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Dienstag, 28. Juli 2026

Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet

In der Süddeutschen Zeitung  stellt Yannik Yeşilgöz die Ergebnisse verschiedener Studien über die Generation Z vor: Sie sind zuversichtlicher als erwartet.

Viele Zuschreibungen 

Seit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, wurden ihr viele Befindlichkeiten zu geschrieben. Erst war sie zu grün, dann zu rechts, dann von den sozialen Medien verwirrt. Wenig überraschend kommt die Trendstudie der Universität Konstanz zum Ergebnis, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. Es gibt auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen – aber nicht mehr als bei älteren Generationen. 

Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als Staatsform

Ein ähnliches Bild zeigt die Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Jungen Menschen sind etwas optimistischer über die Zukunft und weniger unzufrieden mit der Demokratie als ältere Jahrgänge. Die Unzufriedenheit gilt auch eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Geringere Zufriedenheit bedeutet noch keine Krise, zudem sind die Erwartungen heute höher. 

Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr

Pessimistisch sind jungen Leuten Bezug auf gesellschaftliche Themen. Bei dem sozialen Zusammenhalt, politischen Verhältnissen und wirtschaftlicher Entwicklung glauben die Jungen nicht an Besserung. Dennoch ist laut Shell-Jugendstudie die Zuversicht unter jungen Menschen gestiegen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Dank junger Menschen sind die Mitgliederzahlen von Parteien und Gewerkschaften gestiegen. 
Junge Menschen erwarten Unterstützung bei drängenden Themen: bezahlbarer Wohnraum, finanzielle Unterstützung und psychische Gesundheit. Kürzungen in diesem Bereich sehen sie verständlicherweise kritisch. 

Grundlegende Konflikte zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort 

In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Studie wird deutlich, dass die großen gesellschaftlichen Konfliktlinie nicht zwischen Jung und Alt liegen: Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.
Viele jungen Menschen bleiben optimistisch: Die großen Weltproleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Probleme können sich Schritt für Schritt in die richtige Richtung lenken lassen. 

Donnerstag, 18. Juni 2026

Sollten Fußballer politisch sein?

Boris Hermann fragt in der Süddeutschen Zeitung , ob Fußballer politisch sein sollen. Die Fußball-WM ist politisch – und schlechter als der FIFA-Präsident können es die Spieler nicht machen. 

Unterschiede zwischen 1994 und 2026

Der Autor zeigt die Unterschiede der Weltmeisterschaft im Vergleich zu 1994, als zum letzten Mal eine WM in den USA stattfand. Ware damals die Fluchtfahrt von O.J. Simpson der größte Aufreger führt heute die USA Krieg gegen einen Teilnehmer und man Menschen aus anderen Kulturkreisen vor allem als Sicherheitsrisiken begreift. Für die deutsche Mannschaft endete die WM damals mit Berti Vogts als Trainer im Viertelfinale. 

Zwischen Ignoranz und übertriebener Mündigkeit 

Als Spieler stand Berti Vogts bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien für demonstrative moralische Ignoranz als er betonte, keine politischen Gefangenen gesehen zu haben. Bei der WM 2022 zeigten die Spieler mit der Mund-zu-Geste ihren Protest gegen die Zustände in Katar. Viele sehen darin ein Grund für das frühe Ausscheiden, der Autor betont, dass es wohl eher die spielerische Leistung war. 

Ethikreglement der Fifa stellt sich gegen alle Formen der Diskriminierung 

Niemand verlangt, dass es die Spieler besser hinkriegen als Politiker, aber sie können es auch nicht schlechter machen als Fifa-Boss Gianni Infantino, „der den Weltfußball mit seinen Kniefällen vor dem Weißen Haus bis ans Ende aller Tage blamiert hat.
Die Ethikregeln der Fifa fordern Solidarität, Integrität, Transparenz, für Verantwortung und Demokratie. Es ist deshalb möglich, sich für diese Werte einzusetzen und trotzdem noch Fußball spielen zu können. 

Wenigstens nicht das Gegenteil machen 

Der Autor kritisiert, dass Christiano Ronaldo und Lionel Messi, die – ohne Zwang – Donald Trump einen freundschaftlichen Besuch abgestattet hattet. Wie es geht zeigt die amerikanische Nationalmannschaft, die im Spiel gegen Deutschland Trikots mit regenbogenfarbenen Rückennummern trugen. Sie zeigten Solidarität mit der LGBTQ-Community in einem Land, in dem der Präsident per Dekret verfügt hat, dass es zwei Geschlechter gibt. Und nichts dazwischen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten

 
Detlef Esslinger wirft in der Süddeutschen Zeitung einen Blick auf die Geschichte der deutschen Mannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften: Die Fußball-WM und das ganze Leben in 90 Minuten

Gemeinsame intensive Emotionen 

Der Tiel des Artikels „Das Leben in 90 Minuten“ bezieht sich auf den Berliner Sportsoziologen Gunter Gebauer, der in seinem Buch beschreibt, dass Fußball ein gemeinsames Thema von Menschen ist, die sonst nie miteinander ins Gespräch kämen – unabhängig von sozialen Schichten: „Gemeinsame intensive Emotionen im Fußball führen zur Entstehung einer imaginären Gemeinschaft, die ,ihre‘ Mannschaft als Ausdruck des eigenen Landes begreift.“

Spieler als Repräsentanten ihrer Nation 

Dadurch werden Spieler zu Repräsentanten der Nation. Der Autor nennt dabei auch einige negative Beispiele, so die Arroganz deutscher Spieler 1982 vor dem Spiel gegen Algerien und der folgenden Schande von GIjon, als man sich mit Österreich auf ein Ergebnis einigte, das dazu führte, dass Algerien ausschied. Im Gedächtnis bleibt auch das brutale Foul von Toni Schuhmacher im Halbfinale gegen Frankreich.  Weiteren Hochmut lieferten vor dem Krieg die vereinte Mannschaften von Deutschland und Österreich und Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg, als er Deutschland als auf viele Jahre unbesiegbar darstellte. 

Sehnsucht nach Anerkennung 

Aber auch nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 gab es Misstöne. Der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens mit seiner NS-Rhetorik beim Empfan vieles kaputt, was die Mannschaft um Fritz Walter und Helmut Rahn eben erst geschaffen hatte. Unter seine Ägide fällt auch das Verbot des Frauen-Fußballs 1955. 

Gescheiterte Versuche, als cool zu gelten 

Ausgerechnet die Umgang mit der Finalniederlage in England 1966 brachte der deutschen Mannschaft brachte viel Sympathien, „Wir haben phantastisch verloren“ war ein Zitat aus dieser Zeit. In den 70er Jahren wollte die Mannschaft als cool wahrgenommen werden. Die Sieger von 1974 waren bereits Vertreter einer neuen Generation. Nur vier Jahre später scheiterte die Mannschaft nicht nur sportlich, sondern auch durch fragwürdige Aussagen des Kapitäns Berti Vogts, dass er keinen einzigen politischen Gefangenen in Argentiniern gesehen hat. Noch schlimmer die Aktivitäten des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger, der das Junta-System verteidigte und den Nazi Hans-Ulrich Rudel einen Besuch abstattete. 

Das Sommermächen 2006

Das Sommermärchen stand für einen „unpolitischen Patriotismus“. Das Land präsentierte sich als Gastgeber mit vier Wochen Sonne, Parte und Schwarz-Rot-Gold auf den Rängen. 
2014 gewann die Nationalmannschaft nicht nur den Titel, sondern auch Sympathien, als sie beim Triumph gegen Brasilien jegliche Demütigungen unterließen. Trotzdem hat sich – anders als „Das Wunder von Bern“, der „Triumpf von Belo Horinzonte“ nie in den Sprachgebrauch geschafft. 

Parallelen zwischen heute und den frühen 2000ern 

Nach den Pleiten in Russland (2018) und Katar (2022) stellt sich die Frage, wo Deutschland steht. 2022 war gekennzeichnet durch die Debatte um Regenbogenarmbinden und das Hand-vor-den-Mund-Halten. Maß oder Mitte gibt es nicht: entweder die Ignoranz von 1978 oder der Überschuss von 2022. Der Autor verweist auf die Parallelität von Politik und Sport: Deutschland ist ein Land voller Baustellen, so unfertig wie diese Nationalmannschaft. Bundeskanzler Merz und Bundestrainer Nagelsmann bestätigt man die selben Kommunikationsprobleme. Harald Schmitt sagte über die beiden: „Leistung Weltklasse, Kommunikation verbesserungswürdig.“
Diese Parallelität gab es schon einmal. Zu Beginn der 2000er waren vier Millionen Menschen arbeitslos und die Nationalmannschaft scheiterte bei den Europameisterschaften kläglich. Franz Beckenbauer erschuf daraus das Wort „Rumpelfußball.“ In dieser Lage setze Bundekanzler Schröder Reformen durch – und der neue Bundestrainer Jürgen Klinsammn wechselte Personal und Trainingsmethoden - das Sommermärchen konnte beginnen.

Sport und Politik in meinen Seminaren 

Das Thema Sport und Politik habe ich auch in meinen neues Programm aufgenommen – das Thema bleibt natürlich auch nach der Fußball-WM noch aktuell. 

Samstag, 30. Mai 2026

Erziehung: Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an

Deutschland steht nicht nur bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung schlecht da, sondern auch bei der Unterstützung von Kindern, wie eine aktuelle Studie von UNICEF zeigt. 

Deutschland wieder weit abgeschlagen

Ralf Paul beklagt in der TAZ, dass Deutschland wieder mal weit abgeschlagen ist. Bei einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef in 37 Industriestaaten landete Deutschland auf Platz 25. Eklatant ist der Einfluss des Einkommens: Kinder aus wohlhabenden Familien schneiden doppelt so gut ab: Mit jedem Tausender mehr auf dem Konto steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind aufs Gymnasium geht. Ein Grund dafür ist die frühe Trennung der Kinder: Am besten schneiden darin die Niederlande und Dänemark ab: Länder, die auf eine acht- beziehungsweise neunjährige Volksschule setzen.

Protest aus bürgerlichen Reihen

Seit Hamburg 2010 mit einer Reform am Widerstand des bürgerlichen Lagers scheiterte, doktern die Bildungsministerien an verschiedenen Stellen rum: verbindliche Sprachtest, im Kitaalter, ein verpflichtendes Vorschuljahr oder mehr Geld für Brennpunktschulen. Der Autor glaubt nicht, dass das ausreicht, da die Benachteiligung schon vorher beginnt: Die Rückstände, mit denen benachteiligte Kinder in die 1. Klasse starten, können Grundschulen nicht abbauen. Jedenfalls nicht in vier Jahren.

Deutschland tritt permanent gegen seine Kinder an 

Meridith Haaf kritisiert in der Süddeutschen Zeitung die Ergebnisse: Deutschland ist in vielen Dingen ein gutes Land, für Kinder allerdings ein ziemlich mittelmäßiges Land - und es wird darin seit Jahren immer schlechter. Sie verweist auf die die Kinderarmutsquote von 15 %, die nicht nur weniger Wissen und Fähigkeiten erlangen, sondern auch psychisch und körperlich in besonders schlechter Verfassung.

Jugendliche haben keine Priorität

Runtergerockte Schulen, ausgedünnte Sportvereine, minimal ausgestatte Musikschulen – junge Menschen haben keine Priorität. Die Autorin warnt: „Was heute fehlt an Zuwendung und Sozialisation, an Bewegung und Ernährung, an Wissen und Fähigkeiten, das fehlt morgen, wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind“. Wäre die deutsche Gesellschaft eine Familie würden die rechen Großeltern in einem großen Haus wohnen, das halbwegs funktioniert, aber nie modernisiert wurden – soll sich doch die nächste Genreration darum kümmern. Dabei hat Deutschland jahrzehntelang immerhin in den Aufstieg, also eine sozial- und bildungsgerechte Gesellschaft investiert.

Stagnations- und Abstiegsgesellschaft 

Inzwischen ist Deutschland eine Stagnations- und Abstiegsgesellschaft . die soziale Ungleichheit verschärft sich. Während die Rüstungsausgaben steigen, wird an der Jugend- und Sozialarbeit drastisch gekürzt. Viele können mit einem normalen Gehalt kaum mehr leben oder angemessen wohnen – das wirkt sich auf die Kinder auf. Die Autorin fordert deshalb wieder Kraft und Geld in die Chancengleichheit zu stecken – angefangen mit der Bildung. Damit würde man nicht nur das Kindeswohl steigern, sondern auch die Performance. 

Montag, 11. Mai 2026

Willkommen im Abseits

Heike Buchter schreibt in der ZEIT über die Fußball-WM in Nordamerika. Es sollte Amerikas große Party werden, stattdessen schrecken horrende Ticketpreise und verschärfte Grenzkontrollen die Welt ab.

Der Andrang ist überschaubar 

Hoteliers und Stadien hatten sich deutlich mehr versprochen. Mit Ausnahme der Topspiele sind bei vielen der 104 Spielen noch Karten erhältlich. Auch das Hotelgewerbe klagt und hat sich deutlich mehr erwartet. Die FIFA hatte viel versprochen: 30 Mrd. Dollar an zusätzlicher Wirtschaftsleistung, viele neue Jobs, drei Millionen Gäste aus dem Ausland. 

Trump-Regierung schreckt ab

Bereits in Katar gab es Probleme wegen Menschenrechtsverletzungen. Die Politik von Trump schreckt ebenfalls ab. US-Grenzbeamte untersuchen Mobiltelefone von Einreisenden – auch von Touristen, die kein Visum aber eine elektronische Einreisegenehmigung brauchen. Es gibt Pläne, dass sogar Einträge auf Plattformen in den letzten Jahren durchleuchtet werden könnten. Aus einigen Ländern wie Haiti und Iran dürfen die Menschen erst gar nicht einreisen oder müssen eine hohe Kaution zahlen. 

Ärgernis variable Ticketpreise 

Ein weiteres Ärgernis sind die Ticketpreise. Bei hoher Nachfrage können die Preise enorm steigen – bis zu 11.000 Dollar im Finale. Selbst Fans, die zuvor Tickets reserviert haben, können von diesen enormen Preissteigerungen betroffen sein. Für viele Spiele gibt es jedoch nicht genügend Interessenten - ökonomisch wird es zwei WMs geben - die eher enttäuschenden Ausscheidungsrunden im Juni und die den hohen Erwartungen gerecht werdenden Spiele im Juli.«

Die WM der oberen zehn Prozent 

Die hohen Ticketpreise, die verschärften Einreiseregeln, die intransparente Vergabe – all das führe dazu, dass auf den Tribünen ein bestimmtes Publikum sitze -  wohlhabend, gut vernetzt, mit dem richtigen Pass. Die WM 2026 wird die WM der oberen zehn Prozent.“


Dienstag, 7. April 2026

Sicherheit in Städten: Die Aussagen von Friedrich Merz in der Analyse

Philipp Kollenbroich schreibt im SPIEGEL  über die Aussagen von Friedrich Merz zur Sicherheit in Städten:  Warum Friedrich Merz einen Punkt hat und früher trotzdem nicht alles besser war
Friedrich Merz hatte „Probleme im Stadtbild“ beklagt. Die vagen Aussagen lassen sich auf drei Behauptungen zusammenfassen. 

  1. Das Sicherheitsgefühl der Menschen in deutschen Städten habe sich verschlechtert.
  2. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer.
  3. Die Einwanderung nach Deutschland sei dafür verantwortlich.

Der SPIEGEL hat diese Thesen analysiert und kam zu vier Erkenntnissen: 

1. Früher war nicht alles besser

1973 wurden Menschen aus Stuttgart in einer umfassenden Untersuchung nach ihrem Sicherheitsgefühl gefragt: Das Ergebnis: Insgesamt 47 Prozent der Menschen fühlten sich nachts unsicher, darunter 72 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer. Anders ausgedrückt: Nur jede vierte Frau fühlte sich in ihrer Wohngegend sicher. Untersuchungen von 984 und 1997 haben einen ähnlichen Befund. 

2. Zuletzt ist es schlechter geworden

In den letzten Jahren haben die Sorgen zugenommen. In einer Untersuchung von 2023 machten sich 38 Prozent große Sorgen um die Kriminalität. Wenig verändert hat sich die Wahrnehmung über öffentliche Räume wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen. Eine Erklärung für diesen Befund sind die Unterschiede der Wahrnehmung, so ist die Unsicherheit nachts deutlich größer: Dies bedeutet auch, dass Ängste konkrete Folgen haben können: Menschen vermeiden bestimme Orte oder gehen überhaupt nicht aus dem Haus. Die Menschen in Deutschland fühlen sich aktuell unsicherer als noch Mitte der Zehnerjahre.

3. Unsicherheit ist ungleich verteilt

Die Unsicherheit ist ungleich verteilt: Frauen, sowie unter 35- und über 65-Jährige sind stärker verunsichert. Auch die soziale Lage ist wichtig, nicht jedoch der Migrationshintergrund: Auch geographisch gibt es Unterschiede – fühlen sich in München 20 % unsicher, sind s in Belin fast doppelt so viele. 

4. Migration spielt eine Rolle, aber eine kleine

Zwischen 1970 bis 2014 ist der Ausländeranteil von ca. 5 % im Westen auf rund 15 % in Gesamtdeutschland gestiegen.. In rechten Kreisen ist klar, dass diese Zuwanderung für die steigende gefühlte Unsicherheit verantwortlich ist, allen voran bei der Alternative für Deutschland (AfD). 
Dafür spricht, dass die gestiegene Unsicherheit in dieser Zeit gestiegen ist, dagegen spricht, dass die Migration nicht allein verantwortlich ist. Einerseits geben die Daten diesen simplen Zusammenhang nicht her: Der Ausländeranteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die Unsicherheit nicht. Außerdem gibt es zahlreiche andere Ereignisse wie Anschläge von Islamisten und Rechtsextremisten und die Corona-Pandemie. Außerdem berichten die Medien häufiger darüber. 

Angst und Migration unterschiedlich verteilt 

Selbst in einer Stadt ist die Migration unterschiedlich verteilt. Für Essen ermittelten die Behörden Unterschiede zwischen 3 und 55 Prozent, je nach Stadtteil. Migranten zogen vor allem in ärmere Gegenden – den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat es kaum verändert. 
Entscheidend ist wie Einwanderung umgesetzt werden: Wenn alte und neue Einwohner weitgehend getrennt voneinander lebten, waren die Auswirkungen negativ. Wurden die Neuankömmlinge hingegen in die Nachbarschaften integriert, gab es sogar positive Effekte.

Mittwoch, 18. März 2026

Jürgen Habermas: Niemand verstand die Bundesrepublik wie er

Seine Texte waren nicht immer einfach zu verstehen, Jürgen Habermas war aber ohne Frage einer der wichtigsten Denker der Bundesrepublik. Bis zuletzt haben seine Beiträge Diskussionen ausgelöst, wie z.B. zum Ukraine Krieg und Europa. Auch die Bundesrepublik verstand Habermas wie niemand anders, wie Tobias Rapp in seiner Würdigung im SPIEGEL deutlich macht. 

Eine Welt in Auflösung

Es war einsam geworden um ihn. Seine Tochter und seine Frau starben in den letzten Jahren, aber auch die Reaktionen auf seine Artikel haben ihn befremdet. Sein Tod steht auch für das Ende einer Epoche: Nämlich die der alten Bundesrepublik Deutschland, deren Gepflogenheiten und Selbstverständnis die Wiedervereinigung gut überlebten und die dann doch bis weit ins neue Jahrtausend hereinreichten.

Habermas als der Erklärer der Bundesrepublik 

Habermas hat die Geschichte der Bundesrepublik wie kaum ein anderer erklären können
Er war bereits Professor, als die 68er Proteste begannen, schreib aber die Texte, die zur Zeit passten. Begriffe wie „herrschaftsfiere Diskurs“ oder Verfassungspatriotismus schafften es in den Diskurs. Die Frankfurter Schule, geprägt unter seinem Lehrer Adorno wäre nicht so einflussreich gewesen. Während das Denken von Adorno und Horkheimer durch die Katastrophen ihres Lebens beeinflusst war, wuchs Habermas in der wohlhabenderen und liberaleren Bundesrepublik auf. Er war ein Denker des Gelingens. 

Die befreiende Kraft des Wortes

Er selbst nannte als Motiv die befreiende Kraft des Wortes – auch wenn seine Texte schwer zu verstehen waren. Er fragte nach den Bedingungen des emanzipierten Lebens: Wie kann das Individuum sich entfalten? Was heißt das überhaupt? Wie muss eine Gesellschaft gestaltet sein, um das zu ermöglichen? Welche Rolle spielt die Sprache dabei? Er war Modernist und glaubte an die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Fortschritts. Dieses Projekt der Moderne wollte er verteidigen:  durch herrschaftsfreie Kommunikation und eine lebendige demokratische Öffentlichkeit. 

Die Erfahrung einer ganzen Generation

Habermas wurde mit einer Gaumenspalte geboren, die mehrere Operationen nach sich zog. Ebenso prägend war die Erfahrung der um 1929 geborenen: Jung genug, um nicht mehr selbst im Krieg gekämpft und schlimme Erfahrungen gemacht zu haben – und alt genug, um zu verstehen, dass sich ihnen nun die Welt öffnete.

Ein kluger und mächtiger Netzwerker

Seine Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« war ein überraschender Erfolg. Er wurde ein kluger und mächtiger Netzwerker, zunächst in Starnberg, später in Frankfurt, also sein Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ entstanden ist. Er wollte an eine Tradition anknüpfen, die die Nazis zerstört haben. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn die Mördern waren noch überall. Verbunden fühlte sich Habermas den USA, er integrierte den amerikanischen Pragmatismus ins deutsche Geistesleben.

Der zwanglose Zwang des besseren Arguments 

Für Adorno gab es kein richtiges Leben im falschen. Die gesellschaftliche Totalität ist die Katastrophe, der Kapitalismus, der Terror der verwalteten Welt. Aus diesem Zusammenhang gibt es kein einfaches Entkommen. Für Habermas ist diese Aussage zunächst ein Satz und die Sprache selbst Anlass zur Hoffnung: Immer wenn wir meinen, was wir sagen erhaben wir für das Gesagte einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Im Idealfall kann der „Zwanglose Zwang des besseren Arguments“ zur Geltung kommen – wenn die Geltungsansprüche aller berücksichtigt sind. 
Diese „ideale Sprachsituation“ bildete den Kern seiner Philosophie und seines Konzepts der deliberativen Demokratie: Nicht die Mehrheitsentscheidung sei in der Demokratie zentral, sondern dass der Weg dorthin durch einen offenen und rationalen Diskurs geprägt sei. Daher auch die Bedeutung der Öffentlichkeit in Habermas Denken, nur Bürgerinnen und Bürger, die ausgewogen informiert seien, könnten diesen Prozess tragen. Die Medien, die Zivilgesellschaft.

Begleiter aller Debatten in Deutschland 

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Entwicklungen der letzten Jahre mit Wutbürgern und MAGA-Bewegung für Habermas schmerzlich 
Der Fokus auf Verständigung und Kompromiss war ein Abbild für die Bundesrepublik – nach Jahrhunderten des Obrigkeitsstaats und des Gehorsams. Er hat alle zentralen Debatten begleitet. Am Anfang ist er sehr kritisch: Er ist gegen die Wiederbewaffnung und den Aufbau der Bundeswehr, gegen den Kanzler Adenauer und seine restaurative Politik. Die Reform des Bildungssystems war ihm ein wichtiges Anliegen. Als Vordenker der Studentenbewegung für den Terror der RAF verantwortlich gemacht wurden, wehrte sich Habermas. Er verteidigte die liberale Ausrichtung, argumentierte gegen Berufsverbote: Mutig – aber schon deutlich staatstragender.

Wie stehen wir zur Vergangenheit?

Beim Historikerstreit 1986 widersprach er dem konservativen Historiker Ernst Nolte, der die Verbrechen der Nazis nur als Imitation von Stalins Verbrechen sah. Habermas nahm dies zum Anlass die Auseinandersetzung über die Identität des Landes zu suchen:: Wie stehen wir zur Vergangenheit? Was für ein Verbrechen war der Holocaust? Kann dieses Verbrechen jemals vergehen? Was heißt das für die Identität der Bundesrepublik Deutschland? Das liberale Laer gewann diesen Konflikt, der direkt zur Debatte über das Verhältnis zu Israel und der Staatsräson führt. 

Debatte um Europa 

Intensiv beteiligte er sich um die Debatte über Europa: Er hatte die Hoffnung, dass Europa und die USA die Menschenrechtsordnung weltweit durchsetzen könnten. Er glaubte aber nie an das Ende der Geschichte und sah das Ende des Westens als gemeinsamer politischer Raum mit Stahlkraft für den Rest der Welt. Seine Hoffnung auf Verrechtlichung ist hinfällig: Der Westen ist kaputt, Amerika bis auf Weiteres als Leuchtturm der Hoffnung verloren, Europa schwach.

Was bleibt? Bleibt was?

Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, wie man die Geschichte der Bundesrepublik beurteilt. Wenn man sagt, die Gegebenheiten waren günstig und die richtigen Personen auf den richtigen Posten – dann bleibt nicht viel vom Werk von Habermas. Man kann die deutsche Geschichte aber auch als Lehrstück für die Welt sehen. Wie ein Land, das eines der größten Menschheitsverbrechen begangen hat, aus dem Schatten dieser Tat treten kann. Wie man aus der Vergangenheit lernen und streiten kann. Bei Habermas war nie etwas perfekt – alles sind immer kleine Schritte, Mühen auf einer großen Ebene.

Gesellschaften, die an den Fortschritt glauben

Aktuell erscheint der Pessimismus zu überwiegen, aber das muss nicht so bleiben: Aber das muss nicht so bleiben. Gesellschaften, die wachsen wollen, die an den Fortschritt glauben und daran, dass darüber gestritten werden kann, wie dieser aussieht: Möglicherweise werden sie wieder zu den Büchern von Jürgen Habermas greifen.


Sonntag, 8. Februar 2026

Es ist fair, wenn alle verzichten müssen

In einem Interview für die Tagesschau  fordert die Transformationsforscherin, dass das Bewusstsein für globale Zusammenhänge wachsen muss – oder jeder etwas beitragen muss. 

Klimapolitik hat es schwer 

Göpel nennt Gründe, warum es Klimawandel in der öffentlich Wahrnehmung so schwer hat. 
Einerseits können wir Ursache und Wirkung so wenig direkt nachvollziehen. Die Wirkung ist orts- und zeitversetzt, daher denken wir, dass es so schlimm nicht ist. Andererseits sieht sie eine ganz bewusste Agenda, bei der Desinformationen verstreut werden, um fossile Interessen aggressiv zu vertreten. 

Die Kosten des Nichthandelns werden höher

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die globalen Versicherer betonen, dass die Kosten des Nichthandelns immer höher werden. Göpel wundert sich, wie starkt das Gas zurückkommen soll, da dies das Erpressungspotential weiter erhöhen wird. Sie fordert deshalb, die Energiewende weiter entschieden voranzutreiben. 

"Menschen müssen vom Ziel überzeugt sein"

Göpel hält es für einen Fehler, alles über den Preis zu steuern, wenn sich am Ende einige Teil der Gesellschaft nicht mehr alles leisten können. Ordnungspolitische Maßnahmen sollten nicht als Verbote drangsaliert werden, sondern als fairer Weg, wenn alle Verzichten. Menschen akzeptieren Klimapolitik, , wenn sie den Eindruck haben, dass sie das Ziel verstanden haben und überzeugt sind.

"Das Versprechen des 20. Jahrhunderts nicht vom Tisch nehmen"

Damit das Thema Klima wieder wichtiger wird, wäre es wichtig zu zeigen, dass Investitionen zu Vorteilen führen und die Vorteile deutlich zu machen. Notwendig ist das Gefühl, dass es sich lohnt, mitzumachen. Es muss eine gesamtgesellschaftliche Aktivitäten sein nach dem Motto:: "Ich bin bereit, diese Verantwortung zu übernehmen." Göpel findet es verstörend, dass das Versprechen des 20. Jahrhundert nicht mehr gelten soll: Dass alle Menschen auf diesem Planeten einen sicheren Ort zum Leben haben. An diesem Versprechen müssen wir festhalten, auch wenn sich die Stärksten dafür nicht mehr interessieren. 

Samstag, 10. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 2

In einer Dokumentation geht ARTE der Frage nach, wann Protest wirkt. XXXXXX 



Immer mehr Proteste 

Immer mehr Menschen gehen weltweit auf die Straße. Die Menschen werden immer kompetenter und informierter – und sind bereit auf die Straße zu gehen, wenn sie eine Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen können. 

Ebenen des Erfolgs 

Protestforschung versucht den Erfolg von Protest auf drei verschiedenen Ebenen zu ermitteln: 
Aufmerksamkeit für das Thema: Dies kann z.B. durch Ungehorsam geschehen, so haben Frauen im Iran in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch ausgezogen.
Öffentlichkeit: Je mehr Leute mitmachen, desto größer der Druck. 
Entscheider sollen handeln: diese Ebene ist die schwierigste 

Unterschiedliche Erfolge 

Die Dokumentation untersucht den unterschiedlichen Erfolg von Bewegungen. Obwohl die Landwirte mit ihren Straßenblockaden ähnliche Strategien verfolgt haben wie die Umweltbewegung „Letzte Generation“ waren sie deutlich erfolgreicher. Sie waren besser organisiert, ihr Anliegen wurde von der Bevölkerung unterstützt und ihr Wunsch – die Rücknahme der Kürzungen – konnte schnell verwirklicht werden. 

Erfolge brauchen Zeit 

In der Dokumentation werden die Thesen von Erica Chenoweth vorgestellt. Sie verweist darauf, dass ein gewaltfreier Kampf häufig effektiver ist als ein bewaffneter. Es sollten möglichst viele und unterschiedliche Menschen sein, die die Bewegung unterstützen. Sie brauchen Disziplin und Geduld – eine durchschnittlicher erfolgreiche Kampagne braucht drei Jahre. 
Am Beispiel der gescheiterten Revolution von 1848 zeigt die Dokumentation, das dies noch länger dauern kann. Zwar war die Revolution nicht erfolgreich, durch die Verfassung wurden aber Denk-muster aufgebrochen und die Monarchie in Frage gestellt. 

Soziale Medien wichtig, aber nicht immer erfolgreich 

Soziale Medien spielen bei aktuellen Protesten eine wichtige Rolle und haben viele Menschen auf die Straße gebracht zeigt das Beispiel des Arabischen Frühlings, dass diese mittelfristig nicht immer erfolgreich waren. Die Autoren erklären die Unterschiede, dass sich früher Menschen einig waren und die Demonstration am Ende des Protests stand – heute treffen sich Menschen, die oft nicht mehr als gemeinsames Feindbild gemeinsam haben. 

Protest wird gebraucht 

Egal auf welcher Ebene ein Protest erfolgreich ist – Protest wird gebraucht. Denn eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn an strittigen Stellen auch Widerspruch geäußert werden darf. Moderne Gesellschaften sind ständig in Bewegung und Veränderung – Proteste leisten bei der ständigen Aushandlung einen wichtigen Beitrag. 

Sonntag, 4. Januar 2026

Wann wirkt Protest? Teil 1

Der Protestforscher Simon Teune erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung, wann Protest wirkt. Das Thema biete ich in meiner Seminarliste

Was sind Proteste?

Er definiert Protest als einen öffentlichen Widerspruch, den ein kollektiver, nicht-staatlicher Akteur organisiert, um eine politische Botschaft zu senden. Das können Gewerkschaften, Studierendenverbände, Prominente oder Wissenschaftler. 
Die Forscher unterscheiden dabei zwischen 
•    Demonstrativ: Kundgebungen oder Protestmärsche 
•    Konfrontativ:; unangemeldete Proteste, Blockaden und Sachbeschädigung 
•    Politische Gewalt: Brand- und Sprengstoffanschläge sowie Angriffe bis hin zum Mord 
Gemeinsam mit Kollegen hat er Medienberichte über Protestereignisse analysiert. 
Das Ergebnis zeigt, dass es immer mehr Proteste gibt. Es ist heute leichter und selbstverständlicher, Proteste zu organisieren. Mehr Menschen können sich vorstellen, an Protesten beteilig zu sein. 

Proteste und soziale Bewegungen hängen zusammen 

Taune betont, dass soziale Proteste nicht identisch mit einer sozialen Bewegung sind, aber zusammenhängen. So haben die Demos gegen rechts mit anfangs zwei Millionen Menschen nachgelassen, haben aber einen Nerv getroffen. Seit Jahren gibt es gewachsenen Netzwerke 

Der Anstieg verläuft nicht linear: 

Einen ersten deutlichen Ausschlag gibt es Ende der Sechziger zur Blüte der Studentenbewegung. Zu Beginn der Achtziger mobilisieren neue soziale Bewegungen, insbesondere gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen und gegen den Ausbau von Atomenergie. In den frühen Neunzigern sehen wir dann einen Anstieg rassistisch motivierter Gewalt sowie die dagegen gerichteten Massendemonstrationen.

Themen haben sich verändert 

Auch die Themen haben sich verändert: Waren es in den 50er Jahren noch Verteilungsfragen sind es heute ganz unterschiedliche Themen: die Umgehungsstraße, Handelspolitik, Ökologie oder Migration. 
Die „Mutter aller nachfolgenden Protestbewegungen“ sind dabei die 68er Generation, denen in den 70er Jahren die Frauen-, die Friedens-, die Antiatombewegung folgten. 
Seit 1990 hat der Anteil an konfrontativer und gewaltförmiger Proteste zugenommen, vor allem durch rechte Gewalt. 

Erfolg schwierig zu bewerten 

Während andere Forscher Zahlen genannt haben, ab wann ein Protest erfolgreich sein kann, vermeidet der Autor dies. Zwar geht es generell darum, viele Menschen zu motivieren, aber es gibt keine Garantie für Erfolg. Bei der Berichterstattung dominieren die Straßenblockaden der „Letzen Generation“ oft gegenüber Protesten mit mehreren Hunderttausend Teilnehmenden. 
In Bezug auf die Ziele ist die Bilanz eher mau: Die Anti-Atom-Bewegung hat Kernkraftwerke nicht verhindert, die Stuttgart-21-Gegner nicht den Bahnhof und das Freihandelsabkommen mit den USA wurde von Donald Trump aufgehalten. Auch die Klimaziele werden trotz vieler Proteste gerissen. Eine Ausnahme sind die Bauernproteste im letzten Winder – hier hat die Regierung sofort reagiert, da die Bauern ein Drohpotenzial und eindrucksvolle Straßenblockaden schafften. Ihre Proteste werden als legitmer angesehen, da sie Lebensmittel produzieren, auf die wir angewiesen sind. 

Protestieren wird langfristig 

Protestieren wirkt eher langfristig. Parteien gingen aus den Bewegungen hervor oder wurden darin gestärkt, so die SPD aus der Arbeiterbewegung, die Grünen aus der Friedens- Frauen- und Anti-Atombewegung und der AfD verhalt Pegida zu neuer Dynamik. 
Teune betont, dass Protest immer eine wichtige demokratische Funktion hat, da Menschen ihre Unzufriedenheit ausdrücken können. Der  Erfolg liegt auch darin, Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken, gehört zu werden, andere zu inspirieren.

Dauerhafte Motivation schwierig 

Viele Bewegungen haben auch  Schwierigkeiten, Menschen dauerhaft zum Demonstrieren zu motivieren. Fridays for Future wurde auch durch die Corona-Pandemie gebremst. Waren sie anfangs stark von jungen Menschen geprägt, hat sich dies verschoben. Heute mischen sich verstärkt Menschen jenseits der Verrentung mit ein – das haut auch mit zeitlichen Ressourcen zu tun. 
Er betont auch, dass die Bewegung ähnlich wie die 68er nicht von der Mehrheit getragen wurden. Sie haben jedoch das Selbstverständnis von Menschen geprägt, die gar nicht mitprotestiert haben. 

Sorge um soziale Bewegung von rechts 

Besorgt äußert sich der Forscher über die Bewegung noch rechts. War es lange Zeit ein Tabu, gemeinsam mir extremen Rechten zu protestieren, hat sich dies mit Pegida verändert. 
Auch bei den Corona-Protesten haben unterschiedliche Milieus protestiert – christliche Fundamentalisten, alte Linke. Die Themen wurden verknüpft - zuerst Corona, dann – nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – Energieversorgung und Frieden.

Wichtige Rolle von sozialen Medien 

Zentral ist dabei die Rolle der sozialen Medien, in denen Organisation und Meinungsbildung stattfindet. Die Debatten sind stärker von Emotionalisierung geleitet, eigene Positionen müssen weniger begründet werden. Man arbeitet nicht auf einen gemeinsamen Konsens, sondern ist eher durch ein Feindbild vereint. In sozialen Medien und Messengerdiensten werden Informationen stärker ausschnitthaft wahrgenommen und direkt von Gleichgesinnten eingeordnet. 

Entspannung ist nicht in Sicht 

Weltweit beobachten Forscher eine stärkere Mobilisierung für demokratiefeindliche Positionen – Akteure wollen nicht mehr Rechte für mehr Menschen, sondern die Einschränkung Durch die zahlreichen Konflikte und die Klimakrise sieht er mehr Migration und eine konfliktgeladene Zukunft: Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Es gibt Hoffnung 

Aber er hat auch Hoffnung, da es immer wieder Leute gibt, die sich für Demokratie und Menschenrechte vor Ort einsetzen. SO haben die Bunten Perlen Waldheim einen  Gegenprotest gegen den montäglichen Spaziergang der extremen Rechten im Ort organisiert. „Die lassen sich nicht einschüchtern. Und das macht mir Hoffnung“.. 

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Die Jungen dürfen den Glauben an die Zukunft nicht verlieren

In der Süddeutschen Zeitung fordert Sara Maria Behbehani, dass sich der Staat mehr um junge Menschen kümmern soll.  

Probleme spürbar 

Für junge Menschen sind viele Probleme spürbar: der Klimawandel, Angst um die Rente, hohe Mieten und Immobilienpreise, die Gefahr durch eine in Teilen rechtsextreme Partei die nächsten Wahlen gewinnt: Dieser Gesellschaft muss daran gelegen sein, dass die Jugend nicht den Glauben an ihr Land und an die Zukunft verliert. 

Die Politik vergisst die jüngeren Menschen 

Die Politik geht diese Probleme nicht an – und fordert dafür immer neue Dinge: die Wehrpflicht oder mehr Einsatz auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig werden sie als angeblich faule Generation gebrandmarkt und für ihre Wahlentscheidungen kritisiert. 

Der Staat muss auch den Jungen dienen 

Die Jungen wissen, dass sie den Lebensstandard der Eltern nicht erreichen wird – und fühlt sich sowohl von der Ampel- als auch der großen Koalition nicht berücksichtigt. Für die Autorin stellt sich die Frage: Warum sollen sie sich zum Wehrdienst melden, wenn darin immer auch die Erwartung enthalten ist, im Zweifel für dieses Land zu sterben? 
Es darf nicht bloß erwartet werden, dass die jungen Menschen dieser Demokratie dienen – diese Demokratie muss auch den jungen Menschen dienen. Eine Zukunft, in der sich Menschen, die hart arbeiten ein Haus leisten können, eine Rente, auf die man sich verlassen kann, und eine Zukunft, die nicht durch den Klimawandel verloren ist 

Demokratie stirbt, wenn niemand mehr hinschaut 

Die Autorin sieht in der Gleichgültigkeit der jungen Menschen eine große Gefahr: die Demokratie stirbt, wenn niemand mehr  hinschaut. Dieses Land braucht seine jungen Menschen – als demokratische Wähler, als Kräfte auf dem Arbeitsmarkt, als Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten – und als Eltern. Als Menschen, die Deutschland und Europa hochhalten in einer Zukunft, die beide zu Verlierern zu machen droht.

Meine Angebote  

In einem neuen Seminar in der Rubrik Gesellschaft geht es um Generationengerechtigkeit, Angebote für junge Menschen finden Sie  hier.

Dienstag, 4. November 2025

Zerstörungslust – manche Menschen wünschen Gewalt für soziale Probleme

Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben ein Buch „Zerstörungslust“ mit brisanten Ergebnissen veröffentlicht. Eine kleine Gruppe von Menschen wünscht sich Gewalt und drakonische Strafen als Mittel zur Lösung sozialer Probleme. Über das Buch berichtete der Focus, außerdem gaben die Autoren Interviews im SPIEGEL, der ZEIT  und der Süddeutschen Zeitung

Menschen mit „destruktiven Tendenzen“

Amlinger und Nachtwey führten Interviews mit 2600 Menschen. Bei einer Gruppe von 12,5 % stellten sie „destruktive Tendenzen“ fest. Diese befragten sie weiter. 
Sie unterscheiden dabei zwischen drei Typen: 

  • Den Erneuerer, der das liberale politische System zerstören will, damit traditionelle Hierarchien an seine Stelle treten. 
  • Den Zerstörer, der gar nicht an eine bessere Zukunft glaubt und die Zerstörung als Selbstzweck sieht. 
  • Den Libertär-Autoritären, der die aktuelle Form der Regulierung ablehnt und sich einen neuen, wirtschaftlich befreiten, aber gesellschaftlich autoritären Staat wünscht.


Nullsummen-Denken als zentrale Rolle 

Das Denken dieser Menschen ist oft durch Nullsummen-Denken geprägt. Verluste der eigenen Gruppe werden als Gewinne anderer interpretiert und umgekehrt. Ein klassisches Beispiel dafür ist, dass Migranten den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Ihnen ist auch der Gedanke des Fortschritts abhanden gekommen  - war früher der bessere Job oder das bessere Auto des Nachbars ein Ansporn, ist es heute das Gefühl, dass ein guter Job weniger verfügbar ist. 

Zerstörungslust häufig in Verbindung mit biografischer Brüche 

Viele der Befragten betrachten ihr Leben als blockiert. Obwohl sie sich Mühegeben, haben sie keinen Erfolg. Viele Menschen haben Scheidung, Kündigung oder der Zwangsversteigerung des geliebten Eigenheim
Sie fühlen sich fremdbestimmt und sind bereit Schwächere zu demütigen und zu quälen. Obwohl Klimakleber oder trans Personen keine Konkurrenz sind, betrachten sie diese als ein Zeichen von sehr schnellen Wandels an Normen. 

Demokratischer Faschismus 

Die befragten Menschen bekennen sich zur Demokratie, sie wollen Wahlen gewinnen – und genießen gleichzeitig Grausamkeit und Gewalt. Sie bekennen sich zur Demokratie – sie wollen aber eine Demokratie für die sogenannten Normalen – andere werden ausgeschlossen. Dadurch sind die beiden Begriffe kein Widerspruch mehr: sie sind antidemokratisch, nationalistisch, migrationsfeindlich, gewaltaffin

Antifaschismus könnte kontraproduktiv sein

Die Interviewten sind voller Zynismus, konventionelle politische Aufklärung und Antifaschismus könnte sogar kontraproduktiv sein und als paternalistisch wahrgenommen. Sie fordern hingegen positive Visionen, denn Demokratie den Horizont einer offenen Zukunft, um handeln, gestalten, Lösungen finden zu können.“

Dienstag, 21. Oktober 2025

Sterben soziale Medien?

Die ZEIT beschreibt das nachlassende Interesse an sozialen Medien. Stirbt Social Media? In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein u.a. ein Seminar zu sozialen Medien. 

Mehr Zeit am Smartphone – aber weniger Anteil für sozialen Medien 

Menschen in Deutschland verbringen immer mehr Zeit am Smartphone – sie hat sich auf täglich zwei Stunden verdoppelt, kaum gestiegen ist jedoch die tägliche Social-Media-Nutzung. Dies zeigt sich besonders bei den 16 bis 24jährigen, deren Nutzungsdauer bei sozialen Medien kaum mehr steigt. Ältere Menschen sind hingegen - auf deutlich niedrigerem Niveau - mehr auf sozialen Medien unterwegs. 

Haben soziale Medien ihren Zenit überschritten?

Viele Menschen haben auf Facebook, Instagram und Co. nicht mehr so viel Spaß. Der Wunsch seine Meinung zu teilen und neue Kontakte knüpfen sind gesunken, die Menschen suchen Inspiration oder folgen Promis und Influencern. Soziale Meiden werden immer weniger für das verwendet, was ihnen einst den Namen gab: für den sozialen Aspekt. Diese Kontakte verlagern sich auf die Messangerdienste, so nutzen über 80 % WhatsApp. 

Können Plattformen sich nur noch gegenseitig die Nutzer wegnehmen 

Die Autoren verweist auf die die Obergrenze der Mediennutzungsdauer: Wer zur Schule geht, einen Job oder Kind oder Angehörige betreut kann nicht endlos durch soziale Meiden swipen. Viele Nutzer sagen, dass sie die Zeit eher reduzieren wollen. Die Plattformen brauchen Wachstum für ihren Erfolg – und können nur durch hippere Angebote die Aufmerksamkeit an sich reißen. 

Haben die Formen ihre Dienste „verschlimmscheißert“

Die Autoren schließt mit der These des Internetkritikers Cory Doctorow. Er sagt die Techfirmen hätten ihre Dienste „verschlimscheißert“ – im Zuge des Geldverdienens haben sie jene vergessen, für die sie ihre Produkte einst gebaut haben – die Nutzerinnen und Nutzer. Es könnte sein, dass denen das langsam auffällt. 

Freitag, 17. Oktober 2025

Kulturkämpfe aufgeben und praktischen Fragen nachgehen

Detlef Esslinger fordert in der Süddeutschen Zeitung, dass die Politik Kulturkämpfe aufgeben und sich lieber simplen und praktischen Fragen kümmern soll. 
Ob es um Zuwanderung geht oder Rente, um Israel oder Putin: Viel zu oft leistet sich das Land ein Moralspektakel. Wer zur Einheit beitragen will, gibt die Kulturkämpfe auf und geht lieber den simplen und praktischen Fragen nach. 

In meinen Seminaren zur Gesellschaft biete ich ein u.a. ein Seminar zum Kulturkampf. 

Soziale Medien ermöglichen Kulturkämpfe

Noch sind in Deutschland Menschen in der Lage, miteinander ein Gespräch zu führen. Der Diskurs ist nicht durch konkrete Probleme bedroht, sondern durch einen Kulturkampf, den Populisten und andere Glücksritter erfolgreich angezettelt haben.
Dank der sozialen Medien kann man schnell den Unmut loswerden. Früher musste man Briefe schreiben, also „technisch viel zu aufwändig. Dennoch hält der Autor Raufbolde wie Franz Josef Strauß und Herbert Wehner, die oft nostalgisch verklärt werden, für entbehrlich. 

Kulturkämpfer wollen ein Moralspektakel

Der Philosoph Philipp Hübl nennt die Akteure „Polarisierungsunternehmer“. Kulturkämpfer drehen eine Heizungs- in eine Bevormundungs- und Enteignungsdebatte. Sie sortieren jeden, der sich zu Russland äußert, entweder in die Kategorie Kriegstreiber oder Putinversteher. Die Post bieten keine Argumente, sondern rufen zur Stammesbildung auf. Sie wollen, den Eindruck zu erwecken, die Gesellschaft sei gespalten, „obwohl das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht“. 

Dauerempörung über Pseudo-Grundsatzfragen 

Die Dauerempörung führt dazu, dass sich ausgerechnet die Vernünftigen aus der öffentlichen Debatte zurückziehen. Kulturkämpfer wollen die Probleme nicht lösen, sondern bewirtschaften. Der Verzicht auf Argumente ist für sie kein Mangel, sondern Konzept. Die Debatten sind oft Pseudo-Grundsatzfragen wie die Frage über Stra0ennahmen. 

Innerdeutsche Entspannungspolitik 

Der Autor fordert eine innerdeutsche Entspannungspolitik und Debatten über praktische Fragen: Wie viele und welche Zuwanderer werden gebraucht, wenn die Hubers und Maiers nicht mehr reichen, um S-Bahn-Strecken zu bauen und Alte zu pflegen? Wir sollten auf Moralspektakel verzichten: 
Eine pragmatische Gesellschaft ist immer auch eine gelassene Gesellschaft.

Freitag, 19. September 2025

Nils Kumkar über Polarisierung: Wir müssen Konflikte austragen

Nils Kumkar hat ein Buch über Polarisierung. In einem Interview und einer Rezension berichtet. Polarisierung ist auch ein wichtiges Thema bei meinen Seminaren zu gesellschaftlichen Themen. 

"Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen"

In einem Interview im SPIEGEL bezweifelt der Soziologe Nils C. Kumkar, dass die ideologischen Gräben in Deutschland immer tiefer werden – und fordert, Konflikte auszutragen. 

Es gibt keine grundsätzliche Polarisierung 

Das Konzept der Polarisierung wird herangezogen, um Probleme zu erklären. Kumkar bestreitet dies, da sich die Menschen in vielen Punkten weitgehend einig sind, z. B. zu unterschiedliche Lebensformen oder die Haltung zum Schwangerschaftsabbruch. Auch beim Streitthemen, gibt es nicht zwei Großgruppen, bei denen eine offene Grenzen überall und die andere Einwanderung komplett ablehnt. 

Affektive Polarisierung nimmt zu, wird aber überschätzt 

Affektive Polarisierung bedeutet, dass sich die politischen Lager immer stärker ablehnen. Diese nimmt zu, aber auch diese wird überschätzt. Dies hatte auch schon Steffen Mau in ihrem Buch Triggerpunkte beschrieben: Es ist eine gefühlte Polarisierung, aber keine reale. 
Diese Arbeiten haben auch gezeigt, dass Andreas Reckwitz mit seiner Analyse „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nicht richtig ist: Die Gesellschaft zerfällt nicht in die Grünen-wählenden Latte-Schlürfer in Berlin oder Hamburg und die AfD-wählenden Wutbürger in Cottbus oder Görlitz.

Kommunikative Polarisierung 

In seinen Forschungen hat Kumkar herausgefunden, dass es bei den Menschen nicht so sehr um Politik, sondern um Kommunikation geht. Sie beklagen, dass man früher trotz unterschiedlicher Meinung miteinander reden konnte und die nicht mehr so ist. Er nennt dies kommunikative Polarisierung. Ein Konflikt zwischen Extremmeinungen wird oft nur unterstellt.
Als Beispiel nennt er den Beschluss der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die entschieden hatte, am Christopher Street Day keine Regenbogenflagge zu hissen. Sie positioniert sich zwischen zwei Lagern, die sich gar nicht zu Wort gemeldet habe. 
Eine kommunikative Polarisierung hält er für unvermeidlich, denn moderne Politik operiert über Konflikt. Auch Medien prämieren Konflikt – mit Aufmerksamkeit, in Talkshows oder Leitartikeln. Es knallt dauernd, weil das auch unterhaltsam ist.

AfD als Fundamentalopposition 

Die AfD hat es geschafft, sich als Fundamentalopposition zu präsentieren. Die anderen Parteien machen dabei mit – so der Ministerpräsident von Brandenburg Dietmar Woidke, der mit der Parole „Wir gegen die“ die Wahlen gewonnen hat. Diese Polarisierung hat die Wahlbeteiligung erhöht. 
Die Ergebnisse der Bundestagswahl bei jungen Menschen zeigen, dass diese weniger Skrupel haben, extreme Parteien zu wählen. 

Soziale Medien als wichtiger Faktor 

Es gibt Selbstbestätigungszirkel, in denen sich Menschen nur mit Meinungen umgeben, die ihr eigenen widersprechen. Viele nutzen aber Meiden auch, um sich über Unterschiede zu informieren. 
Meinungen richten sich an vermeintlichen Extremen aus, viele sehen sich selbst in der Mitte und halten die anderen für Extremisten.
Die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf hat gezeigt, wie über soziale Medien eine Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht verhindert werden kann. Er betont aber, dass nicht nur die AfD auf Polarisierung setzt, die Linke setzt auf Konflikt: Verbraucher gegen Konzerne, Mieter gegen Vermieter. 

Gegensätze offenlegen und Konflikte suchen 

Kumkar fordert, dass Politik und Gesellschaft keine Scheu haben sollten, Gegensätze offenzulegen und Konflikte zu suchen – auch wenn sie polarisieren. Neben Migration fordert er auch Diskussionen über Klimapolitik, sozialer Ungleichheit, Wohnungspolitik? Da gibt es Interessenkonflikte, und die gilt es auszutragen. Seine Schlussfolgerung: Wir sollten uns trauen zu polarisieren: Die Demokratie hält nicht, weil alle sie und einander gut finden. Die Demokratie hält, weil und wenn sie sich darin bewährt, mit Uneinigkeit umzugehen.

Wem nützt Polarisierung?

Peter Laudenbach stellt in der Süddeutschen Zeitung das Buch von Nils Kumkar vor.

Polarisierung als Aufmerksamkeitsverstärker 

Kumkar untersucht nicht die Streitthemen, sondern die Wahrnehmung: Wovon reden wir, wenn wir von Polarisierung reden? Die Pole von Debatten stellen ein Magnetfeld dar, das die gesamte Debatte strukturiert. Dabei stehen die meisten Menschen in der Mitte. Treiber dieser Dramaturgie sind die Funktionsweisen sozialer Medien. Die Polarisierung sind Aufmerksamkeitsverstärker, Interpretationsschema oder Mittel zur Komplexitätsreduktion: Richtet sich die Debatte an zwei entgegengesetzten Polen aus, ist sie gleich viel übersichtlicher.

Konflikte sind der Normalfall 

Konflikte sind für Kumkar ein Kennzeichen liberaler Demokratie und nicht unbedingt ein Krisensymptom – sondern der Normalfall. Polarisierung ist kein Grund zur Panik, sondern hochfunktional und unvermeidlich. Politische Wirkung entwickelt, wer die Streitthemen setzt – und seien es alberne Petitessen wie die Verwendung geschlechtergerechter Sprache im amtlichen Schriftverkehr.

AfD nutzt Themen zur Polarisierung 

Für die AfD läuft alles nach Plan und nutzt die Konflikteskalation als Selbstzeck: Wir gegen alle anderen. Deshalb wirken die Forderungen nach „inhaltlich stellen“ ins Leere. Die AfD wird jedes Reiz- und Triggerthemen durch ein weiteres ersetzen. Auch wenn kein einziger Migrant mehr nach Deutschland kommen sollte, wird sich das Polarisierungsunternehmen AfD nicht auflösen, sondern die Leerstelle mit anderen Feindbildern besetzen. Die AfD wendet sich gegen die Spielregeln, gegen die Politik und das System. Sie beteiligen sich an der Debatte um den Debattenraum zu zerstören. 


Freitag, 15. August 2025

Weniger Migrantenkinder - bessere Bildung?

Martin Spiewak analysiert in der ZEIT die Forderung der neuen Bildungsministerin Karin Prien nach einer Obergrenze für Schüler mit Migrationshintergrund. Er fordert stattdessen gezielte Maßnahmen, um Schulen gezielt zu unterstützen. 

Heftige Diskussionen nach Priens umstrittenem Vorschlag 

Bundesbildungsministerin Karin Rien hat in Interviews über eine Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund nachgedacht. Wie sie selber sagte, steht diese Begrenzung weder im Koalitionsvertrag, noch ist sie zuständig. Auch der Begriff „Quote“ ist fragwürdig, denn es soll ja nicht wie z.B. bei der Frauenquote ein bestimmtes Ziel erreicht werden, sondern begrenzt werden. Dennoch entwickelte sich eine heftige Diskussion: Sorgen Kinder mit Migrationshintergrund für sinkende Lernniveaus. Profitieren sie vielleicht sogar von diesen Ideen? 

Der Autor stellt Erkenntnisse aus der Wissenschaft vor: 

1. Sind Einwandererkinder für die schlechten Leistungen verantwortlich?

Tatsächlich zeigen Schulvergleiche, dass Schüler mit Einwanderungsgeschichte schlechtere Leistungen erbringen, in Deutschland fallen diese Unterschiede sogar besonders groß aus. Bei genauerem Blick zeigt sich jedoch, dass die widrigen Umstände viel entscheidender sind. Studien zeigen, dass Kinder aus armen und bildungsfernen Familien schlechtere Leistungen zeigen, egal ob sie eingewandert sind oder nicht – ein "Hartz-IV-Deckel" wird jedoch bislang nicht gefordert.

2. Gibt es einen Anteil an zugewanderten Schülern, ab dem das Lernen nicht mehr funktioniert?

Studien zeigen, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Lernerfolgen und dem Anteil an Migranten gibt: Ein Schüler hat in einer Klasse mit 15 Prozent Anteil Zugewanderter größere Chancen, Fortschritte zu machen, als in einer mit 30 Prozent. Allerdings gibt es keinen Kipppunkt, ab dem negative Effekt besonders ausgeprägt sind. 

3. Ist Dänemark ein Vorbild? Oder die USA?

Dänemark wird als Vorbild genannt, allerdings gibt es dort keine Obergrenzen für Schulklassen. Stattdessen will man Stadtteile mit vielen Migranten aus „nicht-westlichen“ Herkunftsstaaten per Dekret verändern. Die Kinder dieser Viertel müssen verpflichtend eine Kita besuchen und Sprachtests absolvieren.
Das bekannteste Beispiel war die USA, die die Rassentrennung durch „Busing“ verändern wollte. Schüler aus armen schwarzen Vierteln wurden mit wohlhabenden weißen Vierteln gemischt. Auch die frühere Vizepräsidentin Kamala Haris hat davon nach eigenen Angaben davon profitiert. Es gab heftigen Widerstand und Ausschreitungen, zum Teil flohen weiße Eltern aus den Schulbezirken. Studien zeigen, dass sich in den gemischten Klassen die Leistungen der schwarzen Schüler verbesserten, ohne dass die weißen Schüler weniger lernten.

4. Ließe sich ein "Migrantendeckel" in Deutschland umsetzen?

In West-Berlin wurden solche Maßnahmen erprobt, allerdings scheiterte das Proberamm, weil Fahrkosten nicht übernommen wurden, vor allem aber, weil ein umgekehrter Transfer von Schülern ohne Migrationshintergrund auf große politische Widerstände stieß. Der Autor vermutet, dass auch heute die überwiegend nichtmigrantischen Akademikereltern ein Hindernis für die Durchsetzung der Obergrenze. „Sie mögen sich für weltoffen halten, sind aber die wahren Treiber der Segregation“. 
Als in Nordrhein-Westfalen die Pflicht aufgehoben wurde, sein Kind auf eine Schule im Umkreis zu schicken, mied die bildungsbewusste deutsche Mittelschicht fortan die Schulen vor der eigenen Haustür, sofern dort Kinder aus armen und bildungsfernen Familien lernten. Auch in sozial durchmischten Stadtvierteln sind die Schulen segregiert, verantwortlich dafür sind die Eltern."
Eine Obergrenze bei 30 oder 40 Prozent ist zudem schon aus demografischen Gründen unrealistisch: Der Anteil an Kindern mit Migrationsgeschichte unter den 0- bis 15-Jährigen lag in Deutschland im vergangenen Jahr bereits bei 42,5 Prozent. Man müsste Kinder aus Bremen also nach Bautzen schicken. 

5. Was könnte helfen?

Solange es segregierte Stadtteile gibt, wird es segregierte Schulen geben. Deshalb müssten Schüler, die es herkunftsbedingt schwerer haben, stärker unterstützen: mehr Lehrkräfte, Nachhilfe, gezielte Arbeit in den Familien. Hamburg macht es vor: sogenannte Brennpunktschulen werden direkt gefördert. Ein ähnliches Programm soll für die Kitas kommen. In der frühen Bildung sehen so gut wie alle Experten das größte Potenzial. Bisher funktionieren die Maßnahmen. Selbst nach mehreren Jahren in der Kita haben viele Einwandererkinder nicht genug Deutsch gelernt, um bei der Einschulung dem Unterricht gut folgen zu können.
Der Autor fordert: „Eine gezielte Privilegierung von unterprivilegierten Schulen und Kitas – mehr Fachkräfte, attraktivere Gebäude, bessere Förderprogramme – könnte sogar für alle Eltern interessant sein. Und am Ende die Debatte über Deckel, Obergrenzen oder Quoten überflüssig machen.“

Sonntag, 10. August 2025

Unsere Gesellschaft ist verrohter als viele denken

In einem Beitrag für den SPIEGEL kritisiert der Soziologe Wilhelm Heitmeyer, dass Gewalt und Rücksichtslosigkeit kleineredet werden: Diese Selbsttäuschung muss aufhören, sonst wird sich das Problem noch verschärfen

Unsere Gesellschaft verroht 

Umfragen zeigen, dass viele Menschen eine Verrohung der Gesellschaft spüren, sie beklagen mehr Egoismus und eine gesteigerte Aggressivität. Einige führen die ansteigende Zahl von Straftaten auf eine erhöhte Anzeigenbereitschaft und mehr Polizeiarbeit zurück. Diese Sensibilisierungsthese soll beruhigend wirken: So schlimm ist es gar nicht. Heitmeyer widerspricht dieser These und verweist auf die zahlreichen Befunde im gesellschaftlichen Alltag. 

Durchrohung mi unterschiedlichen Gewaltformen 

Für ihn ist Durchrohungsthese zutreffender. Der Begriff der Durchrohung beschreibt, wie private, öffentliche oder institutionelle Strukturen Menschen dazu stimulieren, Macht zerstörerisch einzusetzen. Die Gewaltformen reichen von Demütigung über Hass zu Gewalt. Diese Gewalt gibt es im privaten und öffentlichen Raum: gegen Polizei und Rettungskräfte, im Straßenverkehr, Schulen, in ökonomischen Räumen gegen Beschäftige, in der Politik und nicht zuletzt in den virtuellen Räumen des Internets. Er stützt sich dabei auf „unbeleuchtete Dunkelzonen“, d.h. Umfragen bei Ärzten, Mitarbeitern öffentlicher Einrichtungen, die über zunehmende Angriffe klagen. 

Zusammenhang von gesellschaftlicher Struktur und individuellem Verhalten 

Die These von der Durchrohung sieht einen Zusammenhang von gesellschaftlichen Strukturen und individuellem Verhalten.
Die zentrale gesellschaftliche Struktur ist das Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus muss sich um des eigenen Überlebens willen immer weiter ausbreiten und betrifft zunehmend auch den sozialen Bereich. Dadurch werden Menschen bewertet, wie nützlich, verwertbar und effizient sie sind. Der deregulierte Turbokapitalismus hat zu massiven sozialen Ungleichheiten geführt: 
Die Gesellschaft fällt dadurch zunehmend auseinander, viele Menschen fühlen sich verletzt und vermissen gesellschaftliche Anerkennung. Untersuchen zeigen einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gewalttaten. 

Soziale Individualisierung und kulturelle Singularisierung 

Der Soziologe Ulrich Beck hat die Individualisierungsprozess der Moderne bestimmt. Nicht mehr Herkunft und Klassenzugehörigkeit, sondern das individuelle Handeln ist prägend. Sie sind gezwungen, ihren Lebensplan durchzusetzen. Je individueller die Lebensplanung wird, desto mehr widersprüchliche und unklare Anforderungen werden an den Menschen gestellt. 
Der Soziologe Andreas Reckwitz betont die Logik des Besonderen, das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit. Diese Kriterien ändern sich ständig. Der zentrale Modus dieser kulturellen Singularisierung ist die Demonstration von Überlegenheit in der Alltagskommunikation.

Subjektivierung von Werten und Erosion von Normen

Beide Prozesse haben weitrechende Folgen. Sie betreffen die Subjektivierung von Werten (»Was als Wert gilt, bestimme ich«) und die Erosion von Normen (»Woran ich mich halte, bestimme ich«). Reckwitz verweist zudem auf die Relevanz von Affekten. Diese negativen Emotionen führen zur Verbreitung von Hass und Gewalt. Das inzwischen von autoritären Bewegungen und Parteien propagierte Ideal harter Männlichkeit verschärft die Problematik.
Wir erleben eine Abfolge von Krisen, in denen politische Instrumente nicht mehr funktionieren und viele Menschen dadurch Kontrollverluste erfahren. Das verringert das Gefühl, das eigene Leben selbstwirksam gestalten zu können und der Erwartung nach Einzigartigkeit zu entsprechen.

Debatte über Durchrohung ist notwendig 

Heitmeyer betont, dass die beschriebenen Strukturen, der Verlust von Empathie und die schwindende Bindung von Rechtsnormen zu dieser Verrohung führen. Beunruhigend ist, dass dies im Interesse von Akteuren mit Macht und Einfluss ist, die uns weiterhin etwas vorlügen können. Dazu gehören Wirtschaftsführer, die vom Kapitalismus profitieren, Politiker, die diese ökonomischen Strukturen nicht thematisieren und Meiden, die nicht auf diese Zusammenhänge hinweisen. Er fordert deshalb eine „produktiv radikale Debatte über die gesellschaftliche Produktion der Durchrohung“, ansonsten werden die Probleme weiter zunehmen – und das Bemühen, sie zu verdrängen.

Montag, 4. August 2025

Die junge Generation ist sensibel und klug

In einem Interview im SPIEGEL betont der Jugendforscher Klaus Hurrelmann: „Ich halte die junge Generation nicht für faul, sondern für sensibel und klug“. 

Junge Menschen werden in einer krisengeschüttelten Welt groß 

Studien zeigen, dass sich junge Menschen stark belastet fühlen – nicht erst seit der Coronapandemie. Der Anteil derjenigen, die therapeutische Hilfe benötigen, hat sich auf 20 % erhöht. Zwar mussten auch frühere Generationen mit Herausforderungen umgehen, wie z.B. durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Heute sehen sich jüngere Menschen aber vielen Krisen gegenüber. 
Durch digitale Kanäle wird jedes Ereignis verstärkt, dramatisiert und multipliziert. Fast ein Drittel der jungen Menschen haben keine Kontrolle über ihren Social-Media-Konsum. 

Sorgen um Krieg in Europa und Inflation 

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ zeigt, dass mittlerweile der Krieg in Europa und die Inflation die größten Sorgen von Jugendlichen sind – nicht mehr der Klimawandel wie bei der letzten Studie vor fünf Jahren. Viele haben Angst, dass ihre Arbeit in zehn Jahren noch sicher ist und sie sich das Leben leisten können. Die steigenden Preise verstärken diesen Effekt. Daran ändert auch der Fachkräftemangel nichts, denn die Jungen werden viel Verantwortung stemmen müssen. 

Klimawandel kein großes Thema mehr 

Für Hurrelmann war die Coronapandemie entscheidend, dass der Klimawandel keine große Rolle mehr spielt, denn die beiden Hebel von Fridays for Future – Schulschwänzen und Demonstrieren – wurden hinfällig. Er bedauert dies, denn er sah die Chance auf gesellschaftliche Veränderungen. Zahlenmäßig waren mehr Menschen beteiligt als bei der 68er Generation. 

Kinder zu sehr in Watte gepackt 

Die Kinder der 68er haben laut Hurrelmann ihre Kinder zu sehr in Watte gepackt. Studien zeigen, dass die Hälfte der Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder oft überfordert ist und ein Drittel sogar erschöpft und am Rande ihrer Möglichkeiten. Viele Eltern hinken den technischen Möglichkeiten ihrer Kinder hinterher und haben ihren eigenen Medienkonsum nicht im Griff. Folglich hält er auch für Verbote von sozialen Medien für kontraproduktiv. Besser wäre es, die Konzerne zu regulieren.

Generationen müssen im Dialog bleiben 

Er beklagt, dass ältere und jüngere Menschen immer weniger Bezugspunkte haben. Dabei wäre ein Dialog und die Akzeptanz wichtig, damit jeder seine Stärken einbringen kann. In Parteien, Vereinen und Kirchen ist das Durchschnittsalter hoch, junge Menschen diskutieren auf ihren digitalen Plattformen. Eine Wehrpflicht oder ein soziales Pflichtjahr befürwortet er nur, wenn alle in die Pflicht geworden, z.B. durch einen Pflichtdienst für Senioren. 

Die junge Generation verhält sich solidarisch

Hurrelmann betont, dass sich die junge Generation bereits solidarisch verhält. Während der Coronapandemie wurden sie als Letzte geimpft und schulen waren lange geschlossen. Sie tragen das Rentensystem und müssen immense Schuldenberge abbauen: Die Jungen leisten viel – auch wenn die Alten gern auf sie schimpfen.  Er fordert einen flexibleren Renteneintritt. Warum sollen Menschen mit 65 plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen sein? Er selbst hat nun mit 81 Jahren ein Buch über die Jugend geschrieben und versucht den Kontakt zu jüngeren Menschen zu halten. 

Junge Menschen haben ein gutes Gespür 

Hurrelmann bestreitet, dass jungen Menschen nicht mehr leistungsbereit sind. Sie blicken auf die gestressten Eltern, die dem Beruf alles untergeordnet haben, oft auch die eigene Gesundheit. Daher hält es für verständlich, dass sie andere Schwerpunkte setzen. Er lobt die Klimabewegung, die viel bewegt hat und kritisiert den Rechtsruck, auch wenn er die Ursachen herleiten kann. 
An seiner eigenen Generation kritisiert er, dass sie die Lebensleistung der Nachkriegsgeneration nicht ausreichend anerkannt hat, da diese unter katastrophalen Bedingungen ihren Alltag gemeistert haben. 


Donnerstag, 17. Juli 2025

Kulturkampf jetzt auch in Deutschland?!

Katharina Riehl kommentiert in der Süddeutschen Zeitung die geplatzte Wahl Frauke Brosius-Gersdorfs zur Verfassungsrichterin. Sie argumentiert, dass es auch in Deutschland einen Kulturkampf gibt. Dieses Thema greife ich auch in meiner aktualisierten Themenliste auf. 

Lehrstück für einen modernen Kulturkampf 

Die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin zeigen mehrere Dinge. Der Unions-Fraktionsvorsitzende kann nicht führen, die Koalition wird ihrem Anspruch auf Geschlossenheit nicht gerecht und es ist ein Lehrstück über den modernen Kulturkampf. Wir gegen die, die gegen uns. Gegen die Professorin lief eine offensichtlich geplante Kampagne. Das rechtspopulistische Portal Nius und einschlägige Kanäle stellten sie als ultralinke Ideologin dar. Sie überfluteten Abgeordnete mit E-Mails und kritisierten die liberale Haltung zur Abtreibung und ihr Eintreten für eine Impflicht. 

Eine Schmutzkampagne wie aus dem Handbuch

Die meisten gegen Brosius-Gerstdorf vorgebrachten Vorwürfe sind unsinnig. Sie hat nie für eine Abtreibung bis zur Geburt geworben, vielmehr tritt sie für eine Entkriminalisierung in den ersten drei Monaten. Sie betonte auch immer wieder die schwierige Abwägung zwischen dem Schutz des Embryos und der Mütter. Bisher sorgte das austarierte Konstrukt, dass das Verhältnis zwischen liberalen und konservativen Richtern gleich bleibt -für die Union steht mit dieser Personalie konkret nichts auf dem Spiel.

Die Kampagne des „Plagiatsjägers“

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang ein selbsternannter „Plagiatsjäger“, der von rechten Kräften bezahlt auffallend häufig Frauen von der linken Seite ins Visier nimmt. Aber nicht mal er konnte ein Plagiat erkennen, übernommen wurden diese Vorwürfe in der Bundestagsdebatte dennoch, auch von Abgeordneten der Union. 

Kulturkämpfer brauchen keine Fakten

Oft reicht eine Idee, um eine brutale Debatte zu entflammen. Sie zeigt sich auch an dem Vorgehen gegen trans Personen, die bekämpft werden, als ob ihre schiere Existenz tatsächlich den Alltag der anderen bedrohen könnte. Die Bereitschaft abweichende Meinungen auszuhalten, ist auf beiden Seiten des politischen Spektrums kleiner geworden. Auch die Grünen haben einen Kandidaten der Union abgelehnt, allerdings gab es da keine digitale Hetzkampagne.

Harmonie zu verordnen, das alleine wird nicht reichen

Donald Trump hat in den letzten Monaten den Kulturkrieg durchgeführt – und in Deutschland sah man entsetzt zu. Aber auch in Deutschland droht die Ideologisierung der großen Themen die Parteien der Mitte zu zerreißen. Diese unversöhnliche Stimmung lässt sich nicht durch verordnete Harmonie nachholen.  „Wer ideologische Gräben verkleinern will, muss sie erkennen, muss moderieren, muss überzeugen. Die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf nachzuholen, wäre dafür ein guter Anfang.“

Meine Seminare zu gesellschaftlichen Themen

Zum Thema Gesellschaft biete ich eine Reihe von Themenvorschläge. Dazu zählt ein Seminar über die Frage, ob Deutschland gespalten ist und ein neuer Vorschlag über den Kulturkampf. Unter dem Titel „Über (Anti-)Wokeness, Abtreibung und Gendern – ein Kulturkampf?“ stelle ich die Begriffe vor und diskutiere, ob wir uns bereits in einem Kulturkampf befinden. 

Mittwoch, 25. Juni 2025

In der analogen Welt stören Kinder immer

Der Soziologe El Mafaalani hat ein Buch über die Lage von Kindern (Minderheit ohne Schutz) geschrieben und geht dabei der Frage nach, wie man die Jugend nur so übersehen konnte. In einem Artikel im SPIEGEL und einem Interview in der Süddeutschen Zeitung berichtet er 

Minderheitenschutz für Kinder 

In seinem Artikel im SPIEGEL fordert Aladin El-Mafaalani einen Minderheitenschutz für Kinder, denn die alternde Gesellschaft ist weder kindergerecht noch ist sie gerecht zu Kindern.

Abwärtstrend in allen Bereichen 

Der Soziologe analysiert Probleme in allen Bereichen, die Kompetenzen der Schulkinder sind rückläufig, es fehlen Kita- und Schulplätze, das Armutsrisiko ist höher und auch Wohlbefinden und Gesundheit leiden. 

Ausnahme als Normalzustand 

Am Beispiel des Jahrgangs 2007 zeigt er die Probleme. Als sie acht Jahre alt waren, erlebten sie die Flüchtlingskrise, ihre Sporthallen dienten als Massenunterkünfte. Mit 13 zwang sie die Coronapandemie zum Stillstand. Sie wurden am stärksten eingeschränkt und benachteiligt.  Nach der Pandemie folgten von 2022 an der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation – und wieder Geflüchtete in den Schulen. Hinzu kommen die Klimakrise, der Aufstieg des Rechtspopulismus und gestresste Eltern und Lehrer. 

Wie konnten wir die Jungen so übersehen?

Als diese Generation die schlechtesten Ergebnisse bei der PISA-Studie seit 2000 ablieferte, wurde die nüchtern zur Kenntnis genommen. Die Ergebnisse der Europawahl wurde mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Statt zu fragen, was mit der Jugend los ist, sollten wir fragen, wie wir die Jungen nur derart übersehen konnten. 
Eine Antwort: Weil es so wenige sind, andererseits können die Eltern die Interessen nicht wirkungsvoll vertreten. Sie haben nicht die Zeit und sind ihrerseits eine demokratische Minderheit. Dies führt zu eine Form der Diskriminierung: »Adultismus«, also die strukturelle Benachteiligung der Jüngsten. 
Da die Zahl der Kinder weiter abnimmt und das Durchschnittsalter steigt, wäre ein Minderheitenschutz und zukunftsorientiertes Handeln dringender denn je. 

Mindestens fünf große Baustellen 

Der Autor identifiziert mindestens fünf zu bearbeitende Baustellen: 
Familien müssen entlastet werden: mehr Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten 
Ohne die Alten geht es nicht. Es gibt viele Ältere mit Zeit und Lebenserfahrungen: würden sie sich stärker engagieren, könnten Kindergärten und Schulen entlastet werden, auch mit materiellen Anreizen. Die vielen Alten müssen ein substanzieller Teil der Lösung werden.
Die Bildung muss erheblich gestärkt werden. Dazu zählen mehr Geld und Personal, aber auch Verantwortung. Sie müssen attraktive Lern- und Lebensorte werden.
Die Rechte von Kindern müssen explizit Verfassungsrang bekommen. Juristisch mag richtig sein, dass Grundrechte auch für Kinder gelten, Ergänzungen sind aber nicht nur ein Symbol, sondern entfalten gesellschaftliche Wirkung.
Mehr  Mitbestimmung: Demokratien haben eine schwache Zukunftsorientierung, schon bald werden die Rentner die stärkste Wählergruppe ein. Jugendliche müssten deshalb die Chance erhalten, zu politischen Akteuren zu werden. Dazu zählt eine Absenkung es Wahlalters auf 16 und ein effektiver politischer Minderheitenschutz für junge Menschen. 

Die Zukunft im Blick

Zukunftsräte mit jungen Menschen zwischen 10 und 30 Jahren sollten sämtliche wichtigen Beschlüsse im Hinblick auf Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit prüfen, diskutieren, kommentieren.
Entscheidungen würden weiterhin von den demokratisch legitimierten Parlamenten getroffen, sie müssten sich aber ständig mit den Forderungen auseinandersetzen. Die Zukunft käme in den Blick.
Viele der heute 17 und 18jährigen werden die nächste Jahrtausendwende erleben. Deshalb erscheinen diese weitreichenden Maßnahmen gerecht: Wie sollen wir diesem Zeithorizont und all dem, was da kommt, gerecht werden, wenn nicht mit extrem weitreichenden Maßnahmen?

In der analogen Welt stören Kinder immer 

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung  konstatiert El-Mafaalani „In der analogen Welt stören Kinder immer“

Es gibt auch Positives 

Zu Beginn des Interview berichtet El Maffaalani über etwas Positives: Das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern sowie zwischen Enkeln und Großeltern ist derzeit sehr gut. Die reinen interaktions- und Kommunikationsphasen haben die höchsten jemals gemessenen Werte. Positiv sind auch bessere Englischkenntnisse, die haben aber wahrscheinlich nichts mit der Schule, sondern eher mit Netflix zu tun. 

Gestresste Eltern 

Die mentale Last der Eltern ist groß, trotz Neuerungen wie Elterngeld oder Rechtsanspruch auf Kitaplatz. Die höchste Müttererwerbsquote gibt es in einkommensschwachen Familie. Es geht also schlicht darum, nicht unter die Armutsgrenze zu fallen. Kinder werden oft nur noch dann wahrgenommen, wenn sie stören oder nicht funktionieren? Die digitale Welt ist längst ein Beruhigungsmittel, weil Kinder und Jugendliche zu wenige andere Möglichkeiten haben.

Zu wenig Angebote und Räume 

Der Soziologe beklagt, dass es zu wenige Räume gibt, in denen sie sich einfach mal ausprobieren oder auch nur austoben kann, sind sehr rar. Es lässt sich nicht einfach klären, ob Kinder erst verdrängt wurden und sich deshalb in die digitalen Räume zurückgezogen habe oder umgekehrt. 
Wenn sich Jugendliche dann mal draußen treffen, drohen die ersten mit der Polizei 

Große Heterogenität 

Die Heterogenität der Familien– die Lebensbedingungen, die Interessen, die Sprachen, die gesprochen werden, die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, die Religionen – ist so groß wie nie. Was sie allerdings alle eint: Sie haben keine Zeit.

Junge Männer wählen rechts, weil die Frauen an ihnen vorbeiziehen

Die Wahlergebnisse zeigen, dass die Wahlergebnisse auseinander gehen: Während Männer zunehmend rechts wählen, werden junge Frauen eher noch linker. Ein Grund könnte sein, dass die Frauen den Männer in vielen Bereichen überlegen sind. Allerdings fehlen verlässliche Studien. Eine weitere These ist, dass junge Menschen einfach diejenigen wählen, die sie direkt ansprechen und zumindest mal ein paar ihrer Probleme benennen. Dies ist ein Grund für die Wahl von AfD und Linken, denn die Die anderen Parteien haben junge Menschen auf eine desolate Art und Weise ignoriert. 

Kulturwandel nötig 

Auch im Interview fordert der Soziologe einen radikalen Kulturwandel: mehr teilhabe, mehr Mitbestimmung Bildungseinrichtungen sollen Familien nicht ersetzen, müssen aber Aufgaben , die 
Außerdem fordert er einen Minderheitenschutz, die mit einer besseren Wahrnehmung verbunden sein könnten. So könnten ausweisen, was Unter-30-Jähgike dazu meinen. In einigen Fällen könnte dies bedeuten: Deutschland ist dafür, aber diejenigen, die es ausbaden müssen, sind dagegen.