfer. Bei der Polizeistatistik können Veränderungen durch verändertes Anzeigeverhalten oder stärkeren Kontrollen Veränderungen hervorbringen.

Jugend sind weniger gewalttägig

Nimmt man die Zahl der Forscher ist die Jugend in Deutschland danach über die vergangenen 15 Jahre signifikant weniger gewalttätig geworden. Der Gesamtindex Gewalt fiel von 7,5 auf 6,4 Prozent. Lediglich der Ladendiebstahl ist angestiegen, bei anderen Delikten ist die Zahl konstant oder rückläufig.

Was die Polizei sieht

Der Artikel berichtet über die Polizeiarbeit in manchen Stadteilen. Beamte werden beleidigt, die Menschen solidarisieren sich gegen die Polizei. Die Straftaten gingen oft wie Wellen durchs Viertel, vom selben Delikt viele zugleich. Insgesamt sehen die befragten Beamten keinen Unterschied zur Vor-Corona-Zeit.

Gründe für die Differenzen zur Kriminalitätsstatistik

Die Forscher nennen zwei Gründe für die Unterschiede zwischen den Statistiken: Durch die Zuwanderung leben deutlich mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland. Auch wenn sie kriminell wären wie der Durchschnitt, steigt die absolute Zahl der Straftaten. Der andere Faktor sind Nachholeffekte nach Corona. „Das Austesten von Grenzen wird nachgeholt“. Dieser Faktor könnte in den Folgejahren wieder geringer werden.

Was Sozialarbeiter erleben

Der Artikel beschreibt einen Jugendarbeiter, der Polizisten zu einem Gespräch in ein Jugendzentrum eingeladen hat. Eigentlich war ein Gespräch über Messer geplant, aber es ging weniger darum, worüber gesprochen wird – sondern dass überhaupt gesprochen wird. Da die Beamten in Zivil auftraten konnten die Kinder ihr negatives Bild hinterfragen. Der Sozialarbeiter betont, dass es wenig Gewalt, aber sehr wohl Probleme gibt: Das Schulsystem passe für viele Jugendliche hier nicht, die Klassen seien zu groß, es fehle an Unterstützung. In der Jugendarbeit entstand deshalb eine Idee, negative Gefühle auszuleben: Boxhandschuhe und ein Boxsack: Die Aggression, so die Idee, ist weiterhin da, aber sie landet im Boxsack. Und nicht in der Polizeilichen Kriminalstatistik.
 

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Bildung: Fünf Gründe, warum deutsche Schulen heute nicht besser abschneiden

Die PISA-Studie war – mal wieder - ein Schock. Die Schüler*innen sind bei der aktuellen Bildungsstudie weiter abgestürzt. In der ZEIT nennt Martin Spiewak fünf Gründe, warum deutsche Schulen so schlecht abschneiden. Er betont aber auch, dass es positive Veränderungen gab.

Es hat sich einiges getan

Seit dem PISA-Schock 2000 hat sich einiges verbessert: Die Zahl der Grundschüler an Ganztagesschulen hat sich verzehnfacht, über 100.000 neue Erzieherinnen wurden eingestellt.
Es gibt Sprachtests vor der Einschulung, bundesweite Bildungsstandards und Leseprogramme. Die Bildungsausgaben haben sich inflationsbereinigt verdoppelt, die Klassen sind kleiner geworden.

Es reicht nicht aus

Es gibt verschiedene Gründe, warum das nicht gereicht hat: die Schülerschaft hat sich ebenso verändert wie die Welt jenseits des Klassenraums „von digitalen Medien über veränderte Familienstrukturen bis zum Arbeitsmarkt, der gering qualifiziertes Personal kaum noch braucht.“ Gleichzeitig sind die Anforderungen immer größer geworden – sie gelten als „Generalreparaturbetrieb“ für viele Missstände.

Die Schulen haben sich nicht gewandelt wie die Gesellschaft

Die Autoren nennen fünf Gründe, warum sich Schulen nicht in der gleichen Geschwindigkeit verändert haben.

1. Gaaanz laaaangsam

Bis zu 200.000 lese- und rechenschwache Schülerinnen und Schüler verlassen pro Jahr die Schule. Es dauerte aber 20 Jahre bis sich die Kultusminister auf eine Leseinitiative geeinigt haben. Auch ein lange erprobtes Mathekonzept soll erst 2024 starten. Weltweit haben die Schließungen durch das Coronavirus zu einem Kompetenzeinbruch geführt. Deutschland war aber besonders schlecht auf Onlineunterricht vorbreitet, bis heute fehlen WLAN und Tablets.

2. Basteln statt Lernen

Die deutschen Kitas verstehen sich immer noch nicht als Bildungshäuser. Gerade für Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, wäre frühkindliche Bildung enorm wichtig. Zusätzliches Geld für die frühkindliche Bildung wurde zudem nicht in erster Linie in die Qualität der Kitas investiert. Stattdessen wurden Milliarden für mehr Plätze und sinkende Beiträge ausgegeben. Das half dem Geldbeutel von Mittelstandseltern, aber nicht der Chancengleichheit. Auch beim Ausbau von Ganztagesschulen gibt es nachmittags vor allem Bastel-Gruppen und Fußball-AGs, dadurch werden weder Bildungsungerechtigkeiten abgebaut noch zu Lernzuwächsen geführt.

3. Vorsicht vor den Bildungsbürgern

Experten fordern seit langem, Brennpunktschulen gezielt zu fördern: mit mehr Lehrkräften, kleineren Klassen, Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Der Mut an anderen Stellen zu sparen, z.B. bei den Gymnasien, fehlt jedoch – die Politik möchte keine Diskussionen mit Bildungsbürgern. Der Lehrermangel verschärft neuerdings die Ungleichheiten, da an Brennpunktschulen mehr Unterricht ausfällt und mehr Quereinsteiger beteiligt sind.

4. Routine, Routine, Routine

Erneut haben asiatische Länder im internationalen Vergleich überragend abgeschnitten. Diese haben weniger Migranten zu integrieren, dennoch lohnt sich ein Blick auf den Unterricht. Es gibt Unterrichtseinheiten für das ganze Land und gegenseitige Lernkultur. In Deutschland hat sich wenig verändert. Noch heute ist der Matheunterricht auf Rechnen und nicht mathematisches Denken ausgerichtet. Auch bei der Sprachförderung hapert es, eine Grundvoraussetzung für den Lernerfolg.

5. Geld, mehr Geld!

Die Bildungspolitik hat auf Wachstum gesetzt: mehr Kita-Plätze, mehr Zeit in der Schule, mehr Geld. Auf ein Mehr kann man sich schnell einigen. Es reicht aber nicht, einfach mehr Geld auszugeben. Deutschland hat in der Bildung in erster Linie weder ein Erkenntnis- noch ein Finanzproblem. Es mangelt an der Bereitschaft, das Notwendige zu benennen, und am Mut, es umzusetzen.

Mittwoch, 8. November 2023

Die Rettung der Welt hat längst begonnen

Ullrich Fichtner schreibt immer wieder tolle Essays im SPIEGEL. In einem aktuellen Beitrag geht es um Klimakrise, erneuerbare Energien und Artenvielfalt. Seine These „Die Rettung der Welt hat längst begonnen“.
Fichtner wendet sich gegen die verdrießliche, bisweilen hysterische Grundstimmung. Die Zukunft ist offen, mit Disruptionen ist jederzeit zu rechnen. Er will nichts verharmlosen und kritisiert „das bewusstlose Verfeuern und Verbrauchen fossiler Brenn- und Rohstoffe in unvorstellbarem Ausmaß". Der Mensch ist der große Störfaktor in einer eigentlich heilen Welt.

Blick auf das Gelingende

Es braucht bessere, ruhigere Debatten und einen Blickwechsel, ein grundsätzlich verändertes »Framing«. Die Blindheit für alles Gelingende führt zu einem Zerrbild der Welt, das mit der Wirklichkeit nicht viel gemein hat. Politische Projekte und deren Umsetzungen regelmäßig mit »zu wenig, zu spät« abzutun ist völlig apolitisch – und ein schleichendes Gift, an dem die Demokratie an und für sich krank wird. In Forschung und Wissenschaft, in Wirtschaft und Gesellschaft, in der Politik, in der Staatenwelt herrscht vielerorts Aufbruchstimmung

Das epochale Klimaabkommen von Paris

Der Autor bezeichnet das Klimaabkommen von Paris als das größte politische Experiment aller Zeiten. Sie startete einen Umbau, der bereits Erfolge zeigt.
Ein Land wie Kenia bezieht seine Energie schon heute zu 90 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Auch andere Länder versuchen eine Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Überall auf der Welt ist das Thema angekommen, Universitäten richten Lehrstühle ein, Konzerne und die Finanzindustrie steuern um.

Aufbruchstimmung in vielen Bereichen

Der Umbruch verbindet sich mit unerhörten neuen Möglichkeiten einer neuen industriellen Revolution. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ermöglichen die Lösungen, die mit bisherigen Mitteln unlösbar waren. Auch in Naturwissenschaft und Medizin gibt es Durchbrüche in vielen Bereichen: Energie­-gewinnung und Städtebau, Verkehr und Infrastruktur, Industrieproduktion, Landwirtschaft, Arbeit, Alltag und auch die Kunst – alles ist in Bewegung.

Stürmische, harte und überraschende Tage

Ein heute geborenes Kind wird jedenfalls am Silvesterabend 2099 auf den Beginn des 21. Jahrhunderts so blicken, wie die Kinder des 20. ins 19. Jahrhundert zurückgeschaut haben: fasziniert davon, wie stürmisch und grundlegend sich die Welt geändert hat, wie schnell die Lebenswelten und -weisen der Vorfahren fremd geworden sind.
Die Zukunft ist offen: Es kommen härtere Tage, gewiss, aber es werden auch gänzlich überraschende anbrechen. Die Menschen als „Choreografen der Natur“ haben die Möglichkeit zur Gestaltung: „Wird alles ganz furchtbar? Oder auch wunderbar? Wir werden es erleben.“

Samstag, 14. Oktober 2023

Das Gift, das bleibt: Vom Verfall der politischen Kultur

Hilmar Klute beklagt in der Süddeutschen Zeitung den Verfall der politischen Kultur: Ob im Bierzelt, im Parlament oder in den sozialen Medien: Überall schleicht sich gerade der Hass ein. Und das liegt längst nicht nur an der AfD.

AfD als Verbreiter von Gift

Im Wahlkampf gab es Gerüchte über einen Giftanschlag auf AfD-Sprecher Tina Chrupalla. Dies erwies sich als falsch. Umso mehr Gift ist in den Reden der AfD: Es ist das Gift der Lüge, der vorsätzlichen Falschinformation und der Diffamierung. Das Gift der Verächtlichmachung und der Verhöhnung demokratischer Ordnung. Es ist ein Gift, das sich als wirksamer gezeigt hat, als mancher es vor Kurzem noch glauben mochte. Sie sorgen für eine Zuspitzung der Begriffe von den „Systemparteien“ oder die angebliche „Umvolkung“ durch die Migration.

Die Lust an der Eskalation befeuert auch das autoritäre Denken

Diskussionen werden zunehmend über soziale Medien wie Twitter geführt. Hier gilt „Affekt statt komplizierter Gedanken“: Man kann Zitate aus Zusammenhängen herauskoppeln, vermeintlich verräterische Aussagen rot einkreisen und Aussagen anderer diskreditieren. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer sieht „durch das Einbringen autoritärer Elemente zu einem aggressiven, vergifteten Klima in der politischen Öffentlichkeit beitragen“.

Aus Gegnern werden Feinde, die zum Schweigen gebracht werden sollen

Den Gegner selbst mit den unlautersten Mitteln lächerlich zu machen, ist eine Taktik, mit der sich der Hass in bitteren Humor kleiden und windschnittiger machen lässt. Aber das Gift wirkt und wird weitergeleitet:
Aber nicht durch die AfD geht diesen Weg, sondern auch Publizisten wie Roland Tichy, der mit seiner eigenen Online-Publikation für permanenten Zorn sorgt. Hubert Aiwanger will die Demokratie zurückholen, Friedrich Merz sieht Berlin nicht als Teil von Deutschland: Die politische Sprache leitet das Gift der Verachtung und des Hasses in die Köpfe selbst einstmals christlich-liberal denkender Bürgerinnen und Bürger.

Warnende Worte durch Heinrich Mann

„Treibt man den Hass zu weit, fällt er zurück auf den Hasser und hält ihn besessen an Leib und Seele.“ schrieb Heinrich Mann bereits 1933. Er hoffte auf den Skeptizismus der Menschen, die sich die Tobenden zur Ordnung rufen. „Ein überspannter Hass ist nicht gesund und unwürdig deiner Intelligenz“. Klute ist skeptisch, ob dies heute noch wirken könne: Einen Satz wie diesen würde mancher heute vermutlich als „Gruß aus dem Elfenbeinturm“ seinen Followern hämisch zum Fraß vorwerfen.

Montag, 11. September 2023

Was tun gegen die Bildungsmisere in Deutschland?

Der renommierte Bildungsforscher El Mafaalani schreibt in der Süddeutschen Zeitung über Lehrermangel und die Bildungsmisere
Um Wirtschaft und Sozialstaat aufrechtzuerhalten, müsste das Schulsystem das Potenzial von allen voll ausschöpfen. Die Hauptprobleme sind aus seiner Sicht:

  • Das deutsche Schulsystem kann mit Heterogenität traditionell nicht gut umgehen.
  • Jedes Jahr scheitern 5-10 % im und am System
  • Wir geben zu wenig Geld aus und setzen das Geld nicht richtig ein.


Baustelle 1: Kindheit und Familie im Wandel

Ein großer Teil der Kinder wächst behütet auf, mehr als jedes vierte Kind wächst hingegen in prekären Verhältnissen. Diese brauchen wesentlich mehr Unterstützung. Durch Migration hat sich durch Migration stark verändert, bundesweit haben mehr als 40 Prozent der Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund. Auch das Familienleben hat sich verändert: Patchworkfamilien, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit Kindern und alleinerziehenden Elternteilen, aber auch zunehmend erwerbstätige Eltern.
Die Schulen sind auf diese Heterogenität kaum vorbereitet, ebenso wie auf die digitale Welt, in der die jungen Menschen leben. Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, bedeutet heute etwas ganz anderes als im 20. Jahrhundert.

Baustelle 2: Demografischer Wandel

Wir können auf keines der wenigen Kinder verzichten. Es geht deshalb um die Befähigung für eine hochkomplexe Zukunft. In Schulen herrscht häufig Mangelverwaltung, Kinder und Jugendlichen wurden bereits während der Pandemie am stärksten belastet. Es müssen kinder- und jugendgerechte Räume geschaffen werden, in denen für alle alles erlebbar ist, was unsere Gesellschaft Positives zu bieten hat - Sport, Musik, Kunst und Kultur, Botanik, Technik und so weiter.
Kein Kind darf zurückgelassen werden, schon weil sie in den kommenden 15 Jahren zwei sogenannte Babyboomer ersetzen - und dann dauerhaft Wirtschaft und Sozialstaat aufrechterhalten.

Baustelle 3: Finanzierung

Bildungsinstitutionen müssen immer mehr leisten, die Ausgaben steigen nur moderat. Das wenige Geld wird nicht richtig eingesetzt. Ausgerechnet Grundschulen sind unterfinanziert, ein Ort, an dem alle Kinder gemeinsam lernen, Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt und Benachteiligung bekämpft werden können. Geld wird vor allem für die Besoldung der Lehrkräfte ausgegeben, kaum auf multiprofessionelle Teams. Außerdem sind Schulen überreguliert. Deshalb fragt der Autor:

Wozu Schule?

Eine moderne Gesellschaft leistet sich ein Schulsystem mit Schulpflicht für alle, weil es die funktionalste Möglichkeit ist, die Gesellschaft stabil zu halten. Die letzten großen Reformen bezogen sich auf einen Anspruch auf einen Kita-Platz und einen Ganztagsplatz in der Grundschule. Das Ziel war, dass beide Eltern eine Erwerbsarbeit nachgehen können. Aber die Frauenerwerbsquote steigt nicht wie erhofft, weil Plätze fehlen oder Verlässlichkeit und Qualität für viele Mütter und Väter nicht akzeptabel erscheinen. Ein insgesamt vernachlässigtes System leidet zusätzlich unter Fachkräftemangel und soll sich riesigen Herausforderungen stellen.

Starkes Signal nötig

Wie in anderen Bereichen hält er ein Sondervermögen für notwendig. Allerdings können marode System nicht mal verlässlich Geld ausgeben.  Wenn die Hütte brennt, sind alle zu stark mit kurzfristigem Feuerlöschen beschäftigt und haben kaum Kapazitäten für schnelle konzeptionelle Zukunftsplanungen.
Nötig sind Fortbildungssysteme für Lehrkräfte, verbesserte Arbeitsbedingungen, freie Geldmittel für Schulen, und eine Reduktion der Belastung der Lehrkräfte durch Verwaltungsassistenten.
Bildung müsste Chefsache sein, denn „Was ist wichtiger als das zukünftige Humankapital und die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Donnerstag, 17. August 2023

Früher war nicht alles besser

Bereits 2020 hatte das ZDF mit einer Sendung unter dem Titel „Früher war alles besser! Oder?  mit einigen Fehleinschätzungen aufgeräumt. Nun ist eine neue Ausgabe unter diesem Titel erschienen und fragt, ob früher alles besser war: Das eigene Haus erschwinglich, Autos hochwertiger, die Mode mutiger – und man durfte noch sagen, was man denkt. Oder?

Früher war nicht alles besser

Auch wenn viele Deutsche es glauben – früher war nicht alles besser. Unseren oft nostalgisch verklärten Erinnerungen stellt die Dokumentation überraschende Fakten gegenüber. Diese Verzerrung der Erinnerung ist eher die Regel als die Ausnahme. Eine Neurowissenschaftlerin Maren Urner beschreibt den Mechanismus der Vergangenheitsverklärung als rationale Gedächtnisleistung unseres Gehirns: "Für ein gelungenes Selbstbildnis baut unser Gehirn eine eher positive Zusammenfassung unserer bisherigen Erfahrungen zusammen. Dagegen schauen wir meist kritischer in die Gegenwart, als es nötig ist – reine Vorsichtsmaßnahme."

Früher durfte man noch sagen, was man denkt?

Der Abschnitt über die (fehlende) Meinungsfreiheit ist die brisanteste These. Laut Umfragen glauben 38 % der Bevölkerung, dass man nicht mehr sagen kann, was man denkt. Diese Aussage ist besorgniserregend genug, früher war aber nicht alles besser: In Zeiten der Nazi- oder DDR-Diktatur konnten abweichende Meinungen im Gefängnis enden und auch im Westen gab es auch Probleme. Wer in den Sechzigern eine eher linke Gesinnung hatte, musste mit Widerständen rechnen, ab 1972 beendete der Radikalenerlass manche Lehrerkarriere.

Haus erschwinglicher, Autos hochwertiger, Mode mutiger?

Auch die anderen Themen der Sendung relativieren gängige Vorurteile. Trotz der aktuell enorm gestiegenen Kosten für das Eigenheim war es früher nicht besser: die Kosten sind zwar erheblich gestiegen, die Einkommen aber auch. Der Umgang mit Geld hat sich verändert, Kredite waren verpönt. Dass Autos für die „Ewigkeit“ konstruiert waren („läuft und läuft und läuft“), stimmte nicht mal für den Käfer; der Rost sorgte unerbittlich dafür, dass die Lebensdauer der Fahrzeuge überschaubar war. Und auch über Mode wurde schon immer geschimpft: Vor 60 Jahren haben die Alten über den Minirock geschimpft: Sie hielten das Kleidungsstück für ein Zeichen von Unzucht.

Vortrag zum Thema

Der Filmbeitrag von 2020 hat mich auf die Idee gebracht, ein Seminar zu diesem Thema anzubieten. Jetzt war es endlich soweit – bei einem Vortrag für den Treffpunkt Mozartstraße konnte ich das Thema vorstellen.
 

Donnerstag, 20. Juli 2023

Gewalt in Freibädern: Nicht abtauchen!

Nicht abtauchen“ fordert Mariam Lau in der ZEIT angesichts der Gewalt in Freibädern. Unterstützung fordert sie aber für alle Bedrohten.

Schwimmbäder als Paradiese der Demokratie

Schwimmbäder können kleine Paradiese der Demokratie sein, denn alle gesellschaftlichen Gruppen kommen zusammen – meistens läuft es ja auch gut. Schlimm hingegen die Randale im Neuköllner Columbiabad. Opfer der Gewalt sind oft Menschen mit Migrationshintergrund, sie leiden auch unter der Schließung.
 

Umstrittene Forderungen nach Schnellverfahren

Lau verteidigt die Forderung des neuen CDU-Generalsekretärs nach schnellen Verfahren: Wer andere brutal im Schwimmbad fertigmacht, dann aber monatelang unbehelligt bleibt, wird wohl kaum begreifen, dass er etwas Fundamentales verletzt hat: Da Vertrauen sich im öffentlichen Raum sicher bewegen zu können. Vertrauen in den Staat – d.h. ausreichend Personal – darf auch was kosten, auch wenn das Schnellverfahren auf unstrittige Fälle beschränkt sein muss.
 

Recht und Ordnung für alle Gruppen

Ein Grund für den Erfolg der CDU in Berlin war die Forderung nach Recht und Ordnung – auch viele Deutschtürken und Deutscharaber hängt das Macho-Gebaren zum Hals raus. Allerdings wünscht sich die Autorin das gleiche Engagement bei Angriffen auf Schwule, Behinderte oder Transfrauen. „Wäre es nicht eine hübsche Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet die CDU deren Fürsprecherin würde?
Dasselbe gilt für die Gegenden in Ostdeutschland, die von Neonazis terrorisiert werden. Bei der Kritik rechter Übergriffe hält sich die Union zurück. Je früher die Beteiligten aller Parteien verstehen, dass sie hier wie da "mitgemeint" sind, dass der Schutz des öffentlichen Raums jedermann betrifft, desto besser.