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Donnerstag, 19. Dezember 2024

Verluste sind das schmutzige Geheimnis des Fortschritts

In einem Interview im SPIEGEL stellt Andreas Reckwitz sein neues Buch „Verlust“ vor.
Reckwitz ist einer der einflussreichsten Soziologen. In seinem Werk „Die Gesellschaft der Singularität“ beschreibt er den Aufstieg einer neuen Mittelklasse, meist urban lebende, kreativ arbeitende, kosmopolitische Akademiker, die die alte Mittelklasse der Handwerker und Facharbeiter mitsamt ihrer Werte und Lebensentwürfe zurückdränge.

Verlust des Fortschrittsnarrativ

Die Zeit nach dem Mauerfall war vom Fortschrittsoptimismus geprägt: der Glaube an die Globalisierung, die Vernetzung, die gesellschaftliche Liberalisierung, die Wissensgesellschaft. Probleme wie den Klimawandel oder Deindustrialisierung gab es schon damals, die Verluste waren aber nicht so im Fokus.

Verlust als Grundproblem der Moderne

Für Reckwitz ist Verlust mit Verschwinden und negativen Emotionen verbunden: Trauer, Wut, Angst. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, welche Verluste zu beklagen sind. Manchen trauern um ihre Privilegien oder wenden sich lautstark gegen Veränderungen. Verlust ist für Reckwitz ein Grundproblem der Moderne, da das Alte permanent durch Neues abgelöst wird. Bisher konnten Verluste relativiert waren, sie waren „das schmutzige Geheimnis des Fortschritts.“

Die Zukunft ist keine Verheißung mehr

Dieser Ausgleich wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Kaum jemand glaubt mehr, dass es den eigenen Kindern in 20 Jahren besser gehen wird. Auch klimawissenschaftliche Szenarien prognostizieren eine Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Bereits 1985 sprach Jürgen Habermas von der „Erschöpfung utopischer Energie“ – rückblickend waren die 90er Jahre eher die Ausnahme in einer „Verlust-Eskalation“.

Westliche Moderne ist an einer Grenze angekommen

Die Fortschrittserwartung war wie eine Decke, die Verlust verhüllt. Wird die Decke weggezogen, kommen Verluste zum Vorschein. An die Grenze ist die Moderne auch bei der Natur gekommen wie der Klimawandel zeigt. Verlierer artikulieren sich heute deutlicher, d.h. viele Kontroversen drehen sich nun um Verluste. Man will nicht ein größeren Stück des Kuchens, sondern die Anerkennung von Verlusten – Opfer fordern Sichtbarkeit.

Individuen hoffen auf persönliche Erfüllung

Kollektive Utopien haben an Glaubwürdigkeit verloren, dafür hoffen einzelne Individuen auf Verbesserung. Während sie für die Gesellschaft pessimistisch sind, sehen viele Menschen ihre Zukunft optimistisch. Es geht nicht mehr darum, zu gewinnen, sondern nicht so drastisch zu verlieren. Eine alternde Gesellschaft wird zwangsläufig verlustaffiner.

Populismus ist Verlustunternehmertum

Für die Politik ist dies eine Herausforderung, denn sie ist vom Fortschrittsversprechen geprägt. Gewinner sind Populisten, die bei Menschen gut ankommen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten. Diese Erfahrungen sollte man ernst nehmen- Das Ende des Patriarchats bedeutet für viele Männer einen – manche würden sagen: überfälligen – Machtverlust. Die Politik sollte diese Verluste anerkennen und offen sprechen, zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur,

Einen Umgang mit Negativereignissen finden

Gesellschaften müssen resilienter werden und mit Negativereignissen umgehen können – sie vermeiden oder sie abzumildern. Beispiele sind ein besserer Umgang mit der nächsten Pandemie und dem Klimawandel. „Eine Gesellschaft, die Verluste nicht von sich abspaltet, wäre selbst eine bessere.“

Errungenschaften der Moderne bewahren

Für Reckwitz geht es darum, die Errungenschaften der Moderne zu bewahren. Er zeichnet verschiedene Szenarien auf: Die Hoffnung durch Fortschritt den Klimawandel technisch in den Griff zu bekommen, sodass die Modernisierungsverlierer und damit die Populisten aussterben. Denkbar wäre aber auch das andere Extrem - der Kollaps der Moderne.
Das dritte Szenario bezeichnet Reckwitz als „erwachsene Moderne“. Er verliert Lebensideale, aber erwirbt Verlustkompetenz. Für Reckwitz war auch die Beschäftigung mit dem Thema überwiegend positiv: Sie lässt die Probleme, unter denen man leidet, nicht verschwinden – aber man kann sie besser handhaben.

Mittwoch, 4. Dezember 2024

Die „nüchterne alte Tante“ Soziologie ist wieder gefragt

Alexander Cammann rezensiert in der ZEIT das neue Buch von Andreas Reckwitz. Dabei geht er auch auf die Bedeutung der Soziologie ein, die so gefragt ist, wie lange nicht.

Soziologen waren lange nicht gefragt

Wenn es um die Erklärung des Mauerfalls von 1989 oder den 11. September ging, waren lange Zeit Historiker oder Philosophen gefragt. Für manche galten die Lifesciences als neue Leitwissenschaft, schließlich hatten die das menschliche Genom sequenziert. Nun ist sie wieder zurück „die nüchterne alte Tante“ Soziologie.

Kommentare zur jeweiligen Gegenwart

Nun sind sie zurück: Jutta Allmendinger und Heinz Bode haben jahrelang die Öffentlichkeitsarbeit übernommen. Nun sind andere Soziolog*innen in aller Munde: Steffen Mau aus Berlin, Hartmut Rosa aus Jena, Paula-Irene Villa Braslavsky und Armin Nassehi aus München, Oliver Nachtwey aus Basel, Jens Beckert aus Köln, dazu häufig noch Eva Illouz. Sogar Olaf Scholz soll ihnen manchmal zuhören, wenn sie „virtuos eine der vornehmsten Aufgabe der Soziologie übernehmen – die Zeitdiagnostik.

Wegweisendes Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“

Bereits 2017 hat Andreas Reckwitz ein preisgekröntes Buch vorgelegt: Die Gesellschaft der Singularitäten. Die damaligen Diagnosen passen verblüffend gut,
ob es um Neogemeinschaften geht, die alte Organisationsformen ablösten (man denke an BSW und AfD), ob um die kulturellen Spaltungen der westlichen Gesellschaft, jenseits der alten Klassenkonflikte, die sich bei Wahlen niederschlagen. Ebenso passend ist die Beschreibung, dass anstelle allgemeiner anerkannter Normen und Zugehörigkeit viele „Singularitäten getreten sind.

Überall Modernisierungsverlierer

In seinem neuen Buch beschreibt Reckwitz die Verluste der Moderne: Klimakatastrophe, Artensterben, Modernisierungsverlierer – und der Populismus, der als „Verlustunternehmer“ davon.
Der Fortschrittimperativ westlicher Gesellschaften brachte stetige Verbesserungen. Sie konnten auch frühere Verluste immer wieder ausgleichen.

Progressive werden strukturkonservativ

Reckwitz beschreibt verschiedene Bereiche in der Spannung zwischen Fortschritt und Verlust und beschreibt eine interessante Änderung in der Politik. Progressive werden „strukturell konservativ“: die Linken in der Verteidigung des Sozialstaats, die Linksliberalen bei den vom Rechtspopulismus bedrohten Freiheitsrechten. "Nirgendwo ist die Fortschrittsorientierung noch ungebrochen" – und konservativ ist mal wieder komplizierter als gedacht.

Neues Thema in meinem Seminarangebot

In meinem Seminarangeboten zur Gesellschaft habe ich das Thema „Soziologen sind wieder gefragt“ aufgenommen. Dabei werde ich die Bedeutung und Werke von Andreas Reckwitz und anderer Soziologen vorstellen.

Freitag, 22. November 2024

Soziale Medien verbieten schützt die Jugend nicht

Anna Lea Jakobs argumentiert in der Süddeutschen Zeitung, dass Verbote von sozialer Medien keine Lösung sind.

Verbote sind nicht die richtige Antwort

Australien hat Jugendlichen unter 16jährigen die Nutzung sozialer Medien verboten. Begründet wird dies mit der Sorge um die Sicherheit und psychischen Gesundheit. Auch andere Länder planen Verbote. Die Autorin kritisiert dies, denn die Medien verbieten unter 13-jährigen ohnehin die Nutzung. Mit dieser Regelung schließt 13- bis 15-Jährige von wichtigen sozialen Interaktionen ausschließt.

Verbot ein tiefer Einschnitt in die Autonomie junger Menschen 

Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen sind komplex und auf eine Vielzahl an Faktoren zurückzuführen. Dass die sozialen Medien eine Epidemie mentaler Krankheiten verursachen, lasse sich nicht nachweisen. Ein Verbot, das einen tiefen Einschnitt in die Autonomie eines jungen Menschen bedeutet, ist daraus kaum zu rechtfertigen. Die richtige Forderung wäre deshalb: Eine moderate Nutzung ist sinnvoll, eine zu hohe aber nicht – und gar keine auch nicht. Möglicherweise würden sie „verdeckte und nicht regulierte Onlineräume“ gedrängt würden. Diese könnte man dann vermutlich noch schwerer regulieren.

Bildung und Aufklärung für eine angemessene Nutzung

Die richtige Lösung sieht die Autorin in besserer Kontrolle der Plattformen und in der Aufklärung: Jugendliche und ihre Eltern sollten wissen, wie man mit Meiden umgehen. Es ist die große Versuchung der Erwachsenen, der Jugend etwas zu verbieten. Das war schon immer so. Und es ist wiederum genauso eine Tatsache, dass die Jugend immer kreative Wege finden wird, um diese zu umgehen.

Freitag, 18. Oktober 2024

Optimismus in der Jugend: Uns geht es besser, als ihr denkt!

Rudi Novotny analysiert in der ZEIT die aktuelle Shell-Studie. Die umfassende Studie, bei der 12.25jährige befragt wurden, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht verunsichert, sondern optimistisch. Nicht misstrauisch, sondern voller Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen.

Nicht extremistisch, sondern pragmatisch und tolerant.

Rund ¾ der jungen Menschen sind mit der Demokratie zufrieden, glauben, dass Deutschland ihnen die Chancen bietet, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Es sind Zahlen, die fast unwirklich erscheinen. Steigender jugendlicher Optimismus trotz Corona, trotz Ukrainekrieg, trotz Migrationskrise. Trotz des offensichtlichen Versagens stehen die Jungen zum Staat, trotz TikTok vertrauen 83 Prozent dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Treue Musterbürger, die allen Turbulenzen trotzen

Junge Menschen haben Werte, die an einen Musterbürger erinnern: Ihnen sind gute Beziehungen zu Familie und Freunden wichtig, sie setzen auf Eigenverantwortung. Die Jugend ist so politisiert wir 1991 nicht mehr, viele jungen Männer rutschen nach rechts, Frauen nach Links. Die Angst vor dem Klimawandel bleibt hoch, wurde aber nun vor der Angst vor Krieg überholt.

Nie waren die Jungen weniger

Der Anteil der Jungen in der Bevölkerung sinkt: Ende 2021 hierzulande gerade mal 8,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Zehn Prozent der Bevölkerung. Nie waren die Jungen weniger. Man kann die Jugend gut ignorieren.
Dazu zählen die Etiketten "Kaum belastbar, aber hohe Ansprüche", die sich in untersuchen nicht halten lassen. Die Kritik an der Jugend ist eine Projektion. "Man kritisiert die Jugend, aber meint die Fehlentwicklungen in der Erwachsenenwelt."

"Bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Einige der Ergebnisse zeigen auch Frust: Rund die Hälfte sehen in staatlichen Maßnahmen keine Vorteile und fühlen sich ignoriert. Die Kritik ist scharf, wirkt an manchen Stellen insbesondere gegenüber den handelnden politischen Akteuren unversöhnlich und ist häufig von populistischen Elementen getragen." Studienleiter Albert sagt dazu: "Die Jugendlichen nehmen sehr sensibel wahr, wenn ihre Belange nicht berücksichtigt werden."
Viele Kritikpunkte sind nachvollziehbar: Während Corona wurden die Orte der Jungen als erstes geschlossen, das 1,5 Grad-Ziel ist in weiter Ferne, der Glaube in die Rente ist gering. Noch ist es keine Systemfrage, die Botschaft ist aber klar: „bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Geld, Zeit und Engagement

Damit die Jungen an politischen Entscheidungen beteiligt werden und verstehen, wie Politik funktioniert. Forscher fordern mehr politische Bildung im Lehrplan und Geld für Vereine und Institutionen, in denen sich Jugendliche persönlich entwickeln können. Scharf kritisieren sie, dass die Bundesregierung weniger Geld für die Freiwilligendienste geben will. Stattdessen wird über einen Pflichtdienst geredet – der Vorschlag kam vom heute 68jährigen Bundespräsident.

Weiter Informationen

Interview zur Shell-Studie in der Tagesshau:  "Ein gewisses Grundvertrauen in die Gesellschaft"
Leben in Deutschland: Junge Deutsche blicken positiv in die Zukunft
Shell-Studie: Sehr besorgt, aber pragmatisch und optimistisch |

Freitag, 27. September 2024

Wie Corona die Debattenkultur der Deutschen verändert hat

Die Spaltung der Gesellschaft wird von vielen Seiten beklagt: In der Süddeutschen Zeitung fragt Rainer Stadler, ob dies eine Spätfolge der Corona-Pandemie ist.

Armin Laschet arbeitet an einem Buch über die Streitkultur. Er kritisiert, dass bei vielen Themen nicht diskutiert, sondern sofort die moralische Keule hervorgeholt wird. Er nimmt sogar Sahra Wagenknecht in Schutz, deren Ansicht er zwar nicht teil, deren Recht ihre Meinung kundzutun er aber verteidigt.

Je weiter die Pandemie zurückliegt, umso klarer werden die Spuren

Laschets Befund ist nicht neu. Corona hat Spuren hinterlassen, dass wir immer klarer. In der Vergangenheit zeigte sich bei schweren Krisen, dass die Menschen zusammenrücken. Auch in der Corona-Krise war das Vertrauen in Politik, Polizei und Medien zunächst groß. Doch schnell verpuffte dieser Effekt, die Zustimmung war schnell geringer als vor der Krise. Die Menschen waren von der permanenten Krisenberichterstattung überfordert, der Frust über die Regeln stieg, da die Fallzahlen weiter stiegen.

Vertrauen hat weiter abgenommen

Das Vertrauen hat weiter abgenommen, besonders bei jüngeren Menschen in Ostdeutschland. Studienleiterin Zoch vermutet, dass dies auf die besondere Betroffenheit bei Kita- und Schulschließung zurückzuführen ist. Eine weitere Rolle könnte spielen, dass diese Generation in der Jugend erlebt hat, wie ein übermächtiger Staat ihre Eltern erdrückte. Womöglich hätten einige befürchtet, dass ihnen in der Pandemie ein ähnliches Schicksal drohte.

Psychologen hatten früh vor Schäden bei Kindern gewarnt

Psychologen hatten gewarnt. Laschet war während der Pandemie Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und berichtet über die heftigen Debatten und die Vorwürfe des „Team Vorsicht“. Es ging auch darum, welchen der Virologen man mehr vertraute. Ähnlich kritisch sah er die pauschale Abwertung der Corona-Demos, durch Politik und Medien – als Sammelbecken rechter Schwurbler, da dadurch auch berechtigte Anliegen von Teilnehmern diskreditiert worden.

Konträre Meinungen erlaubt, aber nicht erwünscht

Eine weitere Kritik von Laschet und Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung“ ist die Stigmatisierung von ungeimpften. Zwar sind tatsächlich viele Ungeimpfte in Intensivstationen gelegen, dennoch haben auch sie Grundrechte. Wer dies öffentlich forderte, bekam schnell Probleme. Was der Philosophin in der Talkrunde widerfuhr, war ein Signal an andere, die Corona-Maßnahmen kritisch sahen: Konträre Meinungen sind vielleicht erlaubt, erwünscht sind sie nicht. Diese Erfahrung nachten viele, nach Umfragen haben 2/3 der Menschen Kontakte eingebüßt – nicht zuletzt wegen Meinungsverschiedenheiten zur Corona-Politik.

Wunden werden nicht heilen

Ein Forscherteam ist skeptisch, ob die Wunden heilen. Ungeimpfte neigen noch immer dazu die Gefahren zu unterschätzen. Manchen haben den Wunsch „Politik und Wissenschaft für ihr Handeln in der Pandemie zu bestrafen und die politische Ordnung zu zerschlagen“. Geimpfte überschätzten im Nachhinein die Gefahr durch das Virus. Sie sind damit auch weniger bereit zu einer kritischen Auseinandersetzung darüber, wo die Pandemiepolitik eventuell doch aus dem Ruder lief.

Vergangenheitsbewältigung und Lehren für die Zukunft

Umso wichtiger wäre eine unabhängige Aufarbeitung der Corona-Politik. Es geht um Vergangenheitsbewältigung, aber auch um Lehren für die Zukunft. Man habe zu sehr auf kurzfriste Effekte gesetzt, wichtig sei auch langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt“ zu berücksichtigen.
Auch das Vertrauen in die mediale Öffentlichkeit ging verloren, Die Philosophin Flaßpöhler hofft auf ein neues Bewusstsein, „wie wir heute Debatten führen“. Menschen würden ausgeschlossen, Meinungen schon im Voraus mit dem Etikett „unvernünftig“ versehen und aussortiert. „Das ist einer Demokratie nicht gemäß, so funktioniert der offene Diskurs nicht.“

Freitag, 20. September 2024

Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

Der SPIEGEL fragt angesichts von Messerattacken, Beleidigungen und Cybermobbing: Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

„Verrohung“- gab es auch früher

Der Artikel beginnt mit der Beschreibung von wütenden Bürger, die sich über „Gammler“ aufregen – im Jahr 1967. Eine Verrohung kann man der Gesellschaft nicht vorwerfen – sie war seit etlichen Jahren bereits so.
Zwischen 1991 und 1993 wurden in Deutschland an diversen Orten Flüchtlingsunterkünfte attackiert. Menschen verbrannten. Und 1996 fragte der SPIEGEL, ob die Gesellschaft verroht.
Ein Blick in die 1930er zeigt noch mehr Gewalt – und führte in die Grausamkeit des 2. Weltkriegs.

»99,8 Prozent aller Menschen sind wertschätzend, respektvoll und verhalten sich anständig«,

Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt, dass die Welt viel positiver ist als es in den Medien rüberkommt und die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen sich wertschätzend verhält.
Unser Gehirn sorgt mit einem alarmistischen Grundzustand für den Eindruck, dass das Negative überwiegt. Über die Vergangenheit liegt ein farbiger Filter – auch das ein Selbstschutz, damit das Gewesene nicht zu einem Mühlstein um den Hals wird.

Problematischer Begriff Verrohrung

Auch Konstanze Marx-Wischnowski hält den Begriff Verrohung für problematisch. Ihr Forschungsgebiet – Gewalt in der digitalen kommunikation – zeigt jedoch üble Auswüchse in sozialen Medien. Dennoch betont sie: Beleidigungen, Schmähreden und übelste Verunglimpfungen hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Neu ist die „Vergemeinschaftung der Gewalt“ – der Wunsch sich gegenseitig mit enthemmtem Verhalten zu überbieten.

Awareness und Sensibilität haben zugenommen

Angestiegen ist auch die Awereness, das Bewusstsein dafür, dass eine Situation nicht okay ist, oder sogar aus dem Ruder läuft und Eingreifen erfordert. Sie führt auch dazu, dass viele Verrohung erst erkannt werden. Auch deshalb gibt es eine gefühlt höhere Verrohung: heute gilt vieles als Verrohung, was früher als normal empfunden worden wäre. Neben denen die Krawall schlagen, gibt es auch Menschen die engagiert dagegenreden. Auch die Sensibilität hat zugenommen, stellt die Forscherin fest. So warnt sie ihre Studenten vor den Vorlesungen über die Inhalte.

Samstag, 24. August 2024

Was heißt hier Fortschritt?

In der ZEIT beschäftigt sich der bekannte Soziologe Andreas Reckwitz mit der Frage, was Fortschritt bedeutet.

Fortschritt beliebter und unklarer Begriff

Die Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberale wollte eine Fortschrittskoalition sein und hatte hoch gesteckte Ziele: ökologisch-wirtschaftliche Modernisierung, gesellschaftspolitische Öffnung, sozialpolitische Neujustierung. Nach Streit und Krisen stellt sich aber nicht nur für die Regierung die Frage: Was kann Fortschritt als Ziel der Politik im 21. Jahrhundert bedeuten?

Westliche Demokratien und Fortschritt miteinander verwoben

Es wird regelmäßig gestritten, um welchen Fortschritt es gehen soll – mehr Freiheit oder mehr Gleichheit, mehr Wohlstand oder mehr Technologie, mehr Staat oder mehr Markt –die Hoffnung auf Fortschritt ist für westliche Demokratien entscheidend. Den Höhepunkt des Fortschrittsoptimismus gab es nach dem 2. Weltkrieg: Wirtschaftswachstum, sozialer Aufstieg breiter Schichten, technologische Innovationen und Aufbau des Sozialstaates. Nach dem Mauerfall folgten mit Globalisierung und Digitalisierung ein weiterer Schub.

Nüchternes Verständnis von Fortschritt notwendig

Die aktuellen Krisen haben die Hoffnung auf das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Wenn die positiven Zukunftserwartungen schrumpfen, die Politik jedoch weiterhin Fortschrittsgewissheit predigt, wird das politische Vertrauen weiter schwinden. Allerdings sollte die Fortschrittsorientierung nicht aufgegeben werden, sondern durch ein revidierten, nüchternes Fortschrittsverständnis ersetzt werden.

Vier Aspekte für sind dabei wichtig:

Hoffnung auf automatische Entwicklung zum Besseren aufgeben

Die Hoffnung auf eine automatische Entwicklung zum Besseren sollte aufgegeben werden. Die realistische Einschätzung kann zur einer umsichtigeren und wachsameren Haltung gegenüber Risiken führen. Fortschritt ist möglich, aber er bleibt prekär.

Resilienz steigern

Liberale Demokratien sind verletzlich. Deshalb ist es wichtig die Resilienz zu steigern. Dies bedeutet Institutionen, Lebensformen und ihre Qualitäten so zu sichern, dass sie gegen negative Ereignisse abgepuffert werden. Ein Beispiel wäre eine aktive Klimapolitik als ein Projekt ökologischer Resilienz verstehen

Mit Verlusten umgehen lernen

Eine Gesellschaft muss lernen mit Verlusten umzugehen. Verluste können einzelne soziale Gruppen als auch die ganze Gesellschaft betreffen: Der Klimawandel bedeutet einen Wohlstandsverlust für alle. Ein kluger gesellschaftlicher Umgang mit Verlusten müsste verhindern, dass diese in endlose Auseinandersetzungen zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Opfern und Tätern münden.
Der Populismus beutet die Verlusterfahrungen aus – die etablierte Politik sollte diese Erfahrungen offen verhandeln: - dies wäre ein besonderer Fortschritt: eine Gesellschaft, die an Reife gewinnt und erwachsen wird, indem sie manchen Verlusten offen ins Gesicht sieht und (trotzdem) mit ihnen weiterlebt.

Fortschritt auch in der Vergangenheit suchen

Man sollte in die Vergangenheit blicken: vieles von dem Erreichten ist bewahrenswert und zugleich in Gefahr: Eine funktionierende liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, eine vom Mittelstand geprägte erfolgreiche Wirtschaft.

Fortschrittlich sein heißt Fortschrittserbe zu schützen

Die Schlussfolgerung lautet für Reckwitz deshalb, dass auch die Progressiven die Vergangenheit bewahren müssen, wie man es aus der Vergangenheit von den Konservativen kannte. Dabei geht es nicht um ein vormodernes Erbe, sondern um den Erhalt von Fortschritten der Vergangenheit: Fortschrittlich sein heißt heute also auch, das zerbrechliche Fortschrittserbe zu schützen und weiterzuentwickeln.