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Freitag, 22. November 2024

Soziale Medien verbieten schützt die Jugend nicht

Anna Lea Jakobs argumentiert in der Süddeutschen Zeitung, dass Verbote von sozialer Medien keine Lösung sind.

Verbote sind nicht die richtige Antwort

Australien hat Jugendlichen unter 16jährigen die Nutzung sozialer Medien verboten. Begründet wird dies mit der Sorge um die Sicherheit und psychischen Gesundheit. Auch andere Länder planen Verbote. Die Autorin kritisiert dies, denn die Medien verbieten unter 13-jährigen ohnehin die Nutzung. Mit dieser Regelung schließt 13- bis 15-Jährige von wichtigen sozialen Interaktionen ausschließt.

Verbot ein tiefer Einschnitt in die Autonomie junger Menschen 

Psychische Erkrankungen bei Jugendlichen sind komplex und auf eine Vielzahl an Faktoren zurückzuführen. Dass die sozialen Medien eine Epidemie mentaler Krankheiten verursachen, lasse sich nicht nachweisen. Ein Verbot, das einen tiefen Einschnitt in die Autonomie eines jungen Menschen bedeutet, ist daraus kaum zu rechtfertigen. Die richtige Forderung wäre deshalb: Eine moderate Nutzung ist sinnvoll, eine zu hohe aber nicht – und gar keine auch nicht. Möglicherweise würden sie „verdeckte und nicht regulierte Onlineräume“ gedrängt würden. Diese könnte man dann vermutlich noch schwerer regulieren.

Bildung und Aufklärung für eine angemessene Nutzung

Die richtige Lösung sieht die Autorin in besserer Kontrolle der Plattformen und in der Aufklärung: Jugendliche und ihre Eltern sollten wissen, wie man mit Meiden umgehen. Es ist die große Versuchung der Erwachsenen, der Jugend etwas zu verbieten. Das war schon immer so. Und es ist wiederum genauso eine Tatsache, dass die Jugend immer kreative Wege finden wird, um diese zu umgehen.

Freitag, 18. Oktober 2024

Optimismus in der Jugend: Uns geht es besser, als ihr denkt!

Rudi Novotny analysiert in der ZEIT die aktuelle Shell-Studie. Die umfassende Studie, bei der 12.25jährige befragt wurden, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht verunsichert, sondern optimistisch. Nicht misstrauisch, sondern voller Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen.

Nicht extremistisch, sondern pragmatisch und tolerant.

Rund ¾ der jungen Menschen sind mit der Demokratie zufrieden, glauben, dass Deutschland ihnen die Chancen bietet, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Es sind Zahlen, die fast unwirklich erscheinen. Steigender jugendlicher Optimismus trotz Corona, trotz Ukrainekrieg, trotz Migrationskrise. Trotz des offensichtlichen Versagens stehen die Jungen zum Staat, trotz TikTok vertrauen 83 Prozent dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Treue Musterbürger, die allen Turbulenzen trotzen

Junge Menschen haben Werte, die an einen Musterbürger erinnern: Ihnen sind gute Beziehungen zu Familie und Freunden wichtig, sie setzen auf Eigenverantwortung. Die Jugend ist so politisiert wir 1991 nicht mehr, viele jungen Männer rutschen nach rechts, Frauen nach Links. Die Angst vor dem Klimawandel bleibt hoch, wurde aber nun vor der Angst vor Krieg überholt.

Nie waren die Jungen weniger

Der Anteil der Jungen in der Bevölkerung sinkt: Ende 2021 hierzulande gerade mal 8,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Zehn Prozent der Bevölkerung. Nie waren die Jungen weniger. Man kann die Jugend gut ignorieren.
Dazu zählen die Etiketten "Kaum belastbar, aber hohe Ansprüche", die sich in untersuchen nicht halten lassen. Die Kritik an der Jugend ist eine Projektion. "Man kritisiert die Jugend, aber meint die Fehlentwicklungen in der Erwachsenenwelt."

"Bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Einige der Ergebnisse zeigen auch Frust: Rund die Hälfte sehen in staatlichen Maßnahmen keine Vorteile und fühlen sich ignoriert. Die Kritik ist scharf, wirkt an manchen Stellen insbesondere gegenüber den handelnden politischen Akteuren unversöhnlich und ist häufig von populistischen Elementen getragen." Studienleiter Albert sagt dazu: "Die Jugendlichen nehmen sehr sensibel wahr, wenn ihre Belange nicht berücksichtigt werden."
Viele Kritikpunkte sind nachvollziehbar: Während Corona wurden die Orte der Jungen als erstes geschlossen, das 1,5 Grad-Ziel ist in weiter Ferne, der Glaube in die Rente ist gering. Noch ist es keine Systemfrage, die Botschaft ist aber klar: „bezieht uns ein, und packt die Probleme an!"

Geld, Zeit und Engagement

Damit die Jungen an politischen Entscheidungen beteiligt werden und verstehen, wie Politik funktioniert. Forscher fordern mehr politische Bildung im Lehrplan und Geld für Vereine und Institutionen, in denen sich Jugendliche persönlich entwickeln können. Scharf kritisieren sie, dass die Bundesregierung weniger Geld für die Freiwilligendienste geben will. Stattdessen wird über einen Pflichtdienst geredet – der Vorschlag kam vom heute 68jährigen Bundespräsident.

Weiter Informationen

Interview zur Shell-Studie in der Tagesshau:  "Ein gewisses Grundvertrauen in die Gesellschaft"
Leben in Deutschland: Junge Deutsche blicken positiv in die Zukunft
Shell-Studie: Sehr besorgt, aber pragmatisch und optimistisch |

Freitag, 27. September 2024

Wie Corona die Debattenkultur der Deutschen verändert hat

Die Spaltung der Gesellschaft wird von vielen Seiten beklagt: In der Süddeutschen Zeitung fragt Rainer Stadler, ob dies eine Spätfolge der Corona-Pandemie ist.

Armin Laschet arbeitet an einem Buch über die Streitkultur. Er kritisiert, dass bei vielen Themen nicht diskutiert, sondern sofort die moralische Keule hervorgeholt wird. Er nimmt sogar Sahra Wagenknecht in Schutz, deren Ansicht er zwar nicht teil, deren Recht ihre Meinung kundzutun er aber verteidigt.

Je weiter die Pandemie zurückliegt, umso klarer werden die Spuren

Laschets Befund ist nicht neu. Corona hat Spuren hinterlassen, dass wir immer klarer. In der Vergangenheit zeigte sich bei schweren Krisen, dass die Menschen zusammenrücken. Auch in der Corona-Krise war das Vertrauen in Politik, Polizei und Medien zunächst groß. Doch schnell verpuffte dieser Effekt, die Zustimmung war schnell geringer als vor der Krise. Die Menschen waren von der permanenten Krisenberichterstattung überfordert, der Frust über die Regeln stieg, da die Fallzahlen weiter stiegen.

Vertrauen hat weiter abgenommen

Das Vertrauen hat weiter abgenommen, besonders bei jüngeren Menschen in Ostdeutschland. Studienleiterin Zoch vermutet, dass dies auf die besondere Betroffenheit bei Kita- und Schulschließung zurückzuführen ist. Eine weitere Rolle könnte spielen, dass diese Generation in der Jugend erlebt hat, wie ein übermächtiger Staat ihre Eltern erdrückte. Womöglich hätten einige befürchtet, dass ihnen in der Pandemie ein ähnliches Schicksal drohte.

Psychologen hatten früh vor Schäden bei Kindern gewarnt

Psychologen hatten gewarnt. Laschet war während der Pandemie Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und berichtet über die heftigen Debatten und die Vorwürfe des „Team Vorsicht“. Es ging auch darum, welchen der Virologen man mehr vertraute. Ähnlich kritisch sah er die pauschale Abwertung der Corona-Demos, durch Politik und Medien – als Sammelbecken rechter Schwurbler, da dadurch auch berechtigte Anliegen von Teilnehmern diskreditiert worden.

Konträre Meinungen erlaubt, aber nicht erwünscht

Eine weitere Kritik von Laschet und Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung“ ist die Stigmatisierung von ungeimpften. Zwar sind tatsächlich viele Ungeimpfte in Intensivstationen gelegen, dennoch haben auch sie Grundrechte. Wer dies öffentlich forderte, bekam schnell Probleme. Was der Philosophin in der Talkrunde widerfuhr, war ein Signal an andere, die Corona-Maßnahmen kritisch sahen: Konträre Meinungen sind vielleicht erlaubt, erwünscht sind sie nicht. Diese Erfahrung nachten viele, nach Umfragen haben 2/3 der Menschen Kontakte eingebüßt – nicht zuletzt wegen Meinungsverschiedenheiten zur Corona-Politik.

Wunden werden nicht heilen

Ein Forscherteam ist skeptisch, ob die Wunden heilen. Ungeimpfte neigen noch immer dazu die Gefahren zu unterschätzen. Manchen haben den Wunsch „Politik und Wissenschaft für ihr Handeln in der Pandemie zu bestrafen und die politische Ordnung zu zerschlagen“. Geimpfte überschätzten im Nachhinein die Gefahr durch das Virus. Sie sind damit auch weniger bereit zu einer kritischen Auseinandersetzung darüber, wo die Pandemiepolitik eventuell doch aus dem Ruder lief.

Vergangenheitsbewältigung und Lehren für die Zukunft

Umso wichtiger wäre eine unabhängige Aufarbeitung der Corona-Politik. Es geht um Vergangenheitsbewältigung, aber auch um Lehren für die Zukunft. Man habe zu sehr auf kurzfriste Effekte gesetzt, wichtig sei auch langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt“ zu berücksichtigen.
Auch das Vertrauen in die mediale Öffentlichkeit ging verloren, Die Philosophin Flaßpöhler hofft auf ein neues Bewusstsein, „wie wir heute Debatten führen“. Menschen würden ausgeschlossen, Meinungen schon im Voraus mit dem Etikett „unvernünftig“ versehen und aussortiert. „Das ist einer Demokratie nicht gemäß, so funktioniert der offene Diskurs nicht.“

Freitag, 20. September 2024

Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

Der SPIEGEL fragt angesichts von Messerattacken, Beleidigungen und Cybermobbing: Verroht die Gesellschaft wirklich immer mehr?

„Verrohung“- gab es auch früher

Der Artikel beginnt mit der Beschreibung von wütenden Bürger, die sich über „Gammler“ aufregen – im Jahr 1967. Eine Verrohung kann man der Gesellschaft nicht vorwerfen – sie war seit etlichen Jahren bereits so.
Zwischen 1991 und 1993 wurden in Deutschland an diversen Orten Flüchtlingsunterkünfte attackiert. Menschen verbrannten. Und 1996 fragte der SPIEGEL, ob die Gesellschaft verroht.
Ein Blick in die 1930er zeigt noch mehr Gewalt – und führte in die Grausamkeit des 2. Weltkriegs.

»99,8 Prozent aller Menschen sind wertschätzend, respektvoll und verhalten sich anständig«,

Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt, dass die Welt viel positiver ist als es in den Medien rüberkommt und die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen sich wertschätzend verhält.
Unser Gehirn sorgt mit einem alarmistischen Grundzustand für den Eindruck, dass das Negative überwiegt. Über die Vergangenheit liegt ein farbiger Filter – auch das ein Selbstschutz, damit das Gewesene nicht zu einem Mühlstein um den Hals wird.

Problematischer Begriff Verrohrung

Auch Konstanze Marx-Wischnowski hält den Begriff Verrohung für problematisch. Ihr Forschungsgebiet – Gewalt in der digitalen kommunikation – zeigt jedoch üble Auswüchse in sozialen Medien. Dennoch betont sie: Beleidigungen, Schmähreden und übelste Verunglimpfungen hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Neu ist die „Vergemeinschaftung der Gewalt“ – der Wunsch sich gegenseitig mit enthemmtem Verhalten zu überbieten.

Awareness und Sensibilität haben zugenommen

Angestiegen ist auch die Awereness, das Bewusstsein dafür, dass eine Situation nicht okay ist, oder sogar aus dem Ruder läuft und Eingreifen erfordert. Sie führt auch dazu, dass viele Verrohung erst erkannt werden. Auch deshalb gibt es eine gefühlt höhere Verrohung: heute gilt vieles als Verrohung, was früher als normal empfunden worden wäre. Neben denen die Krawall schlagen, gibt es auch Menschen die engagiert dagegenreden. Auch die Sensibilität hat zugenommen, stellt die Forscherin fest. So warnt sie ihre Studenten vor den Vorlesungen über die Inhalte.

Samstag, 24. August 2024

Was heißt hier Fortschritt?

In der ZEIT beschäftigt sich der bekannte Soziologe Andreas Reckwitz mit der Frage, was Fortschritt bedeutet.

Fortschritt beliebter und unklarer Begriff

Die Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberale wollte eine Fortschrittskoalition sein und hatte hoch gesteckte Ziele: ökologisch-wirtschaftliche Modernisierung, gesellschaftspolitische Öffnung, sozialpolitische Neujustierung. Nach Streit und Krisen stellt sich aber nicht nur für die Regierung die Frage: Was kann Fortschritt als Ziel der Politik im 21. Jahrhundert bedeuten?

Westliche Demokratien und Fortschritt miteinander verwoben

Es wird regelmäßig gestritten, um welchen Fortschritt es gehen soll – mehr Freiheit oder mehr Gleichheit, mehr Wohlstand oder mehr Technologie, mehr Staat oder mehr Markt –die Hoffnung auf Fortschritt ist für westliche Demokratien entscheidend. Den Höhepunkt des Fortschrittsoptimismus gab es nach dem 2. Weltkrieg: Wirtschaftswachstum, sozialer Aufstieg breiter Schichten, technologische Innovationen und Aufbau des Sozialstaates. Nach dem Mauerfall folgten mit Globalisierung und Digitalisierung ein weiterer Schub.

Nüchternes Verständnis von Fortschritt notwendig

Die aktuellen Krisen haben die Hoffnung auf das Vertrauen nachhaltig beschädigt. Wenn die positiven Zukunftserwartungen schrumpfen, die Politik jedoch weiterhin Fortschrittsgewissheit predigt, wird das politische Vertrauen weiter schwinden. Allerdings sollte die Fortschrittsorientierung nicht aufgegeben werden, sondern durch ein revidierten, nüchternes Fortschrittsverständnis ersetzt werden.

Vier Aspekte für sind dabei wichtig:

Hoffnung auf automatische Entwicklung zum Besseren aufgeben

Die Hoffnung auf eine automatische Entwicklung zum Besseren sollte aufgegeben werden. Die realistische Einschätzung kann zur einer umsichtigeren und wachsameren Haltung gegenüber Risiken führen. Fortschritt ist möglich, aber er bleibt prekär.

Resilienz steigern

Liberale Demokratien sind verletzlich. Deshalb ist es wichtig die Resilienz zu steigern. Dies bedeutet Institutionen, Lebensformen und ihre Qualitäten so zu sichern, dass sie gegen negative Ereignisse abgepuffert werden. Ein Beispiel wäre eine aktive Klimapolitik als ein Projekt ökologischer Resilienz verstehen

Mit Verlusten umgehen lernen

Eine Gesellschaft muss lernen mit Verlusten umzugehen. Verluste können einzelne soziale Gruppen als auch die ganze Gesellschaft betreffen: Der Klimawandel bedeutet einen Wohlstandsverlust für alle. Ein kluger gesellschaftlicher Umgang mit Verlusten müsste verhindern, dass diese in endlose Auseinandersetzungen zwischen Verlierern und Gewinnern, zwischen Opfern und Tätern münden.
Der Populismus beutet die Verlusterfahrungen aus – die etablierte Politik sollte diese Erfahrungen offen verhandeln: - dies wäre ein besonderer Fortschritt: eine Gesellschaft, die an Reife gewinnt und erwachsen wird, indem sie manchen Verlusten offen ins Gesicht sieht und (trotzdem) mit ihnen weiterlebt.

Fortschritt auch in der Vergangenheit suchen

Man sollte in die Vergangenheit blicken: vieles von dem Erreichten ist bewahrenswert und zugleich in Gefahr: Eine funktionierende liberale Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, eine vom Mittelstand geprägte erfolgreiche Wirtschaft.

Fortschrittlich sein heißt Fortschrittserbe zu schützen

Die Schlussfolgerung lautet für Reckwitz deshalb, dass auch die Progressiven die Vergangenheit bewahren müssen, wie man es aus der Vergangenheit von den Konservativen kannte. Dabei geht es nicht um ein vormodernes Erbe, sondern um den Erhalt von Fortschritten der Vergangenheit: Fortschrittlich sein heißt heute also auch, das zerbrechliche Fortschrittserbe zu schützen und weiterzuentwickeln.

Dienstag, 13. August 2024

Debattenkultur – nicht nur über Gewinner und Verlierer reden

Andreas Reckwitz schreibt im SPIEGEL über die Debattenkultur in Deutschland: Warum der Fokus auf Gewinner und Verlierer eine Gefahr ist

Das „Wir“ als prekäre Größe

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seinem Buch „Wir“ kritisiert, dass der politisch-kulturelle Grundkonsens in Gefahr ist. Reckwitz betont, dass dies „Wir“ schon immer eine prekäre Größe war, da wir keine homogenen Gesellschaften mehr haben. Sie sind durch einen grundsätzlichen Pluralismus geprägt, in dem durch Institutionen zivilisiert werden.

Spätmoderne Gesellschaft wird zur Kampfzone

In der Gegenwart wird die Gesellschaft zur Kampfzone. Im politischen Raum sehen sich westliche Gesellschaften einer rechtspopulistischen Welle ausgesetzt, die auch im digitalen Raum zunehmen zu aggressiven Auseinandersetzungen führt. Die tieferliegende Entwicklung hinter dieser Entwicklung sind „endlose Konflikte zwischen Gewinnern und Verlierern sowie zwischen Tätern und Opfern“- Ständig stellt sich die Frage, wer zu welcher Gruppe gehört.

Ende der industriellen Gesellschaft

Eine gesellschaftliche Ursache ist das Ende der industriellen Gesellschaft mit dem Wandel der Erwerbsstruktur zur postindustriellen Gesellschaft. Viele industrielle Arbeitsplätze sind verschwunden, etwa drei Viertel der Erwerbstätigen arbeiten mittlerweile im Dienstleistungsbereich. Dieser ist sehr unterschiedlich und reicht von einfachen Dienstleistungen zur Wissensökonomie gut qualifizierter Hochschulabsolventen. Dies bewirkt auch eine sozialräumliche Asymmetrie zwischen florierenden Metropolregionen und urbanen Regionen, die von der Deindustrialisierung betroffen sind.

Aufwärts- und Abwärtsdynamiken und permanentes Sichvergleichen

Die postindustrielle Gesellschaft enthält gleichzeitig verlaufende Aufwärts- und Abwärtsdynamiken. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Ökonomisierung des Sozialen. Die Logik des Wettbewerbs und der Konkurrenz führte unter anderem zu immer größeren Unterschieden bei der Bildung und auf dem Wohnungsmarkt. Die ungleiche Verteilung von Erbschaften trägt zusätzlich zur spätmodernen Gewinner-Verlierer-Dynamik bei.
Ein wichtiger Aspekt ist hier die relative Deprivation: Menschen können sich auch als Verlierer wahrnehmen, wenn sie nur im Vergleich zu anderen zurückfalle: Man scheint selbst auf der Stelle zu treten, während andere – Hochschulabsolventen, erfolgreiche Frauen, Migranten – in der sozialen Hierarchie an einem scheinbar vorbeiziehen. Dieses ständige Sichvergleichen wird durch die Allgegenwart digitaler Medien geschürt. Bilder von Urlaubsorten, Restaurantbesuchen und opulenten Häusern schürt den Groll jener, die sich als zu kurz gekommen wahrnehmen.

Gewinner-Verlierer-Konstellationen in vielen Bereichen

Die Gewinner-Verlierer-Konstellation bekommt besondere Brisanz in Märkten, in denen sich der Ertrag auf wenige konzentriert. Beispiele sind hier wenige Professuren bei vielen Nachwuchswissenschaftler, Immobilienmärkte oder die Aufmerksamkeit: Man lebt in einer Gesellschaft permanenter Wettkämpfe, und wer dabei erfolgreich ist, hängt nicht unbedingt von der eigenen Leistung ab.
Die Frage „Wer gewinnt, wer verliert?“ stellt sich auch zwischen Generationen (Muss die Generation Z den Boomern eine Rente zahlen) und im Geschlechterverhältnis: Sind nun die Jungen die Verlierer oder weiterhin die Frauen aufgrund der Doppelbelastung von Beruf und Familie.

Aus Gewinnern-Verlierer werden Täter-Opfer

Aus dieser Gewinner-Verlierer-Konstellation entsteht ein neues Deutungsmuster zwischen Tätern und Opfern – einem Konflikt „wir gegen die“. Im 20. Jahrhundert gab es viele Opfer durch Kriege oder Verbrechen. Diese Opfer mussten sich die Sichtbarkeit erkämpfen: Opfer des Holocaust, von sexuellen Übergriffen. Bewegungen wie #MeToo haben zu einer Ermächtigung von Opfern geführt: Opfer ist hier keine negative Kategorie mehr, sondern Personen, die ihre Rechte einfordert – gegenüber der Öffentlichkeit und den Tätern. Diese Unterscheidung schafft im Wettbewerb um Aufmerksamkeit eindeutige Verhältnisse.

Opfermythos im Rechtspopulismus

Eva Illouz beschreibt diesen Opfermythos als Element des Rechtspopulismus. Erschien man vorher als ein Verlierer im Modernisierungsprozess, kann man sich nun als ungerechtfertigtes Opfer interpretieren. Die anderen „liberalen Kosmopoliten“ sind schuld an einem unfairen Spiel. De Täter-Opfer-Zuschreibung findet auch in analogen und digitalen Meiden statt. Auch Prominente werden oft als vermeintliche Opfer oder Täter an den Pranger gestellt.

Deutungskonflikt um den Opferstatus

Bei politischen Themen zeigt sich der Deutungskonflikt beim Israel-Palästina nach dem 7. Oktober. Ist Israel Täter, da sie für die Vertreibung verantwortlich sind oder – seit Jahrhunderten – historisches Opfer? Die Zuordnungen sind hochgradig umstritten, typisch aber ist, dass die Täter-Opfer-Unterscheidung eindeutige Verhältnisse suggeriert und differenziertere Betrachtungsweisen hemmt.

Täter-Opfer-Denken als verführerischer Dualismus

Das Denken in Täter-Opfer schafft vermeintlich klare Verhältnisse. Das gesellschaftliche Wir gerät dadurch aber weiter in Bedrängnis, wenn es nun um Täter und Opfer geht. Diesen Prozess gilt es zu entzerren. Reckwitz ist skeptisch. Falls dies nicht gelingt, ist das Risiko groß, dass sich die gesellschaftliche Kampfzone weiter ausdehnt.

Freitag, 19. Juli 2024

Bildung schützt vor Dummheit nicht

In einem Beitrag im Focus rechnet der Neurowissenschaftler Henning Beck mit der Elite ab. Sie sind gefährlicher als Stammtische.

Die größten Starrköpfe findet man unter Akademikern

Ob an Berliner Unis oder in Kulturkämpfen in den USA (für Gendergerechtigkeit, für die Freiheit Palästinas oder Klimagerechtigkeit), die in den USA ausgetragen werden: Intolerante Protestformen richten massiv Schaden an. Die Zahl der Diskreditierungen und des Ausgrenzens nimmt massiv zu. Das Problem ist nicht der politische Inhalt des Protestes, sondern die Art wie er ausgetragen wird.

Herausforderungen der Debattenkultur

Eigentlich würde man von wissenschaftlich gebildeten Menschen einen zivilisierteren Umgang erwarten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die politisch intolerantesten Menschen finden Sie unter gut gebildeten Stadtbewohnern. Studien zeigen, dass Menschen mit zunehmendem Bildungsgrad politisch intoleranter und radikaler.

Bildung schützt nicht vor Radikalität

Bei vielen kontroversen Themen gibt es Gutgebildete. Sie sind schwer zu überzeugen und besonders radikal. Ein Grund: Je länger und besser Menschen mit wissenschaftlichen Fakten und argumentativen Techniken geschult werden, desto intensiver werden sich diese Menschen ihr eigenes Weltbild aufbauen.

Politische Voreingenommenheit

So führt Bildung zu Dogmatismus. Auch vermeintlich neutral Faktencheck helfen hier meistens nicht. Mit sauberen Fakten und analytischen Begründungen wird man nur wenige überzeugen. Gerade dann, wenn man ebenfalls mit Fakten und analytischen Begründungen geschult wurde.

Enttäuschung der Bildungshoffnungen

Der Autor bezeichnet es als Ironie, dass wir gehofft haben, Menschen durch Bildung offener und toleranter zu machen. Wir müssen nun feststellen: Wichtiger als eine selbstkritische Reflexion der eigenen Meinung ist der Schutz der eigenen Identität. Es wäre eine Tragödie, wenn wir wieder ein Zeitalter der wechselseitigen Intoleranz betreten.

Bescheidenheit vs. Selbstbewusstsein

Bildung muss mehr sein als ein Vermitteln von Informationen. Wissenschaft muss nach Widersprüchen suchen und Fakten in den Mittelpunkt stellen. Gute Wissenschaftler werden mit zunehmendem Wissen bescheidener, andere immer selbstbewusster. In unser Debattenkultur zählt immer mehr die plakative und robuste Schlagzeile.

Die Suche nach Bestätigung

Bei vielen Talkshows weiß man, wie sie endet - Schauen wir solche Sendungen nicht deswegen, weil man sich in seinen Ansichten bestärken will? Und liest man diesen Artikel nicht auch deswegen, weil man hofft, in seiner Position bestätigt zu werden?
Der Autor sieht darin eine Gefahr und fordert die Fähigkeit der Denkoffenheit und der Suche nach Widersprüchen im eigenen Denken zu schulen. Genau das war in der Wissenschaft immer der beste Weg. So wie mir mein Chemielehrer sagte: „Egal was du denkst, forschst oder tust – die Natur hat immer recht. Nicht du.“

Hat der Autor recht?

Der Autor gesteht ein, dass er falsch liegen könnte: „Wenn mir jemand ein besseres Argument vorlegen kann, werde ich versuchen, meine Meinung zu ändern. Ob mir das gelingt, kann ich aber noch nicht sagen. Es ist schließlich außerordentlich schwer.